Kurz nach seinem Neuanfang in Kumait, einem Provinznest im Südosten Iraks, muss Salih Sultan feststellen, dass man vor seinen Problemen nicht fliehen kann – und schon gar nicht vor sich selbst. Denn auch hier fürchtet der Lehrer und Dichter nichts mehr, als zu scheitern. Wie in einem kontinuierlichen Selbstgespräch quält ihn die Frage, die er früher einmal in einem Gedicht las: „Was hast du aus deinem Leben gemacht?“ So viel ist ziemlich schnell klar: Einfach ist das nicht mit dem Neuanfang.Der in Deutschland lebende irakische Autor Najem Wali erzählt in „Ein Ort namens Kumait“ eine Geschichte über Machtdynamiken in der irakischen Provinz unmittelbar vor dem Ausbruch des Iran-Irak-Kriegs im Jahr 1980 sowie über eine leidenschaftliche Liebe zwischen dem dreißigjährigen Geschichtslehrer Salih Sultan und seiner neunzehnjährigen Schülerin Madschida. Abgekämpft und müde steht Salih am Tag nach seiner Ankunft in Kumait vor seiner neuen Schulklasse, die er in Geschichte unterrichten soll. In „objektiver Geschichte“, wie ihn der Schuldirektor ermahnt, also die, wie sie die Machthaber in die Lehrbücher an den Schulen und Universitäten eingeschrieben haben.Najem Wali: „Ein Ort namens Kumait“SecessionEs waren seine politischen Ansichten, die Salih aus der Hauptstadt getrieben haben. Obwohl er nicht der regierenden Baath-Partei beigetreten ist, hat Salih unter Androhung von Folter eine Verpflichtungserklärung unterschrieben und die feste Absicht, sich nun von allem Politischen fernzuhalten. Doch Kumait ist längst nicht mehr das idyllische ländliche Refugium, das er in Erinnerung hatte, sondern ein Mini-Polizeistaat.Dass seine Liebe zu Madschida keine einfache ist, das weiß Salih. Es ist ihm auch bewusst, dass er vorsichtig sein muss. Er will weder seine Schülerin noch sich ins Gerede bringen und schon gar nicht ins Visier der vielen regimetreuen Spitzel kommen, die er überall vermutet. Er weiß, dass er als kommunistischer Oppositioneller ganz besonders unter Beobachtung des mächtigen Ortsvorstehers Issam Mahud steht. Was Salih jedoch nicht weiß: Die schöne Madschida weckt nicht nur sein Begehren, sondern auch das des Ortsvorstehers, dessen Familie seit Jahrzehnten die Macht über den Ort hat. „Als er seine Großmutter nach Mâhûd fragte, hatte sie geantwortet: ‚Die Osmanen und Engländer haben dieser Familie die Herrschaft über den Ort übertragen‘, und seufzend hinzugefügt: ‚Die Mâhûds haben alle Macht der Welt‘.“ Anfang der Achtzigerjahre steckt der Kolonialismus dem Land noch in den Knochen und hat ein zutiefst korruptes System hinterlassen, auch wenn der Irak formell nur von 1920 bis 1932 offiziell britisches Mandatsgebiet war.Die Romanfigur teilt das Schicksal mit dem AutorIssam Mahud stellt Madschida hinterher, verfolgt sie Tag für Tag, während Salih versucht, die Liebe der jungen Frau durch die Literatur zu gewinnen. Er steckt ihr nach einer Schulstunde „Die weißen Nächte“ von Dostojewski zu. Madschida fühlt sich zu beiden Männern hingezogen: zu Salih, weil er verletzlich, sensibel, gebildet und melancholisch ist, zu Issam, weil er eine interessante Herausforderung für sie darstellt.Najem Wali, der 1956 in Basra geboren wurde und in Bagdad Germanistik studiert hat, wurde 1980, kurz vor Ausbruch des Irak-Iran-Krieges, zum Militärdienst einberufen, woraufhin er desertierte und nach Westdeutschland floh. Wieso seine Romanfigur Salih Bagdad verlassen musste, das erklärt Wali in diesem zwischen 1987 und 1989 verfassten Roman Stück für Stück, in Rückblenden und Einschüben – und vor allem in vielen Selbstgesprächen. Doch die vielen Erzählstränge sind oft ebenso verworren wie Salihs Gedanken und machen es dem Leser schwer, einen roten Faden zu erkennen. Das Buch kam erst 1997 auf Arabisch heraus und wurde jetzt von Imke Ahlf-Wien ins Deutsche übersetzt. Warum es so lange dauerte, bis sich ein arabischer Verlag dafür fand, wird von Wali mit einer Szene im Buch erklärt, in der Salih von seiner Beschneidung als kleiner Junge erzählt und sie als Folter bezeichnet.Doch dieser Tabubruch war sicherlich nicht der einzige Grund. Wahrscheinlicher ist, dass es die vielen expliziten, ausschweifenden Sexszenen und -phantasien sind, denen Wali in seinem Roman viel Platz einräumt. Vor allem die Sprache der Frauen ist in diesem Buch oft vulgär, und man fragt sich als Leserin unweigerlich, ob es das Wunschdenken des männlichen Autors ist, dass Frauen so reden und denken. Aus heutiger Sicht, dreißig Jahre nach Erscheinen des Buchs und in einer Zeit, in der intensiv über weibliche Selbstbestimmung diskutiert wird, liest sich der Roman, als wäre er aus der Zeit gefallen. Es ist nicht nur die detailliert beschriebene sexuelle Selbstfindung der Schülerin, die problematisch ist, sondern auch die Berichte ihrer Großmutter, die sehr explizit und mit Freude über sexuelle Ausschweifungen ihres Mannes und den Sex mit ihm spricht, oder die Schilderung von Salihs Ehe in Bagdad, die fast ausschließlich über den dominanten Sex erzählt wird, den er mit seiner Frau erlebt.Als Madschida und Salih über „Die weißen Nächte“ sprechen, fragt sie ihn: „Muss jede Liebesgeschichte eine Tragödie sein?“ Man wünscht den beiden, dass diese Liebesgeschichte nicht in einer Tragödie endet, doch die Umstände, in denen diese Liebe keimt, sind ebenso lebensfeindlich wie das staubige Klima im Irak.Najem Wali: „Ein Ort namens Kumait“. Roman. Aus dem Arabischen von Imke Ahlf-Wien. Secession Verlag, Berlin 2026. 220 S., geb., 25,– €.
Skandalroman: Najem Walis „Ein Ort namens Kumait“
Porträt eines Iraks, dem der Kolonialismus noch in den Knochen steckt: Najem Walis Roman „Ein Ort namens Kumait“ ist nach dreißig Jahren erstmals ins Deutsche übersetzt worden.







