Skewen in den Fünfzigerjahren, das ist ein – natürlich: reizendes – Kaff in Wales. Der Bergbau hat hier einmal eine Rolle gespielt. Dann spielt der Industrie-Niedergang bald die noch größere Rolle. Es gibt die Ruinen eines Klosters, stiller werdende Zechen, ein paar Tavernen, wenige Tausend Einwohner und einen Rugby-Club. Der Vater von Bonnie Tyler ist Bergarbeiter, die Mutter Opernfan, sie hat fünf Geschwister und die Vorstellung, man könne auch oder gerade an diesem Ort alles werden, was man sich vorstellen kann. Imagination: Das ist das eine. Etwas werden zu wollen: Das ist das andere. Dazwischen: etwas aus Bergwerk und Oper.Bonnie Tyler, geboren 1951 in Skewen und jetzt im Alter von 75 Jahren gestorben, gründet also eine eigene Band und nennt sie folgerichtig Imagination. Bonnie ist zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt und heißt noch Gaynor Hopkins. Mit einer Gruppe namens Bobby Wayne and the Dixies tourte sie bereits zuvor durch Kneipen. Vorzugsweise in Wales. Genauer: Südwales. Der Beatles-Song, in dem sich auf „seventeen“ die John-Lennon-Zeile „you know what I mean“ reimt, ist schon in der Welt. Bonnie ist attraktiv und kann singen, vor allem aber hat sie das Herz einer Bergarbeiterin aus Skewen. You know what I mean.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Die Bühne dort, in Wales, liebt Bonnie und Bonnie liebt die Bühne dort. Wie bald überall auf der Welt, die immer größer wird für die Sängerin. Aber nicht von selbst. Bonnie muss sich das erarbeiten. Ob sie sich damals vorstellen konnte, dass sie später einmal mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft haben würde in einer langen Karriere – und sie im Jahr 2020 für ihre Verdienste um die Musik zum Member of the Order of the British Empire (MBE) ernannt werden würde? Jedenfalls hat sie wie in einem Bergwerk für ihren Erfolg gearbeitet. Eigentlich geschuftet. Rauschhaft leicht war der Erfolg nie.Die erste Single floppt. Die zweite Single „Lost in France“ startet durchDoch, das Glück war schon auch auf ihrer Seite. Etwa 1975, als der Talentscout Roger Bell in einer, was sonst, Kneipe auf die jetzt 24-Jährige mit der großen Stimme aufmerksam wird. Die zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren versucht, die Welt davon zu überzeugen, dass es im stillgelegten Bergwerk auch Seltene Erden geben könnte. Solche, aus denen Popwunder gemacht sind. Endlich kommt es zum lange ersehnten, lange erträumten, lange ersungenen, lange erarbeiteten Plattenvertrag.Die erste Single („My! My! Honeycomb“) floppt. Die zweite Single „Lost in France“ startet durch. Weshalb Bonnie Tyler nun, 1977, ein Album produziert: „The World Starts Tonight“. Was die Welt aber ignoriert. Dann ein paar regionale Minihits. Rauschhaft, wie gesagt, ist der Aufstieg nicht. Harte Arbeit, das schon eher. Auf und ab. Und dann: Bonnie Tyler unterzieht sich einer Operation, um Knötchen von den Stimmlippen einer großen Stimme entfernen zu lassen.Pop:Lass die Gänseblümchen sprießenBlumige Mordmetaphern, der Flow eines quirligen Jazz-Trompeters: Wer in diesem Jahr nur einen neuen Lieblingsrapper entdecken möchte, sollte sicherstellen, dass es sich um Prof handelt.Was jetzt passiert, ist nicht zur Nachahmung empfohlen: Bonnie Tyler ignoriert das ärztliche Gebot, einige Wochen nicht zu sprechen und zu singen. Sie macht, was sie immer macht: Sie singt. Ihre Stimme wird daraufhin ungewöhnlich rau, zugleich brüchig und voll, seltsam jedenfalls – und die Karriere im Musikgeschäft scheint im Grunde beendet zu sein. Bonnie Tyler hört sich nun an, als hätte sie nicht ein Jahrzehnt in Kneipen gesungen, sondern Single Malt Welsh Whisky aus sehr großen Eimern getrunken.Sie ist jetzt die Frau mit der Reibeisenstimme. Und ausgerechnet jetzt denkt sich die Welt, es könne nun ja endlich losgehen. Die nächste Single heißt: „It’s a Heartache“. So rau und zärtlich gesungen, dass der wahrhaft einfältige Text auf magische Weise zur Herzensangelegenheit einer komplexeren Wahrheit wird. Wer nie Liebeskummer hatte und sich dabei maximal von Bonnie Tyler und den Beatles (Pink Floyd war für Lebenskummer zuständig) trösten lassen konnte: Bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu hören. Der Rest ist Pop-Historie.Bonnie Tyler hat ein treues Publikum deshalb, weil sie ihrem Publikum treu istWenn auch auf Bonnie-Tyler-Art: auf und ab – bis zur Single „Total Eclipse of the Heart“. Zwei Grammy-Nominierungen als beste Popsängerin und beste Rockmusikerin 1984 sind die Folge. Danach floppt wieder eine Menge. Erfolg. Flop. Comeback. Flop. Und wieder von vorn. Beim Eurovision Song Contest in Malmö erreicht sie 2013 als Profi unter Amateuren für das Vereinigte Königreich Rang 19 von 26 Nationen. Der Song heißt „Believe in Me“, und wer nie aufgehört hat zu glauben und zu arbeiten, zu touren und zu singen und für ihr Publikum alles zu geben an Herz und Schmerz, ist: Bonnie Tyler. Sie hat ein treues Publikum deshalb, weil sie ihrem Publikum treu ist.Dass eine Frau, die seit 1973 glücklich und skandalfrei mit der Liebe ihres Lebens Robert Sullivan verheiratet war, so wundersam authentisch und glaubhaft für unglücklich bis verzweifelt Liebende singt, ist eine der schönsten Pointen der Popgeschichte. Aber jetzt ist es Zeit, wirklich traurig zu sein. Bonnie Tyler, die auch in ihren Siebzigerjahren noch Tournee um Tournee plante und nie in Rente ging im Bergwerk des Pop, die der Welt einige der großen Hymnen an die Liebe, das Glück und an das Unglück daran schenkte, musste Anfang Mai in Portugal nach einer Notoperation in ein künstliches Koma versetzt werden. Nun starb sie in einem portugiesischen Krankenhaus. It’s a heartache. Nothing but a heartache.