Was ein betrunkener Dialyse-Patient in Staffel 2 der berühmten, in der Notaufnahme eines Chicagoer Krankenhauses spielenden Serie „Emergency Room“ formuliert, ist ein klassischer zynischer Vergleich von Menschen und Schweinen: „The more I see of people, the more I like pigs.“ Je mehr ich von den Menschen weiß, desto lieber mag ich Schweine. Menschen lösen Schweine ab auf der untersten Sympathiestufe. In anderen Negativ-Rankings teilen sie sich den untersten Platz noch, wie „Männer sind Schweine“ von den Ärzten.Im Unterschied zu Menschen, deren gelegentliches lügnerisches und betrügerisches, hinterhältiges, armseliges oder verbrecherisches Verhalten zu Skepsis oder Verachtung Anlass geben kann, haben Schweine gar nichts verbrochen. Es sind empathiefähige Tiere, die in Versuchen anderen, hilfebedürftigen Ferkeln beispringen und die im berühmten Spiegelversuch erkennen, dass sie sich selbst sehen und kein anderes Schwein. Sie lieben es, sich in Pfützen zu suhlen, und spielen im Schlamm. Sie sind auch nicht ohne Grund gerne dreckig. Die Dreckschichten an ihnen bieten ihrer hellen, lichtempfindlichen Haut Sonnenschutz. Auf Nahrungssuche rüsseln sie über den Boden, sie quieken und grunzen: Laute, die zu interpretieren gar nicht so schwer ist.Gerettet: Ferkel, die aus einem Mastbetrieb geholt wurdenAlice BaldwinZwar haben sie als ausgewachsene Tiere keine Taille, keinen Hals, keine eleganten Bewegungen und keine schöne Stimme – sie sind nicht das, was Biologen eine „sexy species“ nennen im Hinblick auf ihre Wahrnehmung durch unwissenschaftliche Beobachter. Dass sie aber so verspielt und witzig sind wie Hunde und diese im Hinblick auf Intelligenz hinter sich lassen können, dass sie, wenn man sie rauslässt aus dem Stall und ihnen entsprechend viel Platz bietet, diesen nach Liege-, Fress- und Kot-Bereichen trennen und sich Nester bauen, zeigt, wie verkannt sie sind.Sie lieben es, im Schatten zu chillenWer Schweine hat, weiß, wie sie es lieben, im Schatten zu chillen, und dass sie morgens gerne ausschlafen, wenn der Rhythmus ihrer Umgebung so ist. Schweine sind Allesfresser und nutzen ihr Grabewerkzeug in Experimenten sogar zum Öffnen von Kisten, um an Futter zu gelangen. In Gewässern vor südlichen Inseln schwimmen sie zu Urlauberbooten und fordern die Touristen dazu auf, ihnen Früchte zu geben.Anna Schubert und Hendrik Haßel beobachten seit Jahren Schweine, die so gehalten werden, dass sie nichts von alledem anwenden können. Schweine, die in trüb beleuchteten, dreckigen Ställen aus den Neunzigerjahren ohne Fenster, ohne Tageslicht ihr Leben als Zuchtsauen, in der Ferkelaufzucht und in der Mast fristen. Da stehen sie mit 2500 anderen in Backsteinhallen mit Spaltboden-Boxen zu acht Tieren und mit einem Alibi-Spielzeug, für das sich das normal begabte Schwein bereits nach einem Tag nicht mehr interessiert.Schubert und Haßel haben das Eintreten für Tierrechte zu ihrem Beruf gemacht. Nach und nach haben sie eine Gruppe aufgebaut, mit der sie an ihren Abenden und an ihren Wochenenden Aktionen durchführen, um auf die Zustände in der Lebensmittelindustrie aufmerksam zu machen. Immer wieder finden sie Ställe mit abstoßenden Haltungsbedingungen, vergammelte, von Spinnweben verhangene, fensterlose Baracken mit Neonröhren an der Decke, die der Dreck gedimmt hat. Tote Ferkel liegen neben ihren lebenden Leidensgenossen. Sauen kurz vor dem Ferkeln stehen zwischen Stangen. Es stinkt nach Kot und nach der Angst und dem Leid der Tiere.Tür abschließen lohnt nicht, das ist kein Schwein wertSchubert und ihre Gruppe machen nie etwas kaputt, wenn sie einen solchen Stall aufsuchen und die Zustände dokumentieren. Es gibt genügend alte Stallgelände, die ohnehin gar nicht gesichert sind. Ein einzelnes Schwein ist so wenig wert, dass nicht einmal die Türen hinter ihm abgeschlossen werden. Man darf sich auch nicht vorstellen, dass der Bauer nebenan wohnt. Tagsüber kommen Arbeiter, aber nachts läuft nicht einmal ein Wachmann herum. Die Haltungsbedingungen schnell fettgemästeter Schlachtschweine sind entsetzlich.Neue Kampagnenhelden: Aktivisten holten die Jungtiere aus der Dunkelheit.Alice BaldwinSchubert und ihre Gruppe glauben daran, dass diese Bilder veröffentlicht werden müssen, damit sich etwas ändert. Sie ziehen Schutzanzüge und Schuhüberzieher an, wenn sie mit den Kameras in die Ställe gehen, damit sie keine Keime einschleppen. Sehr selten ist etwas anders, wenn sie den Stall nach ein paar Stunden Arbeit verlassen. Meistens bemerken die Mitarbeiter am Morgen nicht einmal, dass in der Nacht Besuch da war. Nicht einmal, wenn sie, bei ganz seltenen Gelegenheiten, ein oder zwei Tiere mitnehmen.Vor Kurzem haben sie, und auch das fiel niemandem auf, zwei wenige Wochen alte Ferkel mitgenommen. Am nächsten Tag wurden die sehr kleinen Tiere auf einem Lebenshof unter eine Wärmelampe ins Heu gelegt. Ein Tierarzt schaut nach ihnen. Hier sollen sie zwischen Schafen und Hühnern und anderen Schweinen aufwachsen und die Kampagnenhelden der Tierbefreiung werden, indem sie Bilder ihres Lebens mit der Öffentlichkeit teilen. Sie haben Namen bekommen und tollen durchs Gras. Und was ihr lustiges Grunzen bedeutet, ist jetzt wissenschaftlich belegt.Die dunklen Grunzlaute verlängern sich klagendDer Biologin Elodie Mandel-Briefer und weiteren Forschern ist es an der Universität Kopenhagen gelungen, die Lautsprache der Schweine zu entschlüsseln und die Bedingungen ihres Wohlseins zu verstehen. Geht es Schweinen gut, geben sie dunkleres, kurzes, gleichbleibend klingendes Grunzen von sich. Sind sie gestresst oder empfinden sie Schmerz oder Angst, schreien sie in sehr hohen Tönen. Sind sie anhaltend negativem Stress ausgesetzt, verlängern sich die dunklen Grunzlaute klagend.Im Schlachthof-Prozess um die von Schubert und Haßel veröffentlichten Bilder der quälenden Betäubungsvorgänge der zum Schlachten bestimmten Schweine wurde auch klar, dass selbst viele biologisch gehaltene Schweine am Ende auf dieselbe, Tierleid nicht vermeidende Weise getötet werden. Mandel-Briefer konnte nun anhand der Lautinterpretation akustischer Kommunikation nachweisen, dass die Entspanntheit und Zufriedenheit zu Lebzeiten sich bei biologisch und konventionell in Ställen gehaltenen Schweinen ebenfalls kaum unterscheiden. Schweine geben Glücks- und Zufriedenheitslaute von sich, wenn sie Licht, Luft und Auslauf, Schlamm, Gras und Platz haben.Der größte Unterschied zwischen der biologischen und konventionellen Stallhaltung ist, dass die Bio-Schweine mehr Platz haben. Das hatte keinen signifikanten positiven Einfluss auf ihr Wohlbefinden. Einen Unterschied machte in diesen beiden Haltungsformen nur das Verhalten des Landwirts. Dass ein Bauer seinen Tieren zeigen muss, dass sie ihm nicht egal sind, damit sie sich wohlfühlen, muss uns eine Studie erklären? Und was, wenn es sich da eher um eine Art Stockholm-Syndrom handelte?
Wer schützt die Schweine?
Warum lässt die Gesellschaft diese skandalöse Schweinehaltung zu? Doch nicht allen ist das Schwein gleichgültig: Wie zwei Tierschutzaktivisten zwei Ferkel retteten.







