«An Respektlosigkeit nicht zu überbieten»: Der VW-Chef steht nach der Ankündigung seines Zukunftsplans in der KritikOliver Blume will den Autokonzern radikal umbauen, lässt aber wichtige Dinge offen. Die Kommunikation des Vorstands sorgt in der Belegschaft und der Politik für Entsetzen.10.07.2026, 14.24 Uhr4 LeseminutenOliver Blume stellte am Donnerstagnachmittag dem Aufsichtsrat seine Pläne für einen Konzernumbau vor.Malte Ossowski / Sven Simon / ImagoOliver Blume hat nicht bekommen, was er wollte. Wie viele Zeitungen seit Wochen übereinstimmend berichten, wünscht sich der VW-Chef für seinen Autokonzern ein radikales Sparprogramm: Werke in Deutschland sollen schliessen, über 100 000 Stellen abgebaut werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Um all das umzusetzen, braucht Blume aber das Einverständnis des Aufsichtsrats. Dieser tagte am Donnerstagnachmittag in der Konzernzentrale, das Industrie- und Autoland Deutschland blickte gespannt nach Niedersachsen.Als der VW-Konzern am späten Abend über den Ausgang des Gipfeltreffens informierte, verkündete das Unternehmen zwar einen «Zukunftsplan». Konkrete Sparmassnahmen erwähnt es darin aber nicht. Eine Schmach für den Konzernchef, urteilen erste Beobachter.Doch Blume will geduldig bleiben. Womöglich dachte er sich bereits von Anfang an: Wolfsburg wurde nicht an einem Tag erbaut.«Absolutes Desaster»Bei VW steht nun das Ziel des Vorstands fest. Der Konzern soll künftig weniger Modelle anbieten, die Produktionskapazität soll von 12 auf 9 Millionen Fahrzeuge im Jahr sinken. Wie diese Vorgabe aber konkret umgesetzt wird, ist weiterhin offen. Das Unternehmen gab keine Auskunft, wie viele Stellen für die neuen Pläne wegfallen sollen - und ob sogar ganze Werke geschlossen werden.Am Tag nach der Verkündung des Zukunftsplans für seinen Konzern steigt der Druck auf VW-Chef Oliver Blume.So stellte die Betriebsratschefin Daniela Cavallo Blume ein Ultimatum: Noch am Freitag müsse er öffentlich zu den Gerüchten um den Abbau von Stellen sowie mögliche Schliessungen von Werken beziehen: «Kommt der Konzernchef der Aufforderung nicht nach, gibt es nach der Sommerpause VW-weit und zeitgleich ausserordentliche Betriebsversammlungen, um die Vorstände dort ans Mikrofon zu zitieren.» Der Umgang des Vorstands mit der Belegschaft sei «an Respektlosigkeit nicht mehr zu überbieten», sagte Cavallo. Blume stehe in der Pflicht, «diesen massiven Schaden wenigstens noch zu begrenzen».Thorsten Gröger, Verhandlungsführer der Gewerkschaft IG-Metall, nannte die Kommunikation des Vorstands ein «absolutes Desaster». Er sagte: «Ganze Regionen werden in Angst und Schrecken versetzt.»Auch Grant Hendrik Tonne, SPD-Wirtschaftsminister des Bundeslandes Niedersachsen, kritisierte Blume. Er fordere vom VW-Konzern ein tragfähiges Konzept, bei dem ein weiterer Stellenabbau und Werkschliessungen ausgeschlossen werden. Tonne spricht von einer «Kommunikation der Angst», wie er in einem Gespräch mit NDR Info sagt. Die Verunsicherung in der Belegschaft sei mit den Händen greifbar. «Das ist unanständig, so mit den Kolleginnen und Kollegen umzugehen».Der Betrieb von Volkswagen im Emden ist einer der vier Werke, der im Falle einer Umsetzung der Pläne von Oliver Blume wegfallen könnte.ImagoKeine Mehrheit für den SparplanKonzernvorstand Oliver Blume hatte dem Aufsichtsrat des Unternehmens am Donnerstagnachmittag ein umfangreiches Paket mit zwölf Initiativen vorgestellt. Welche konkreten Massnahmen er vorschlug, verschwieg Blume.Im Voraus hatten mehrere Medien jedoch berichtet, Blume werde den Aufsichtsräten einen konkreten Sparplan vorlegen - ein «Group Target Picture», hiess es intern. So wolle der VW-Vorstand weltweit über 100 000 Stellen streichen und vier Werke des Konzerns in Deutschland schliessen. Die VW-Werke in Emden, Hannover und Zwickau sowie das Audi-Werk in Neckarsulm stünden zur Disposition.Dass VW im Zukunftsplan am Donnerstagabend keine klaren Sparvorgaben bekanntgab, ist ein Indiz: Sollte es in der Sitzung des Aufsichtsrats zu einer Abstimmung über den Plan gekommen sein, hat Blume dafür keine Mehrheit erhalten.Erklären lässt sich das mit der Zusammensetzung des Gremiums, denn im Aufsichtsrat gibt es Lager mit unterschiedlichen Interessen. Die Familien Porsche und Piëch, sowie die Repräsentanten des katarischen Staatsfonds «Qatar Investment Authority» sollen gemäss Berichten als wichtige Aktionäre die Sparpläne des VW-Chefs stützen. Die Vertreter der Arbeitnehmer sowie des Bundeslandes Niedersachsen hingegen lehnen die Werksschliessungen ab.Auch in anderen Themen scheinen die Meinungen auseinander gelegen zu haben. So berichtete die «Bild-Zeitung», dass die Vertreter des katarischen Staatsfonds, dem drittgrössten Aktionär bei VW, ein Veto gegen eine Übernahme des VW-Werks in Osnabrück durch den israelischen Rüstungskonzern Rafael eingelegt habe. Wie die «Financial Times» im Frühling berichtete, wollte VW mit einer Kooperation die 2300 Arbeitsplätze am Standort retten.In mehreren Etappen zum ZielDer VW-Vorstand wird demnächst erklären müssen, wie er die genannten Punkte aus dem Zukunftsplan erreichen wird. Auch wenn Blume jetzt Dinge wie Werkschliessungen und den Abbau weiterer Stellen verschweigt: Allen Beteiligten ist klar, dass ein Konzernchef bei einer Halbierung der Modellpalette auch Einschnitte bei der Belegschaft erwartet.Blume will neu verhandeln, was er bei den letzten grösseren Verhandlungen mit den Betriebsräten vereinbart hatte: In einer Erklärung von Volkswagen mit den Arbeitnehmern von Ende 2024 ist festgehalten, dass betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2030 ausgeschlossen würden. Die Vereinbarung garantiert ausserdem den Erhalt der grösseren Werke in Deutschland.Wie das «Handelsblatt» mit Verweis auf Konzernkreise schreibt, soll Blume seinen Sparplan nun in mehreren Etappen vorantreiben. Die «Süddeutsche Zeitung» berichtet, dass der Konzernchef seine Strategie für die nächste Sitzung des Aufsichtsrats im September an wesentlichen Stellen nachbessern müsse, weil das vorgestellte Konzept zu unscharf gewesen sei.In einem sind sich alle Beteiligten einig: Will VW eine gute Zukunft haben, wird es grundlegende Veränderungen brauchen. Bei den Vorstellungen zur Umsetzung liegen aber Welten zwischen den verschiedenen Lagern.Passend zum Artikel