«Eine starke, mutige Forscherin»: Die Zürcher Soziologin Katja Rost stirbt im Alter von 50 JahrenSie machte sich mit ihrer Forschung zur Gleichstellung einen Namen – und sorgte mit unbequemen Aussagen für Schlagzeilen, zuweilen auch für Proteste. Nun ist Katja Rost nach schwerer Krankheit gestorben.22.06.2026, 18.18 Uhr4 LeseminutenDie Soziologin Katja Rost lehrte und forschte seit 2010 an der Universität Zürich.Karin Hofer / NZZWas hält die Gesellschaft zusammen? Wie funktionieren die Gesetze der Anziehung zwischen Frauen und Männern, und welche ökonomischen Bedingungen liegen dieser zugrunde? Katja Rost erforschte als Soziologieprofessorin an der Universität Zürich die lebensnahen Fragen. Sie machte sich damit einen Namen als vielseitig interessierte, unerschrockene Forscherin, die sich nicht scheute, mit ihren Befunden auch einmal anzuecken.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Erst Anfang Juni ist Rosts Buch «Bumerang Frauenquote» erschienen, das sie zusammen mit der emeritierten Ökonomie-Professorin Margit Osterloh und zwei weiteren Co-Autorinnen geschrieben hat. Diese Woche findet die Vernissage statt, auf Wunsch von Rost wird daran festgehalten. Das Interesse an der Publikation zeigt: Die Soziologieprofessorin hat es verstanden, gesellschaftspolitische Themen aufzugreifen, die jenseits der akademischen Welt interessieren und oft ein gewisses Aufregerpotenzial enthielten – weil sie in ihrer Forschung nicht zeigen wollte, wie die Welt zu sein hat, sondern wie sie ist. Daraus zog sie dann ihre Schlüsse.Jede Frau soll frei wählen, wie sie leben willIn «Bumerang Frauenquote» (NZZ-Libro-Verlag) kommen Rost und Osterloh basierend auf ihren Untersuchungen von den grossen börsenkotierten Schweizer Unternehmen zum Ergebnis, dass die Frauenquote ihren Dienst erfüllt hat. Sie hat mehr Frauen in die Geschäftsleitungen gebracht. Nun stagniere die Zahl bei 22 Prozent, und nicht nur das: Inzwischen schade die Quote den Frauen, so ein Fazit der beiden Wissenschafterinnen. Weil die Nachfrage viel höher sei als der Pool an karrierewilligen Frauen, blieben diese weniger lang auf einer Stelle, was auf sie zurückfalle. Rost und Osterloh sind sich einig, dass man Frauen nicht vorschreiben könne, was sie wollen sollten.Rost präsentierte die Thesen des Buchs vor kurzem in einem Essay für die «NZZ am Sonntag». Denn die öffentliche Auseinandersetzung war ihr ein Anliegen, so überraschend und zum Teil unbequem der Befund ihrer Studien auch war. Auch schreiben konnte sie so, dass ein breites Publikum sie verstanden hat. Als Kolumnistin verschiedener Zeitungen schrieb sie über das fehlende Netzwerk-Talent von Frauen oder die immer besser ausgebildeten Frauen, denen die Partner ausgehen – auch deshalb, weil Frauen bildungsmässig «nach oben» heiraten möchten. Solche stereotyp klingenden, aber auf wissenschaftlichen Daten beruhenden Ergebnisse haben nicht immer allen gefallen.Ihre «Leaky Pipeline»-Studie zog Shitstorm nach sichAuf besonders viel Gegenwind stiess Katja Rost mit ihrer Studie, die der Frage nachging, weshalb an der Universität der Frauenanteil bei den Studierenden noch sehr hoch ist, er aber, je weiter oben in der Hierarchiestufe man sich befindet, stetig sinkt. «Leaky Pipeline», also tröpfelnde Leitung, nennt sich in der Fachwelt dieses Phänomen. Das überraschende Resultat: Nicht etwa die Diskriminierung sei dafür verantwortlich, sondern dass die Frauen andere Interessen und Lebensentwürfe hätten als die Männer.Der Sturm der Entrüstung war gigantisch. An der Uni wurden Unterschriften gesammelt gegen Rost und ihre Co-Autorin Osterloh, unzählige Journalistinnen schrieben, weshalb ein solches Studienresultat unmöglich richtig sein könne. Die Uni organisierte eine vielbeachtete Podiumsdiskussion, die dann eher einem Tribunal glich. Eine renommierte ETH-Professorin stellte Rost und Osterloh vor dem Plenum bloss, indem sie sagte, die Studie wäre bei ihr nicht einmal als Bachelorarbeit durchgegangen.Doch die Kritikerinnen lagen falsch: Zwei Jahre nach der ganzen Debatte bestand die Studie einen umfassenden Peer-Review-Prozess und wurde in der «European Management Review» veröffentlicht, einem respektierten Wissenschaftsjournal, das nur 10 Prozent der eingereichten Arbeiten annimmt.Für eine frauenfreundlichere UniKatja Rost in die frauenfeindliche Ecke zu stellen, war ohnehin deplatziert. Ihre Diplomarbeit an der Universität Leipzig schrieb sie über Schönheitsvorstellungen junger Frauen. An der Universität Zürich wurde sie 2019 zur Präsidentin der Gleichstellungskommission gewählt. Dabei setzte sie sich vor allem für eine familienfreundliche Universität ein. Gleichstellungsfragen waren für sie auch in der Forschung immer wichtig.Gemeinsam mit Margit Osterloh wies sie nach, dass sich Frauen dreimal so häufig für Führungspositionen bewerben, wenn es ein Losverfahren gibt statt ein kompetitives Verfahren. Und dass es Methoden gibt, um die Selbstüberschätzung der Männer bei Stellenvergaben zu bändigen, so dass die bescheideneren Frauen nicht im Nachteil sind.Margit Osterloh sagt über ihre langjährige Forschungspartnerin: «Sie war eine unglaublich kreative Frau, eine starke und mutige Forscherin.» Zudem sei sie äusserst fleissig gewesen, habe sehr viel gearbeitet. «Ihre Familie wohnte in Innsbruck, sie war unter der Woche in Zürich und nur am Wochenende zu Hause.» Wenn Rost von der Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie sprach, von den Schwierigkeiten von Frauen in Führungspositionen, so konnte sie auch aus der eigenen Erfahrung schöpfen.Katja Rost litt an einem multiplen Myelom, auch Knochenmarkkrebs genannt. Eine bösartige Erkrankung, die in Schüben auftritt und als unheilbar gilt. Vor etwa acht Jahren erhielt sie die Diagnose. In letzter Zeit traten laut Osterloh die Schübe in immer kürzeren Abständen auf, mehrmals sei sie in Therapie gewesen. Dies habe sie nie von der Arbeit abgehalten. «Sie ging auch mit der Krankheit enorm diszipliniert um, hat sich heldenhaft geschlagen», sagt Osterloh.Am Samstag ist Katja Rost im Alter von 50 Jahren gestorben. Sie hinterlässt einen zwölfjährigen Sohn und einen Ehemann.Passend zum Artikel
«Eine starke, mutige Forscherin»: Soziologin Katja Rost stirbt im Alter von 50 Jahren
Sie machte sich mit ihrer Forschung zur Gleichstellung einen Namen – und sorgte mit unbequemen Aussagen für Schlagzeilen, zuweilen auch für Proteste. Nun ist Katja Rost nach schwerer Krankheit gestorben.
Katja Rost, Soziologieprofessorin an der Universität Zürich, stirbt mit 50 Jahren; eben veröffentlichte sie das Buch «Bumerang Frauenquote». Ihre Studie «Leaky Pipeline» zeigte wissenschaftlich: Karriereunterschiede von Frauen stammen aus Lebensentwürfen, nicht Diskriminierung.








