Sie gab den Sterbenden eine Stimme und wurde weltberühmt: zum 100. Geburtstag von Elisabeth Kübler-RossDie Schweizer Sterbeforscherin brach als junge Ärztin mit einem Tabu: Sie hörte den Sterbenden zu und machte sie so zu Experten ihres eigenen Erlebens. Sie selbst lebte ein Leben voller Widersprüche.Anna Elsner08.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenTrotz ihrer lebenslangen Beschäftigung mit Sterben, Tod und Trauer haderte sie am Ende mit ihrer eigenen Vergänglichkeit: Elisabeth Kübler-Ross 1970, damals als Psychiaterin für die Universität Chicago tätig.APWas bewegt einen Menschen dazu, sein Leben dem Erforschen des Sterbens zu widmen? Und wie untersucht man etwas, das einem letztlich unergründlich bleiben wird? Vielleicht braucht es eine besondere Bereitschaft zum Scheitern, um von Anfang an akzeptieren zu können, dass endgültige Antworten ausbleiben werden. Vielleicht aber auch ein Urvertrauen, unterstützt durch ein Aufwachsen in der scheinbar heilen Welt von Meilen am Zürichsee. Das jedenfalls verbindet mich mit der Grande Dame der Sterbeforschung, Elisabeth Kübler-Ross.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Heute wäre Kübler-Ross hundert Jahre alt geworden. Ein Anlass, sie neu zu entdecken, als Pionierin der Sterbeforschung natürlich, aber auch als durchsetzungsstarke und unbeirrbare Frau der Nachkriegszeit, als Meisterin der Selbstinszenierung und als durch und durch widersprüchlichen Menschen.Als Drilling wollte sie besonders seinZur Tabubrecherin wurde Kübler-Ross lange, bevor sie in den 1960er Jahren in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Als junge Psychiaterin holte sie sterbende Menschen aus den Hinterzimmern des Billings Hospital der University of Chicago. Ihr Leben, so jedenfalls erzählt sie es in ihrer 1997 erschienenen Autobiografie «Das Rad des Lebens», sei von Anfang an von einem Drang zur Grenzüberschreitung geprägt gewesen. Zeitlebens machte sie ihre Geburt als eine von Drillingen dafür verantwortlich, dass sie sich durch Selbstbehauptung unverwechselbar zu machen suchte.Auch ihr Interesse an Tod und Sterben verortete sie in Kindheitserfahrungen. Eine Lungenentzündung führte dazu, dass sie – in einem Spital isoliert – die Erfahrung einer entmenschlichten Medizin machte. Zudem erinnert sie sich an einen Nachbarn, der nach einem Sturz vom Baum von seiner Familie umringt den Tod erwartete – eine frühe und prägende Begegnung mit der Endlichkeit.Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schloss sie sich dem internationalen Freiwilligen- und Friedensdienst an, unterstützte den Wiederaufbau zerstörter Städte in Osteuropa und besuchte das Konzentrationslager Majdanek. Besonders beeindruckten sie die von Kindern in die Wände geritzten Schmetterlinge, die später zum Motiv ihrer Vorstellung vom Tod als Zustand der Transformation werden sollten.Sie wollte in ihrer Familie herausstechen: Aufnahme aus dem Film «Elisabeth Kübler-Ross – Dem Tod ins Gesicht sehen» (2001) von Stefan Haupt.Frenetic FilmsOb sich diese und andere Erinnerungen tatsächlich so zugetragen haben oder im Nachhinein zur sinnstiftenden Dramaturgie wurden, bleibt offen. Aber gerade darin liegt ein Teil der Faszination, die ihre Person bis heute umgibt: die Erzählung einer Lebensgeschichte, die sich aus einer besonderen Nähe zum Tod entwickelt hat.Die fünf «stages» erobern die WeltGemeinsam mit ihrem amerikanischen Ehemann verliess Kübler-Ross 1958 die Schweiz – nach Abschluss eines Medizinstudiums in Zürich, das sie gegen den Widerstand ihres Vaters hart erkämpft hatte. In einer ihrer ersten Stellen brach sie mit einem damals ungeschriebenen Gesetz: Sie suchte das Gespräch mit Sterbenden und bezog nicht nur deren Erfahrungen, sondern auch die Betroffenen selbst in ihre Lehrveranstaltungen ein. Für die Medizin der 1960er Jahre, die geprägt war von einer Verdrängung des Todes, war dies ein revolutionärer Schritt.Den Anstoss zu den Sterbeseminaren hatten ihr vier Theologiestudierende gegeben. Die Zusammenarbeit, die sich daraus entwickelte und die sie selbst als «interdisziplinär» bezeichnete, entstand in einer Zeit, als dieser Begriff noch nicht zu einer sinnentleerten Zierde akademischer Förderanträge geworden war. Sie ist Ausdruck einer Bereitschaft, eine ungewöhnliche Forschungsfrage ernst zu nehmen. Unorthodox waren die Methoden schon damals, aus heutiger Perspektive erscheinen sie umso ungewöhnlicher, als ein vergleichbares Vorhaben kaum ohne die Zustimmung zahlreicher Ethikkommissionen denkbar wäre.Als Kübler-Ross 1965 begann, Interviews mit Sterbenden zu führen, legte sie damit den Grundstein für ihr 1969 erschienenes Buch «On Death and Dying». Bekannt wurde es vor allem durch die fünf «stages», die im Deutschen als «Phasen» wiedergegeben werden. Das hat zu einem Missverständnis geführt, das sich auch deshalb verfestigt hat, weil das Phasenmodell immer wieder von der Pop-Kultur aufgegriffen wird: von der «Sesamstrasse» bis zu Taylor Swift. Ihm zugrunde liegt die Annahme, Kübler-Ross beschreibe das Sterben – und später auch die Trauer – als linearen, treppenartigen Prozess mit klar aufeinanderfolgenden Schritten. Eine solche Linearität findet sich in ihrem Text allerdings nicht.Ihr Schweizer Akzent gefiel den Amerikanern, der Rollkragenpullover war ein Markenzeichen. Kübler-Ross 1974 bei einem Vortrag an der ETH in Zürich.Photopress-Archiv / KeystoneDie vielleicht schönste Antwort auf eine verengte Lesart des Modells liefert das Gedicht «The Five Stages of Grief» der amerikanischen Lyrikerin Linda Pastan aus dem Jahr 1978: Kaum ist die letzte Stufe, die «Akzeptanz», erreicht, wird deutlich: «But something is wrong. Grief is a circular staircase. I have lost you.» Wenn Trauer eine Treppe wäre, dann eine spiralförmige: Man bewegt sich zwar weiter, doch längst durchlebt geglaubte Gefühle können jederzeit zurückkehren, mitunter in ihrer ursprünglichen Wucht.Die Autorität der SterbendenBestechend an «On Death and Dying» ist die Form. Die langen Interviewtranskripte machen sichtbar, was es bedeutet, Patientinnen und Patienten wirklich zuzuhören und ihrer persönlichen Erfahrung dadurch Autorität zu verleihen. Sie wurden zu Expertinnen und Experten ihres eigenen Erlebens. Kübler-Ross war jedoch nicht die Erste, die diesen Ansatz verfolgte: Die britische Ärztin Cicely Saunders, Schlüsselfigur der weltweiten Hospizbewegung, hatte bereits einige Jahre zuvor Gespräche mit sterbenden Menschen geführt – Arbeiten, auf die Kübler-Ross verweist.Während Saunders’ Wirken zeitlebens in der institutionellen Praxis verankert blieb, führte «On Death and Dying» Kübler-Ross aus der Klinik heraus. Das Buch machte sie nahezu über Nacht weltberühmt, und eine 1969 im «Life»-Magazin erschienene Reportage tat den Rest. Neben Bildern der Ärztin finden sich Fotografien einer attraktiven 22-jährigen, lachenden Leukämiepatientin.Diese idealisierte Sterbedarstellung, geprägt von traditionellen Vorstellungen jugendlicher Weiblichkeit, steht in einem Spannungsverhältnis zu den feministischen Zügen, die man in Kübler-Ross’ Leben und Wirken erkennen kann. Doch die mediale Inszenierung verfehlte ihre Wirkung nicht: Es folgten Jahre intensiver Reisetätigkeit, in denen sie weltweit von Tausenden besuchte Vorträge und Workshops gab.Der kanadische Palliativmediziner Balfour Mount, angetan vom charakteristischen schweizerdeutschen Akzent der zierlichen Frau, beschrieb ihre charismatische Präsenz während eines Vortrags so: «In Hose und Rollkragenpullover gekleidet, ignorierte sie das Rednerpult und setzte sich stattdessen auf einen Labortisch, dem Publikum direkt zugewandt, die Beine baumelnd und das Mikrofon in der Hand. Alle waren wie gebannt.»«Den Tod gibt es nicht» und weitere SpannungenMan kann Kübler-Ross’ Schaffensgeschichte bis in die 1970er Jahre hinein rückblickend fast geradlinig erzählen. Auch ihr Bruch mit der Universität erscheint nachvollziehbar. Er ergab sich aus einem Zusammenspiel ihrer umstrittenen Methoden, der Vorurteile gegenüber ihr als Frau, des Ausbleibens wissenschaftlicher Publikationen und nicht zuletzt des Neids auf ihren plötzlichen Erfolg.Was darauf folgte, wirft mehr Fragen auf. Sie liess ihre Familie zurück, um in Kalifornien ein Heilzentrum zu gründen, und arbeitete mit Geistheilern, die, wie sich später herausstellte, in sexuelle Skandalfälle verwickelt waren. Sowohl ihr erstes Zentrum, genannt Shanti Nilaya, als auch die später in Virginia gegründete Farm wurden unter ungeklärten Umständen durch Brandstiftung zerstört.Sie wurde mit ihrem Hang zu Esoterik zunehmend umstritten. Kübler-Ross 1978.Lynn Gilbert / Archive Photos / GettyIn ihren späteren Büchern schmälert sich ihr wissenschaftlicher Blick zusehends und verschiebt sich auf das Spirituelle. So plädierte sie dafür, dass «es den Tod nicht gibt», und berichtet von Séance-Erfahrungen, in denen sie erfuhr, in einem früheren Leben eine Lehrerin zu Zeiten Jesu gewesen zu sein.Trotz dieser esoterischen Dimension ihres Denkens: Sie wäre kaum die selbstbewusste Persönlichkeit, als die sie bekannt wurde, hätte sie diese Spannungen gescheut. So reflektiert sie in ihrer Autobiografie auch eigene Irrtümer. Ausserdem blieb ihre spätere Lebensphase weiterhin von grossen Idealen geprägt. Entsprechend sollte die Farm ein Hospiz für HIV-infizierte Kinder werden, und sie setzte sich visionär gegen die damals weitverbreitete Angst vor einer Ansteckung mit Aids ein.Bei Oprah zürnte sie dem TodKübler-Ross’ Leben widerspiegelt zentrale Entwicklungen der Medizin des 20. Jahrhunderts: von der Patientenautonomie bis hin zur Frage nach der Rolle der Medizin im Sterben. Und genau hier entzieht sich ihre Biografie einmal mehr einfachen Deutungen.Sie war überzeugt, dass man so lange leben müsse, bis man ausgelernt habe. Daher verweigerte sie ihrer Mutter den Wunsch nach Sterbehilfe – diese habe noch lernen müssen, Fürsorge anzunehmen. Diese Haltung reibt sich mit ihrer Vorstellung vom Patienten als Lehrer. Als sie später ein ähnliches Schicksal ereilte und sie nach mehreren Schlaganfällen, körperlich eingeschränkt und weitgehend isoliert, in Arizona lebte, soll sie ihre Freundin Caroline Myss gefragt haben, wie sie ihren Tod beschleunigen könne.In «The Oprah Winfrey Show» sprach sie unverhohlen über ihre Wut auf das nahende Ende. Auch Stefan Haupts Dokumentarfilm «Elisabeth Kübler-Ross – Dem Tod ins Gesicht sehen» (2001) zeigt ihr Ringen mit dem eigenen Sterben. Das war überraschend für viele, die angenommen hatten, dass die lebenslange Beschäftigung mit dem Tod zwangsläufig zu einem leichteren Sterben führe.Was am Ende bleibtVielleicht ist es gerade dieses letzte Kapitel ihres Lebens, in dem Kübler-Ross selbst zur Patientin wird, das ihre Überzeugung in eindrücklicher Weise sichtbar macht: Sterben ist unerträglich, doch es lässt sich ein wenig leichter tragen, wenn man darüber sprechen kann. Dass sie am Ende ihres Lebens in gewohnter Direktheit kein Hehl daraus machte, wie schwer ihr das eigene Sterben fiel, zeigte weniger, «dass es den Tod nicht gibt», als vielmehr, wie real er ist und wie widersprüchlich die Auseinandersetzung mit dem Sterben bleibt.Ihre eigene, sterbende Stimme bricht so die Verengungen ihrer späteren spirituellen und beschönigenden Gewissheit wieder auf und ermöglicht einen Blick auf ein aussergewöhnliches Leben, das sich einfachen Urteilen bis heute entzieht.Kübler-Ross, hier 1998 vor ihrem Haus in Scottsdale, Arizona, erlebte den eigenen Tod als Skandal. Sie starb 2004 mit 78.Alessandro Della Valle / KeystoneAnna M. Elsner ist assoziierte Professorin an der Universität St. Gallen. Sie forscht zu kulturellen und narrativen Dimensionen von Medizin, Krankheit und Sterben.Diesen Mittwoch 8. Juli läuft der Dokumentarfilm «Elisabeth Kübler-Ross – Dem Tod ins Gesicht sehen» um 12:15 Uhr im Kino Le Paris in Zürich. Regisseur Stefan Haupt ist anwesend.Passend zum Artikel
100 Jahre Elisabeth Kübler-Ross: die Frau, die den Sterbenden eine Stimme gab
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