Die Ottolenghisierung der Gegenwart dürfte abgeschlossen sein. Wie man eine Aubergine röstet und als Hauptdarsteller des Abends inszeniert, ist bekannt. Im Wirtshaus nebenan gibt es wokes Shakshuka und basale Brezeln. Und wenn man jemandem ein richtig unpersönliches Geschenk machen will, bietet sich statt Granatapfelhandcreme eines der vielen, vielen Kochbücher jenes Mannes an, der das Kochen mit Gemüse in den Zehnerjahren prägte wie Michael Jackson einst den Pop: Yotam Ottolenghi, israelisch-britischer Koch, der mittlerweile in Zirkuszelten auftritt. Man würde ihm auch einen Posten bei den Vereinten Nationen zutrauen, abseits der Küche.Doch wer sind die neuen kulinarischen Figuren, unter deren Anleitung man die eigene Küche in ein Herrschaftsgebiet voller Salz und Fett verwandeln kann, während der vibeshift da draußen Geschlechterverhältnisse und politische Ordnungen durchrüttelt – ja anscheinend sogar mit dafür sorgt, dass in Deutschland 2025 das dritte Jahr in Folge wieder mehr Fleisch konsumiert wurde? Immer neue Kochbücher kommen auf den Markt, ihre Cover rufen Weltfrieden, zeigen selbstgepflückte Zitronen, was bestimmt das Nervensystem beruhigen soll. Aber nirgends ein Koch, eine Köchin, deren Hackbraten oder Scheiterhaufen einen auf den Boden der Tatsache holen, dass wir 2026 schreiben. Ein Jahr, dem mit Gedöns, sorry: Gemüse nicht mehr beizukommen ist. Freud’scher Verschreiber.In diese kulinarische Notlage platzt nun die Nachricht aus Berlin-Rudow, dass die SPD-Politikerin Franziska Giffey ein Kochbuch herausgebracht hat. Zwar nur zwölf Rezepte, für jeden Monat eines, auch nicht frei verkäuflich, sondern als geschenktes Give-away während der Präsentation in einer Rudower Buchhandlung zu erlangen, aber puh: Immerhin kocht mal wieder wer was Richtiges, was Bodenständiges, und das drei Monate vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl.Franziska Giffey, ehemalige Regierende Bürgermeisterin Berlins und seit 2023 Wirtschaftssenatorin, erklärt in „Franziska Giffeys kleinem Kochbuch“ etwa, wie sie Buletten zubereitet, das Cover zeigt sie mit einem Kuchen in Herzform. Was wohl auch als halb ironische Reaktion auf den aktuellen Regierenden Bürgermeister Berlins, Kai Wegner, zu verstehen sein dürfte. Der hatte sich vor Kurzem darüber lustig gemacht, dass Giffey auf Instagram ab und zu Fotos von sich beim Kochen teilt, Buletten-und-Obstkuchen-Diplomatie sozusagen.Nichts macht einen so menschlich wie öffentlich vollzogenes Essen. Helmut Kohl liebte Saumagen, Angela Merkel kochte gern Kartoffelsuppe, und wie passend war es bitte, dass Olaf Scholz seinem Gast Emmanuel Macron Fischbrötchen kredenzte? Und da die Küchenpsychologisierung der Gegenwart niemals abgeschlossen sein wird, warten wir gespannt, wer aus dem Berliner Politikbetrieb eines Tages die gute alte Aubergine wieder salonfähig machen wird.