Für Anne Heimendahl liegt die Erfahrung, die ihren Berufsweg veränderte und seitdem prägte, rund 40 Jahre zurück. Die junge Bremerin war damals Schwesternschülerin im Diakonissenkrankenhaus in ihrer Heimatstadt. „Der Umgang mit Sterbenden, die buchstäblich allein gelassen wurden, entsetzte mich. Es war oft so trostlos.“ Heimendahl entschied sich, noch einmal neu anzufangen, tiefgehender, umfassender. Sie studierte Evangelische Theologie in Berlin, wurde Gemeindepfarrerin in Berlin und Bremen, arbeitete im St. Christopher’s Hospice in London, der ersten modernen Hospizeinrichtung weltweit, die palliative und spirituelle Schmerzbehandlung, Pflege, Weiterbildung und klinische Forschung miteinander verband.Zurück in Deutschland wurde Heimendahl Krankenhausseelsorgerin, verband damit den ersten und den zweiten Teil ihrer Ausbildung. Moderne Krankenhausseelsorge versteht sich heute als Dienst der Kirche und Teil einer ganzheitlichen Gesundheitsversorgung, die den Menschen in seiner körperlichen, psychischen, sozialen und spirituellen Dimension wahrnimmt, denn die wissenschaftliche Evidenz belegt, dass zur Genesung und Gesundheit mehr gehört als nur eine körperlich gute Versorgung.Für Kranke, Ärzte und das PflegepersonalSie umfasst auch nicht mehr nur die Sorge für die Kranken auf den Stationen, sondern auch für die Ärzte und das Pflegepersonal, die unter hohem physischen und emotionalen Druck stehen: „Wenn man einer 40 Jahre alten Mutter von drei kleinen Kindern eine Krebsdiagnose überbringen muss, stellt man sich oft auch als Arzt oder Ärztin Fragen nach dem Sinn des Lebens und der eigenen Arbeit.“Und dann ist da noch der enorme Kostendruck: Unter ihm leiden die Krankenhäuser, in denen seit den Siebzigerjahren ein Effizienzdenken Einzug gehalten hat, das der persönlichen Anteilnahme am Schicksal eines Kranken immer weniger Raum lässt. Aber auch die Kirchen haben zu kämpfen, mit Kosten-, vor allem aber mit Personalnot. „Dieser Entwicklung wollen wir durch Bündelung der Kräfte, Weiterentwicklung der Qualitätsstandards und Wirksamkeitsforschung begegnen“, sagt Heimendahl, die seit 2026 auch Vorsitzende der Konferenz für Krankenhausseelsorge in der Evangelischen Kirche in Deutschland ist.Auf Beschluss der Konferenz wurde dazu jetzt ein überkonfessioneller Fachverband der Krankenhausseelsorger und -seelsorgerinnen gegründet, der als Ansprechpartner für Politik und Öffentlichkeit fungieren und die Interessen der Patienten, Mitarbeiter und Seelsorger vertreten soll. Die 61 Jahre alte Heimendahl ist voller Tatendrang. „Meine vier Kinder sind jetzt erwachsen, zwei auch schon aus dem Haus, und ich kann endlich manches zu Ende denken und neue Projekte auf den Weg bringen.“