Noch steht der Zeitpunkt für den ersten Spatenstich nicht fest. Aber Gießen kann sich auf den Bau eines großen Rechenzentrums einstellen. Was der Projektentwickler Revikon schon im vergangenen Herbst angekündigt hat, zeichnet sich nun genauer ab. Revikon-Geschäftsführer Daniel Beitlich spricht von mehreren Interessenten an dem für das Vorhaben in den Blick genommenen Gelände. Darunter sei außer Unternehmen aus den Vereinigten Staaten auch ein Verbund mit deutscher Beteiligung. Je nach Interessent sei mit einer Investition von 700 Millionen bis zu etwa einer Milliarde Euro zu rechnen.Eine weitere wesentliche Voraussetzung ist schon gegeben: An dem Standort im Westen der Unistadt ist genügend Strom lieferbar. Dort befindet sich ein Umspannwerk. Aus drei Richtungen fließt dieser Anlage elektrische Energie zu, darunter Strom aus Windkraftanlagen auf See. Beitlich beziffert die Anschlussleistung auf 65 Megawatt-Ampere – das reicht für mehrere Datencenter mit einem Stromverbrauch, wie ihn Kleinstädte mit 20.000 bis 30.000 Haushalten abziehen. Dies ist wiederum insofern günstig, als Beitlich auch mit Hochleistungscomputern für Künstliche Intelligenz in dem Datencenter rechnet. KI-Chips benötigen deutlich mehr Energie als herkömmliche Produkte. In der Folge müssen die Rechner und die Gestelle auch stärker gekühlt werden.Auch Hochschulen sollen von Rechenleistung profitierenRevikon will in Nachbarschaft des Umspannwerks alles in allem rund 120.000 Quadratmeter erschließen. Die Flächen sollen auf einen Campus mit Betrieben aus der Informationstechnologie und auf das Rechenzentrum aufgeteilt werden. Die Rede ist von jeweils sechs Hektar Gelände. Gedacht ist daran, von den zukünftigen Rechnerleistungen unter anderem die Technische Hochschule Mittelhessen und die Justus-Liebig-Universität profitieren zu lassen. Beide Hochschulen haben ihren Sitz in Gießen.Das Rechenzentrum könnte den Angaben zufolge bis zu 30 Meter hoch neben der Westtangente des Gießener Rings aufragen. Ein solcher Betonklotz gefällt nicht jedem, wie Diskussionen um Rechenzentren im Rhein-Main-Gebiet immer wieder zeigen. Andererseits wirbt Beitlich unter Verweis auf die unmittelbare Nähe zum Umspannwerk mit einem „superniedrigen Eingriff“ in die Umwelt. Die Stromleitungen müssten nicht kilometerweit durch die Landschaft verlegt werden. Zudem steht ein Abnehmer für die Abwärme aus dem Rechenzentrum schon bereit. Sie könnte in das Fernwärmenetz der Stadtwerke eingeleitet werden, wobei der Campus noch an das Leitungsnetz angeschlossen werden müsste.Beitlich stellt klar, das Rechenzentrum nicht selbst bauen zu wollen. Revikon richte das Gelände her und verkaufe die Liegenschaft dann weiter. Dessen ungeachtet sieht er mehrere Vorteile für die Stadt. In der Bauphase würden auch heimische Unternehmen aus Bauindustrie und Handwerk von Aufträgen profitieren. Dies strahle auf Hotellerie und Gastronomie aus. Das Datencenter selbst brauche hoch qualifizierte Techniker. Beitlich spricht von etwa 200. Umgekehrt benötige Deutschland mehr Rechenzentren und die darin betreute Technik. Schließlich greifen alle Branchen auf Computer zurück, und das künftig eher mehr als weniger. Nicht zuletzt treibt der Gebrauch von Smartphones und Tablets die Nachfrage nach Rechnerleistungen.Das Baurecht für IT-Campus und Datencenter bereitet die Stadt gerade vor. Im September haben die Stadtverordneten das Bauleitverfahren auf den Weg gebracht, Ende Juni sollen sie sich mit dem Entwurf für den geänderten Flächennutzungsplan beschäftigen und ihn beschließen. Über den Entwurf müsste anschließend das Regierungspräsidium Gießen befinden. Erst wenn Baurecht gegeben ist, will Beitlich eine Übereinkunft mit einem der Interessenten treffen. Danach wird mehr über das Datum für den Baubeginn zu sagen sein. Das werde etwa ein Jahr später als zunächst gedacht sein, sagte Beitlich der „Gießener Allgemeinen“.
Gießen: Mehrere Interessenten für Fläche für Rechenzentrum
Weil im Frankfurter Raum der Platz knapp wird, schauen sich Betreiber großer Rechenzentren in der weiteren Metropolregion um. In Gießen hat ein Projektentwickler mehrere Interessenten an der Hand - und genügend Strom.







