200 Megawatt sogenannter IT-Leistung soll das Rechenzentrum haben, das der Frankfurter Projektentwickler David Roitman mit einem Tochterunternehmen seiner Argaman Group in Birstein am Rande des Vogelsbergs errichten will. In und um Frankfurt, der 60 Kilometer von dort entfernten „Welthauptstadt der Daten“, steht noch keine Anlage dieser Größe. Möglichst im Jahr 2028 soll dem Investor zufolge ein erster Abschnitt in Betrieb gehen.Mit im Plan: ein Gaskraftwerk direkt neben den Datenhallen, das den nötigen Strom liefern soll. Denn der Komplex am Rande des Birsteiner Ortsteils Fischborn liegt zwar direkt neben dem größten Windpark in Südhessen, doch der ist erst im Entstehen. Hinzu kommt, dass er maximal den halben Bedarf von rund 230 Megawatt decken könnte und Windkraft naturgemäß schwankend ist. Als einzige Energiequelle für einen störungsfreien Betrieb genügt er demnach nicht.Birstein hat kürzlich Baurecht für das Vorhaben geschaffen. Eine knappe Mehrheit in der Gemeindevertretung hat dem entsprechenden Aufstellungsbeschluss zugestimmt und auch einen städtebaulichen Vertrag abgesegnet, der den Investor unter anderem verpflichtet, alle Erschließungskosten selbst zu tragen und der Kommune über Jahre verteilt 20 Millionen Euro in einen Wärme- und Energiefonds zu überweisen.In der gleichen Sitzung standen auch ein Bürger- und ein Vertreterbegehren auf der Tagesordnung. Mit ihnen wollten Kritiker des Vorhabens durchsetzen, dass die Birsteiner in direkter Abstimmung mitentscheiden dürfen, ob und was auf dem vor 20 Jahren geplanten und seitdem ungenutzten Gewerbegebiet entstehen soll. Mehr als 500 Unterschriften hatten die Initiatoren zuvor gesammelt und damit das nötige Quorum für die Einleitung eines Bürgerbegehrens erreicht. Trotzdem hat eine wiederum knappe Mehrheit der Gemeindevertreter das Ansinnen abgelehnt.Eine rechtlich zwingende Entscheidung, wie der Birsteiner Bürgermeister Fabian Fehl (SPD) erklärt: Die zwei Fragen, die die Bürger zur Abstimmung stellen wollten, sind zweier Gutachten zufolge nicht rechtskonform. Und ein Vertreterbegehren, das die Parlamentarier quasi gezwungen hätte, eine Bürgerbefragung einzuleiten, sei in dieser Phase der Bauleitplanung für das Gewerbegebiet nicht möglich. Neben einem Anwalt hatte die Kommune den Städte- und Gemeindebund gebeten, die Vorlagen juristisch zu prüfen.Vor allem das Gaskraftwerk störtSeitdem das Parlament entschieden hat, streitet Birstein erst richtig. Die politische Stimmung in der Gemeinde, in der gut 6000 Menschen über 16 Ortsteile verstreut leben, ist schon seit den Diskussionen über den Windpark aufgekratzt. Dessen Anlagen erreichen die Höhe der Frankfurter Skyline und verändern das Bild der dörflichen Gegend. Bei Wahlen schneidet die AfD in Birstein hessenweit mit am besten ab, in der Gemeindevertretung hat sie bisher aber keine Vertreter. Auch die Bürgermeisterwahl im Herbst 2025, bei der Fehl die Mehrheit für eine zweite Amtszeit bekam, und die Kommunalwahl im März dieses Jahres wirkten polarisierend.Diese Gemengelage prägt die Stimmung in der Gemeindevertretung und strahlt auf die Datacenter-Diskussion aus: Fehls Gegenkandidat und früherer Parteifreund Michael Volz führt heute im Gemeindeparlament das oppositionelle Bündnis „Gemeinsam für Birstein“ (GfB) an, das sich als politischer Arm der Datacenter-Gegner und -Kritiker präsentiert. Nicht alle, die gegen die Parlamentsvoten aufbegehren und sich inzwischen zu einer Bürgerinitiative zusammengefunden haben, lehnen den Bau des Rechenzentrums rundweg ab. Inakzeptabel erscheint ihnen vor allem das geplante Gaskraftwerk, zumal dieses unweit von zwei Schulen und einer Kita stünde. Sie fürchten Umwelt- und Gesundheitsschäden.Die Argumente erinnern an die Ereignisse in der Frankfurter Nachbarstadt Maintal. Dort wollte der Datacenter-Betreiber Edgeconnex ein Gaskraftwerk zum Rechenzentrum bauen und plant nun wegen des Widerstands aus der Kommune komplett neu. Ähnlich wie dort besänftigt es auch die Birsteiner Aktivisten nicht, dass der Investor versichert, das Kraftwerk nur für eine Übergangszeit zu brauchen, die Anlage in wenigen Jahren mit grünem Wasserstoff betreiben zu wollen und eventuell auch mit Brennstoffzellen auszustatten.Wäre der Netzausbau in Deutschland nicht so langwierig, würde er auf das Kraftwerk gerne verzichten, sagt Projektentwickler Roitman. Den Netzanschluss habe er längst beantragt. Die Verfechter des Bürgerbegehrens fordern Gewissheit, wie lang diese Übergangszeit wäre, sie wollen alle Details kennen – und dann selbst entscheiden.Opposition ficht Parlamentsbeschlüsse anNoch am Abend der Abstimmung hatte Volz angekündigt, dass er die Voten gegen die Mitbestimmung nicht für ein Schlusswort hält. Er und seine Mitstreiter haben die Kommunalaufsicht und das Regierungspräsidium angerufen. Die Behörden müssten „formale Mängel“ heilen, sagt er knapp zwei Wochen später. Zudem werde sein Bündnis wohl im Parlament einen Akteneinsichtsausschuss durchsetzen, um Inhalt und Entstehung des städtebaulichen Vertrags mit der Argaman Group unter die Lupe zu nehmen. Obwohl das Stadtparlament die Investorengespräche mit einer eigenen Arbeitsgruppe begleitet hat, sei nicht gesagt, dass „die Kommune ideal verhandelt hat“, meint Volz.Grundsteuer, Gewerbesteuer, neue Arbeitsplätze, volle Erschließung, Abwärme für ein Nahwärmesystem, zusätzliche Leistungen und der 20-Millionen-Fond: Investor David Roitman ist überzeugt, dass er mit seinem Vorhaben einen wirtschaftlichen Mehrwert für Birstein und die Region schafft. Für ihn war die Parlamentsabstimmung ein wichtiger Meilenstein. Mit dem Baurecht in der Tasche werde es leichter, einen künftigen Nutzer für das Rechenzentrum zu finden, sagt er. Gleichzeitig könne er nun die Planung detaillierter vorantreiben. Über Fortschritte werde er in Birstein weiterhin offen informieren.Details und Fragen sind noch reichlich zu klären. Sogar, wie weit er das Projekt selbst bringen will, ob er also bis zu einem Weiterverkauf nur Planung und Genehmigung abwickelt oder die riesigen Hallen unter seiner Regie auch gebaut werden sollen, ist laut Roitman nicht abschließend entschieden. Wobei der Unterschied enorm ist: Die Entwicklung bis zur Baureife könnte Schätzungen aus der Branche zufolge um die 20 Millionen Euro kosten. Der reine Bau dann weit über eine Milliarde – ohne die technische Einrichtung.Kein Name in der Datacenter-BrancheRoitman hat sich als Projektentwickler in der Vergangenheit unter anderem im Frankfurter Stadtteil Niederrad um die Umwandlung von Büro- in Wohnimmobilien verdient gemacht und Hotelimmobilien entwickelt. Der Frankfurter redet nicht gern öffentlich über seine Projekte, sagt aber, dass er auch mit Datacentern Erfahrungen habe.Mit denen, die über Bauvorhaben, Beratung oder Verbände in der hiesigen Datacenter-Welt sonst so gut wie jeden kennen, scheint er dabei nicht in Kontakt gekommen zu sein. Kein Gesprächspartner kennt ihn und sein Vorhaben in Birstein näher. Ohne zitiert werden zu wollen, zweifeln sie an den Erfolgsaussichten. Ein Rechenzentrum auf einem Grundstück ohne zuverlässige Stromversorgung – der Windpark sei eben keine – können sie sich nicht vorstellen. Zumal bei der geplanten Größenordnung nur die großen Cloudbetreiber wie Google, Microsoft und Co. oder ein großer Colocation-Betreiber als Käufer oder Nutzer infrage kämen. Diese Unternehmen gingen ungern Risiken ein.Da erscheine die Idee, die Versorgungslücke mit einem eigenen Kraftwerk zu schließen, zwar folgerichtig: „Aber ich kenne kein einziges Projekt in Deutschland, wo das funktioniert“, sagen gleich mehrere Fachleute. Und das nicht nur, weil den Bürgern zusätzliche Gaskraftwerke in den Zeiten einer Energiewende unpassend vorkommen und die Genehmigung alles andere als sicher ist. Sondern vor allem, weil damit die Betriebskosten für das Rechenzentrum schwer kalkulierbar werden.Müssten sich die Birsteiner also eher um die Gefahr eines Luftschlosses statt um ihre Luftqualität Sorgen machen? Dort ist das Vertrauen in den Investor groß. Für den Fall der Fälle habe sich die Kommune aber abgesichert, versichert Bürgermeister Fehl: Laut Vertrag mit der Argaman Group könne Birstein das Baurecht wieder zurücknehmen, wenn auf dem Grundstück fünf Jahre lang nichts geschieht. Das größte wirtschaftliche Risiko für seine Gemeinde seien „die Kosten für die Rechtsberatung“, sagt Fehl. 20 Jahre lang sei es nicht gelungen, das Gewerbegebiet zu besiedeln, da lohne es sich, nun auf die Chancen zu setzen, die das Argaman-Projekt biete.Größere Sorgen bereitet ihm etwas ganz anderes: „Dass ein Mehrheitsbeschluss des Parlaments rechtlich angefochten werden soll, das gab es bei uns noch nie“, sagt Fehl. Es sei gut und richtig, wenn die Menschen unterschiedliche Meinungen haben, aber der Umgang müsse respektvoll bleiben. Vor allem dürfe der Druck auf die ehrenamtlich tätigen Kommunalpolitiker nicht zu hoch werden. „Andernfalls besteht das Risiko, dass die Mandatsträger vor unbequemen Entscheidungen zurückschrecken, um möglichem Druck auszuweichen“, sagt der Bürgermeister.
200-Megawatt-Datacenter am Dorfrand: Große Pläne sorgen im kleinen Birstein für Streit
Ein Investor, der Milliarden investiert – darauf hat das kleine Birstein lange gewartet. Nun ist er da und will ein großes Rechenzentrum bauen. Seitdem gibt es Streit. Ob die Aufregung lohnt, muss sich erst zeigen.







