Aus den muslimischen Gemeinden kommen positive Signale für die Idee, dass der Freistaat Bayern eine eigene Ausbildung für Imame in Moscheen etablieren soll. Das zeigte sich am Donnerstag im Bildungsausschuss des Landtags, wo die Abgeordneten mit Experten aus Religion und Wissenschaft darüber diskutierten. „Bayern braucht eine Imam-Ausbildung, freilich“, sagte Maher Khedr, Imam beim deutschsprachigen Muslimenkreis in Weiden. „Nicht irgendwann. Wir sollten jetzt gemeinsam damit beginnen, den richtigen Weg dafür zu entwickeln.“ Gönül Yerli, Religionspädagogin und Vizedirektorin der Islamischen Gemeinde Penzberg, sagte: „Lassen Sie uns einen Imam made in Bavaria kreieren!“Dennoch sind viele Fragen ungeklärt, von der Konzeption eines solchen Studienfachs bis hin zur tatsächlichen Akzeptanz der Absolventen in der Breite der Religion. Vertreter von Ditib, Deutschlands größtem und dem türkischen Staat verbundenen Moscheenverband, waren bei der Debatte im Landtag gar nicht am Tisch. Es seien, bilanzierte Ausschusschef Peter Tomaschko (CSU), „keine Schnellschüsse“ zu erwarten. Und seine Stellvertreterin Gabriele Triebel (Grüne) räumte ein: „Wir können das nicht von heute auf morgen umsetzen, das braucht wirklich Zeit.“Das religiöse Personal in Moscheen ist ein Dunkelfeld. Weder das Innenministerium im Freistaat noch im Bund weiß wegen des Selbstbestimmungsrechts der religiösen Gemeinschaften, wie viele Imame mit welcher Ausbildung und aus welcher Strömung überhaupt tätig sind. Das belegen jüngste Presseanfragen der SZ. Imame werden teils aus dem Ausland geholt, teils von Religionsgemeinschaften selbst ausgebildet, auch hierzulande. Bundesweit bieten zwar inzwischen mehrere Universitäten islamische Theologie an, in Bayern vor allem Erlangen-Nürnberg. Diese Studiengänge bereiten aber meist auf wissenschaftliche Laufbahnen oder den Lehrerberuf an Schulen vor, und nicht für eine praktische Religionstätigkeit. Vorreiter ist indes Osnabrück in Niedersachsen, wo ein vom Bund gefördertes Islamkolleg schon Imame ausbildet.Diskutiert wird über das Thema bereits seit vielen Jahren. Die CSU fordert zuletzt in einer Resolution bei ihrer Klausur in Kloster Banz, dass Geistliche in den Moscheen hierzulande auch in Deutschland ausgebildet werden sollen. Die Entsendung aus dem Ausland solle eingestellt werden. Nötig sei „ein klares Bekenntnis zu den Werten der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“. Die Grünen im Landtag haben daraufhin einen Antrag eingebracht, der auch Basis der Debatte am Donnerstag war: Der Freistaat müsse demnach ein Aus- und Fortbildungsprogramm für Imame und islamische Religionsbedienstete fördern. Dieses Personal solle eine Form muslimischer Religiosität in den Gemeinden bewirken, mit der „junge Musliminnen und Muslime eine unsere Demokratie bejahende Haltung entwickeln können“.Moscheen in Bayern:Brauchen Imame Nachhilfe in Sachen Demokratie?Die Grünen machen jetzt im Landtag Druck bei dem Thema: Außer „markigen Sprüchen“ gehe bei der Imam-Ausbildung nichts voran.In Bayern gebe es etwas mehr als 300 Moscheen, berichtete im Ausschuss der Integrationsbeauftragte der Staatsregierung, Karl Straub (CSU). Aber die Landschaft sei sehr vielfältig, was es problematisch mache, klare Ansprechpartner zu finden. Zugleich sei die Rolle der Moscheen gewachsen, nach Schätzungen lebten bis zu 900 000 Muslime in Bayern, als „wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft“. Da gehe es längst nicht mehr nur um Fragen der Integration. Der Freistaat zählt rund 13 Millionen Einwohner.Den Moscheen, so Straub, komme eine zentrale Bedeutung zu, „ein anständiger Imam“ sei wichtig, sonst drohe eine Radikalisierung etwa über soziale Medien. Tarek Badawia, Professor für Islamisch-Religiöse Studien an der Uni Erlangen, sagte, der öffentliche Diskurs sei „leider sehr stark geprägt durch bestimmte Reizthemen“. Es werde kaum wahrgenommen, wie stark sich die Menschen mit Deutschland identifizieren, wie viel Vertrauen sie in den deutschen Staat haben, „das ist die absolute Mehrheit der Muslime“.Karl Straub ist der Integrationsbeauftragte der Staatsregierung Foto: Alfred RathsDer Weidener Imam Maher Khedr hat in Ägypten Theologie studiert und später die Osnabrücker Modellausbildung absolviert. „Ein Imam ist viel mehr als ein Vorbeter“, sagte er, sondern er sei auch Seelsorger und Berater, Brückenbauer in die Gesellschaft, für den interreligiösen Dialog. Er begleite Menschen in Krisen, junge Menschen, die zwischen verschiedenen Kulturen und Erwartungen nach Orientierung suchen, er manage den Kontakt mit Schulen oder Behörden.Khedr plädiert eben für ein bayerisches Studienfach zum Imam. „Junge Menschen, die hier aufgewachsen sind und sich bewusst für diesen Beruf entscheiden, brauchen einen anerkannten Abschluss.“ Wichtig sei aber: Das alles „muss mit den muslimischen Gemeinden entwickelt werden“. Der Staat könne dabei den Rahmen liefern, die Wissenschaft die akademische Qualität gewährleisten.Dialogforum Religion und Integration:„Wer den Dialog beendet, überlässt das Feld den Lautesten und den Radikalsten“Die Religionsgemeinschaften in Bayern stehen gemeinsam gegen Hass und Hetze. Für Fake News und Diskriminierung soll kein Platz sein – die Botschaft geht besonders an die junge Generation.Dazu hatten auch die Abgeordneten im Bildungsausschuss Fragen. Inwiefern die staatliche Ausbildung konkret Einfluss auf die Religion nehme, ist für Martin Brunnhuber (FW) unklar. Und gibt es unter den verschiedenen Strömungen des Islams ein klares Bekenntnis, dass alle in eine Richtung gehen wollen? Ramona Storm (AfD) bezweifelte, dass es einen europäischen Islam, wie er als Begriff in der Sitzung vorkam, überhaupt gibt. Katja Weitzel (SPD) sah zum Beispiel Unklarheiten bei der Bezahlung der Imame.Denn religiöses Personal ist bei den Gemeinden angestellt. Polat Akıncı, Vorsitzender des Landesverbands der Islamischen Kulturzentren Bayern, sagte im Ausschuss, dass man sich da oft auf Mindestlohn-Niveau bewege. Er befürchtet, dass beim Studiengang Hochschulabsolventen mit hohen Gehaltsvorstellungen kommen, sodass die Moscheegemeinden das gar nicht stemmen könnten.Sein Verband wiederum bildet seit 40 Jahren selbst Imame in Deutschland aus, nicht als Studienfach, sondern in mehrjährigen praxisorientierten Lehrgängen. Der Bedarf sei enorm, in vielen bayerischen Gemeinden trete gerade die erste Generation der Imame ab, die neu ausgebildeten Kollegen seien nachgefragt „wie warme Semmeln“. Ein klares Votum für die staatlichen Bayern-Imame gab Akıncı im Ausschuss allerdings nicht ab. Ihm schwebt eher ein Staatsvertrag vor, um die selbst ausgebildeten Imame anzuerkennen.