ImagoDie Tatsache, dass im Vakuum des Weltalls kein Schall entstehen kann, hat Komponisten von Gustav Holst bis David Bowie nicht davon abgehalten, ihre Vorstellung des Universums in Musik zu übersetzen.09.07.2026, 09.54 Uhr6 Leseminuten«The Expanding Universe»von Laurie Spiegel (1980)Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Laurie Spiegel: «The Expanding Universe» (1980)PDDie amerikanische Komponistin Laurie Spiegel ist eine Pionierin der elektronischen Musik. In den siebziger Jahren beschäftigte sie sich mit dem deutschen Astronomen und Mathematiker Johannes Kepler (1571–1630) und seiner Theorie der «Weltharmonik», nach welcher die Bahnen der Himmelskörper musikalischen Gesetzen gehorchen, deren «Klänge» der Mensch zwar nicht hören, wohl aber imaginieren könne. Mit «Kepler’s Harmony of the Worlds» setzte Spiegel dem Astronomen ein musikalisches Denkmal. 1977 wurde das Stück mit den Raumsonden Voyager 1 und 2 gar auf einer goldenen Schallplatte ins All geschickt, zusammen mit Werken von Bach, Blind Willie Johnson oder Chuck Berry – als kosmische Zeitkapsel für ausserirdische Finder hat sie die Erdumlaufbahn inzwischen verlassen.«The Planets»von Gustav Holst (1918)Gustav Holst: «The Planets» (1918)PDGustav Holst hatte keinen Schimmer von Astronomie. Aber er interessierte sich brennend für Astrologie und Horoskope. Sein berühmtestes Orchesterwerk «The Planets» ist denn auch keine wissenschaftlich inspirierte Komposition, sondern eine musikalische Charakterstudie der Planeten unseres Sonnensystems. Dafür zieht Holst alle Register, die so ein Orchester hergibt, von wuchtig-rhythmischer Aggressivität über Chorpassagen bis hin zu schwebenden Klangwolken. Warum aber besteht seine kosmische Suite nur aus sieben statt aus acht Sätzen? Weil die Erde in der Astrologie kein Planet, sondern ein Bezugspunkt ist. Interessant: Mit dem letzten Satz zu Ehren Neptuns verzichtete Holst auf ein grosses Finale, wie es in der Romantik üblich war. Dafür komponierte er eines der ersten grossen Fade-outs der Orchestermusik – der Satz wird immer leiser, als würden die Töne ganz langsam im Weltall verschwinden.«I Hear a New World: An Outer Space Music Fantasy»von Joe Meek (1960)Joe Meek: «I Hear a New World: An Outer Space Music Fantasy» (1960)PDDie sechziger Jahre waren das Jahrzehnt der Raumfahrt, und wie viele Musikerinnen und Musiker liess sich auch Joe Meek vom Wettlauf ins All und von den ersten Piepstönen des Satelliten Sputnik 1 inspirieren. Joe Meek? Kennen nur Musik-Freaks und Nerds, denn der Mann war ein Trip, sein Studio ein kreatives Labor, Jahre bevor die Beatles oder Beach Boys mit ähnlich innovativen Aufnahmetechniken an ihren Konzeptalben zu arbeiten begannen: Er setzte Echokammern und selbst gebastelte Effektgeräte ein, manipulierte die Tonbänder oder liess sie rückwärtslaufen. Seine «Outer Space Music Fantasy» war denn auch die Arbeit eines Besessenen. Sie klingt wie Pop-Musik für Ausserirdische bei einem Longdrink an der Weltraum-Tikibar. Psychedelisch, verspielt, schräg und total abgefahren. Meek nahm seine Arbeit übrigens sehr ernst: Er glaubte an Ufos und Aliens und war bemüht, den futuristischen Geist des Raumfahrtzeitalters einzufangen.«Atmosphères»von György Ligeti (1961)György Ligeti: «Atmosphères» (1961)PDDenken wir an Stanley Kubricks Science-Fiction-Film «2001 – A Space Odyssey» von 1968, hören wir sofort den wuchtigen Auftakt zu Richard Strauss’ sinfonischer Dichtung «Also sprach Zarathustra», der mit Pauken, Trompeten und Kirchenorgel den Sonnenaufgang beschwört. Sehr eindrücklich, doch György Ligeti kam mit seiner vergleichsweise stillen Komposition «Atmosphères», die ebenso Teil des Soundtracks zu Kubricks Weltraumsaga ist, viel näher an die Idee des schwere- und endlosen Raums als Strauss. Zwar betonte er immer wieder, dass der Titel seines Schlüsselwerks der Neuen Musik nicht auf den Weltraum verweise, sondern auf die verschiedenen Texturen seiner Klangfelder, dennoch klingt «Atmosphères» wie ein rätselhafter Organismus von einem anderen Planeten, hypnotisch, kosmisch – und auch ein wenig unheimlich.«We Travel the Space Ways»von Sun Ra (1967)Sun Ra: We Travel the Space Ways (1967)PDDer vorgenannte Joe Meek glaubte an Aliens und Zeitreisen, Sun Ra sah sich selbst als Alien. Zumindest war der geniale Jazz-Erneuerer und Avantgarde-Komponist überzeugt, vom Saturn zu stammen. Diese Behauptung war ein selbstverständlicher Teil seiner Kunst und Identität. Auftritte, Kleidung und Musik waren von Weltraummotiven durchdrungen, die Sun Ras «kosmische» Herkunft unterstrichen. Das Album «We Travel the Space Ways» nahm er bereits in den fünfziger Jahren auf, und es gilt als Vorläufer des Afrofuturismus – einer kulturellen Bewegung, die die afrikanische Diaspora mit Science-Fiction, Spiritualität, Technologie und alternativen Zukunftsvisionen verbindet. Bei Sun Ra klingt das wie ein von Commander Spock dirigiertes Jazz-Orchester auf dem Raumschiff Enterprise. Black to the future!«Space Oddity»von David Bowie (1969)David Bowie: «Space Oddity» (1969)PDAuch David Bowie behauptete zeitweise (Drogenkonsum nicht ausgeschlossen), von einem anderen Planeten zu stammen. Drei Jahre bevor er sich 1972 als Ziggy Stardust eine neue (künstlerische) Identität zulegte, schickte er in seinem berühmten Song «Space Oddity» den Astronauten Major Tom ins All, der bald schon den Kontakt zur Bodenstation verliert und «far above the moon» in der Leere des Weltraums treibt. Bowie war nachhaltig von den Bildern der ersten Mondlandung inspiriert und versuchte, das Drama der Entkoppelung von der Welt als Ausdruck für Verlust, Einsamkeit und Entfremdung innerhalb der Gesellschaft in einen psychedelischen Pop-Song zu übersetzen. Dabei durchbrach er die klassische Liedstruktur zugunsten einer musikalischen Erzählung, die uns zusammen mit Major Tom auf eine Reise ins All mit ungewissem Ausgang nimmt.«In Search of Space»von Hawkwind (1971)Hawkwind: «In Search of Space» (1971)PDSpätestens seit Weihnachten 1968 wissen wir, wie schön unsere Erde, dieser blaue Planet, vom Weltraum aus betrachtet ist. Das berühmte Bild «Earthrise», das der Nasa-Astronaut William Anders an Bord der Apollo 8 schoss, wurde nicht nur zum Symbol der Umweltbewegung, es lieferte auch den visualisierten Auftakt zum Jahrzehnt des Space-Rock. Zu den wichtigsten Vertretern dieser Gattung gehörte die Band Hawkwind. Irre Rhythmen, abgefahrene Synthesizer-Sounds, lange instrumentale Passagen und hypnotische Wiederholungen gehörten zum psychedelischen Klanguniversum der Briten. Ihre Texte handeln von Raumfahrt, Begegnungen der dritten Art und futuristischen Utopien. LSD und Cannabis waren die Drogen der Wahl, doch wer bei ihrem berühmtesten Song «Silver Machine» an ein Raumschiff denkt, liegt falsch: Angeblich soll es sich dabei um das Fahrrad des Bassisten Lemmy Kilmister gehandelt haben, der später die Band verliess und die ziemlich irdische Rockband Motörhead gründete.«Albedo 0.39»von Vangelis (1976)Vangelis: «Albedo 0.39» (1976)PDDer griechische Komponist und New-Age-Musiker Vangelis war ein Fan von allem, was mit Astronomie, Kosmos und dem Ursprung der Erde zu tun hatte. Schon der Titel seines dritten Albums deutet darauf hin: «Albedo» ist ein Begriff aus der Astrophysik, und «0,39» bezieht sich auf die Entfernung in Lichtjahren, die die Erde vom Sternsystem Alpha Centauri trennt. Ein Katzensprung! Also machte sich Vangelis auf den Weg dorthin – zumindest musikalisch. Die so ausufernden wie ambitionierten Synthesizer-Space-Landschaften, die er auf diesem Album malt (zu einer Zeit, als Synthesizer noch schwere, komplizierte Maschinen waren), sind New-Age-Musik im allerbesten Sinne und gänzlich frei von Panflöten. Noch immer erzeugen sie ein Gefühl von Zeitlosigkeit und kosmischer Weite. Einatmen, ausatmen, Augen schliessen.«Apollo: Atmospheres and Soundtracks»von Brian Eno (1983)Brian Eno: «Apollo: Atmospheres and Soundtracks» (1983)PDWie David Bowie war auch sein Landsmann und Ambient-Vorreiter Brian Eno von den Apollo-Missionen angetan, als er mit der Arbeit an «Apollo: Atmospheres and Soundtracks» begann. Der vielleicht berühmteste Song des Albums «Deep Blue Day» kam dann aber mit seinen Walzer tanzenden Pedal-Steel-Gitarren und den irrlichternden Synthesizer-Schleifen nicht wie zu erwarten in einem epischen Weltraum-Thriller prominent zum Einsatz, sondern im durch und durch irdischen Junkie-Drama «Trainspotting» von 1996. Unvergesslich die nicht sehr appetitliche Szene, in der Mark Renton, gespielt von Ewan McGregor, versucht, Opiumzäpfchen aus einer komplett verdreckten Toilette zu fischen. Brian Enos Musik klingt dazu so überirdisch schön, dass «Scotland’s worst toilet» wie der Himmel auf Erden erscheint.«Sun Rings»von Terry Riley / Kronos Quartet (2002)Kronos Quartet: «Sun Rings» (2002)Im Jahr 2000 wurde das Kronos Quartet von der Nasa und dem Arts Program des Nasa Ames Research Center eingeladen, ein Werk zu entwickeln, das auf «Klängen» basiert, die im Weltraum entstehen. Natürlich sind diese sogenannten «Space Sounds» keine Töne, sondern elektromagnetische Wellen, die von den Raumsonden Voyager und Cassini empfangen und in hörbare Klänge umgewandelt wurden. Zusammen mit dem amerikanischen Minimal-Music-Komponisten Terry Riley entwickelte das Streichquartett eine Suite, die aus zehn Sätzen mit Titeln wie «Planet Elf Sindoori» oder «Venus Upstream» besteht. Riley betrachtete das Weltall nicht nur als physikalischen Raum, sondern als einen Ort, an dem sich universale Rhythmen und Energien ausdrücken. «Kosmische Musik», die nicht von Menschen gemacht ist. Oder um es mit Johannes Kepler zu sagen: «Musik, die der Geist, nicht das Ohr, wahrnimmt.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Vom Weltall inspiriert: 10 Soundtracks für kosmische Weiten
Die Tatsache, dass im Vakuum des Weltalls kein Schall entstehen kann, hat Komponisten von Gustav Holst bis David Bowie nicht davon abgehalten, ihre Vorstellung des Universums in Musik zu übersetzen.










