Wie groß die Sehnsucht nach Heiterkeit, Freundlichkeit und vielleicht sogar Knuddeligkeit in diesen Zeiten ist, lässt sich derzeit am anderen Ende der Welt beobachten, in Australien. „Neil the Seal“ ist wieder aufgetaucht, die beliebteste Robbe Tasmaniens, und sofort gehen Clips von ihm viral. Neil rennt Straßenpoller um, er macht Zäune platt und rempelt gegen Pick-up-Trucks, immer begleitet von Smartphones, die seine Missetaten dokumentieren. Neil hat bereits „mehr Social-Media-Follower als Tasmanien Einwohner“, kommentierte der Sender NBC.Neil ist fünf, das ist in Robbenjahren gerechnet etwa Teenager-Alter, was erklärt, wieso er mit seinen etwa 1000 Kilo Körpergewicht eine Schneise der Verwüstung schlägt.InstagramDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von Instagram angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Instagram angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Er kehrt, wie es für Robben üblich ist, zweimal im Jahr nach Hause zurück, um sich zu häuten. Warum er sich ausgerechnet die tasmanische Halbinsel ausgesucht hat, bleibt ungeklärt. Die meisten seiner Artgenossen leben Tausende Kilometer südlich auf den Macquarie- und Heard-Inseln. Die Internationale Union für Naturschutz hat den Südlichen See-Elefanten übrigens kürzlich auf „gefährdet“ hochgestuft.Tasmanien liegt ganz unten im Südosten Australiens, früher dachte man, dass es von dort aus keine Wiederkehr gibt. Es ist bekannt für die ehemalige Port-Arthur-Strafkolonie. Doch da wir nicht mehr im 18. Jahrhundert leben, schaffen es die Bilder von Neils Eskapaden um den gesamten Globus. Das wiederum zieht immer mehr Schaulustige an, weswegen die Behörden nun warnen, dass man Neil gegebenenfalls einschläfern müsse, wenn die Menschen nicht ausreichend Abstand halten.Er ist der Einzige in Tasmanien, der den Verkehr lahmlegen und alle ignorieren kann – und trotzdem geliebt wird.Jacqui Lambie, tasmanische SenatorinBilder von Neil zeigen, wie er sich putzig am Zaun einer Tankstelle räkelt und seinen Bauch mit seinen Flossen tätschelt, wie Barbapapa beim Mittagsschlaf. Doch die Bilder sind trügerisch, noch ist Neil nur etwa drei Meter lang, aber ausgewachsene See-Elefanten erreichen ein Gewicht von 3500 bis 4000 Kilogramm. Spätestens dann wird er gefährlich, ob er will oder nicht. Der Tierschützer Cory Young erklärte dem Sender ABC, es brauche einen Plan, bevor Neil diese Größe erreiche. „Wir müssen meiner Meinung nach jetzt handeln, bevor er tatsächlich zwei oder drei Tonnen wiegt“, sagte Young. Bei dem Interview trug er ein T-Shirt mit dem Bild einer Robbe darauf, die auf einer Motorhaube sitzt.Dass Neil sich auf Straßenpoller und Autos wirft, hat laut Young einen einfachen Grund: Er versucht, seine überschüssige Haut loszuwerden, „im Grunde juckt es ihn am ganzen Körper, und er versucht, dieses Jucken zu lindern“.So ein Straßenpoller hat keine Chance gegen die gebalte Kraft eines jungen See-Elefanten. Sam Volker Photography via APDamit wird er zur Bedrohung für diejenigen, die ihm zu nahe kommen, beispielsweise um ein Foto oder Filmchen mit ihm zu machen. Tierschützer und Lokalpolitiker fordern nun strengere Regeln – einerseits zu Neils Schutz, andererseits aber auch, um seine Fans vor Unfällen zu schützen. Das Umweltministerium versucht das Problem einstweilen mit Umleitungen und Straßensperren zu umgehen, auf denen „Seal on the Road“ zu lesen ist. Schaulustigen wird geraten, einen Mindestabstand von 20 Metern einzuhalten.Doch der Mensch will unbedingt zum Tier, wenn er es süß findet und doof genug ist. Das mussten auch die Wachleute im Ichikawa City Zoo in der Nähe von Tokio feststellen, in dem der kleine Japan-Makake Punch lebt, der im Februar weltbekannt wurde, weil seine Mutter ihn verstoßen hatte und er Trost bei einem Stofftier suchte. Im Mai wurden zwei US-Amerikaner festgenommen, nachdem sie in das Affengehege gesprungen waren, um sich mit Punch zu filmen.Japan:Warum die ganze Welt mit diesem Äffchen leidetDer kleine Makake „Punch“ wird in einem japanischen Zoo von seiner Mutter verstoßen und sucht sich einen Stoffaffen von Ikea als Kuschelersatz. Immerhin die Menschen schließen ihn dafür ins Herz.Der tasmanische Premierminister Jeremy Rockliff setzt trotzdem auf die Vernunft der Leute, „wir müssen gesunden Menschenverstand nicht gesetzlich regeln“, sagte er auf einer Pressekonferenz. „Es gibt sehr klare Richtlinien im Umgang mit der Robbe Neil: Achten Sie darauf, dass Ihre Hunde angeleint sind, und halten Sie einen Sicherheitsabstand von mindestens 20 Metern ein.“ Die Senatorin Jacqui Lambie äußerte sich im australischen Guardian zu Neil: „Er ist der Einzige in Tasmanien, der den Verkehr lahmlegen und alle ignorieren kann – und trotzdem geliebt wird.“Die Frage ist, wie intensiv Neil die Menschen zurückliebt. Es besteht nämlich durchaus die Möglichkeit, dass die Robbe ziemlich einsam ist, da sie in dieser Gegend keine Artgenossen findet. Normalerweise schlafen Robben eng aneinander gekuschelt, das könnte auch der Grund sein, wieso Neil sich gerne an Zäune und Autos drückt.Fast 30 000 Menschen haben laut ABC mittlerweile eine Petition unterzeichnet, die sich für die Einrichtung von Schutzzonen um Neils bekannte Aufenthaltsorte ausspricht, um es „für Touristen und Nicht-Einwohner rechtswidrig zu machen, in Neils Lebensraum einzudringen“. Wie effektiv diese Schutzräume wären, sei dahingestellt. Welcher Teenager hält sich schon an Zonen, wenn es darum geht, Chaos anzurichten?