Seit Ende Mai gelten in Nordkorea eine Reihe neuer Verkehrsregeln. Wer bei Rot über die Straße geht, macht sich strafbar. Haustiere dürfen nur noch an der Leine ausgeführt werden. Und auch das Rauchen am Steuer ist inzwischen untersagt. Der nordkoreanische Staatssender KCTV widmete den Neuerungen im Rahmen seiner Sendung „Recht und Bürger“ gleich einen zweiteiligen Beitrag.Anlass der neuen Regeln: In Nordkorea besitzen immer mehr Privatpersonen ein Auto. Das ist neu. Bislang gehörten Autos entweder dem Staat oder dem Militär, erkennbar war das am blauen beziehungsweise schwarzen Kennzeichnen. In den letzten Monaten aber mischten sich darunter immer mehr gelbe Kennzeichen. Heißt: Privatbesitz.In einem Land, das darauf nicht ausgerichtet ist, sorgt das schnell für Chaos. Auf Satellitenbildern lässt sich das gut erkennen: Zu sehen sind überfüllte Parkplätze, erste Staus und fehlende Infrastruktur.STADTZENTRUM, PJÖNGJANG, NORDKOREA05.04.2026: An einer Kreuzung nahe eines städtischen Parks stauen sich die Autos. Foto: LiveEO/Up42/AirbusDer Boom folgt auf Änderungen im nordkoreanischen Recht. In den vergangenen zwei Jahren wurde der private Autobesitz formalisiert. Seitdem dürfen Führerscheininhaber ein Fahrzeug pro Haushalt über staatlich zertifizierte Händler erwerben.Zusätzlich befeuert wird das von der gestiegenen Kaufkraft in Nordkorea. Die Wirtschaft boomt wie seit Jahren nicht, vor allem aufgrund von Nordkoreas Waffenverkäufen und Truppenentsendungen nach Russland. So sicherte sich das stark isolierte Land zuletzt auch seine Energieversorgung und den Zugang zu Baumaterial.Allein Waffengeschäfte und Truppenentsendung brachten Pjöngjang zwischen August 2023 und Ende 2025 zwischen 7,7 und 14,4 Milliarden Dollar ein, schätzt das Institut für Nationale Sicherheitsstrategie (INSS), eine in Seoul ansässige Denkfabrik mit Verbindungen zum südkoreanischen Geheimdienst. 2024 verzeichnete Nordkorea mit 3,7 Prozent die höchste Wachstumsrate seit acht Jahren. Das geht aus den jüngsten Zahlen der südkoreanischen Zentralbank hervor, die für ihre Schätzung auf Geheimdienstdaten zurückgreift. Offizielle Wirtschaftsdaten veröffentlicht das Regime nicht.Ein Teil der Devisen aus Waffengeschäften und Truppenentsendungen kommt offenbar auch bei der Bevölkerung an. Allerdings nur bei einem kleinen Anteil der Menschen: Zielgruppe der neuen Regelung sind vor allem die Donju, eine wachsende Schicht von Unternehmern und Händlern. Sie sind zu Geld gekommen, wollen es auch ausgeben. Kim Jong-un braucht diese Klasse als Rückhalt und lässt sie deshalb gewähren. Wer sich als treuer Teil des Systems erweist, wird belohnt, notfalls mit einem eigenen Auto.Für die meisten Nordkoreaner bleibt ein Auto unbezahlbar. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen lag zuletzt bei monatlich 99,17 Dollar. Die günstigsten Automodelle kosten in Nordkorea umgerechnet 15.000 bis 20.000 Dollar. Laut UN ist fast die Hälfte der 26 Millionen Einwohner des Landes unterernährt. Das gilt vor allem für die Menschen abseits der Hauptstadt.Der Autoboom und seine Folgen sind somit vor allem ein Pjöngjang-Phänomen. Dort beschäftigen die Menschen neuerdings Dinge, die anderswo auf der Welt längst Alltag sind: Stau und Parkplatzprobleme.Wie viele Autos dort tatsächlich unterwegs sind, ist unbekannt. Experten schätzen, dass die Zahl der privaten Fahrzeuge schon bald die Marke von 20.000 knacken wird. In sozialen Medien kursieren schon jetzt Bilder von gelben Kennzeichnen mit fünfstelligen Nummern. Als endgültiger Beweis genügt das aber nicht.
Kim Jong-uns Autoboom: Nordkoreas Parkplatzmangel und das zweite Autohaus
In Pjöngjang wächst eine Autokultur heran, die es offiziell nicht geben dürfte. Satellitenbilder zeigen volle Parkplätze und jede Menge Verkehr. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.







