Dienstag, 20.45 Uhr, Bockenheimer Anlage. Auf den Bänken und auf dem Rasen im Schatten des Hilton Hotels sitzen etwa zwei Dutzend Menschen, starren in ihre Handys, rauchen oder unterhalten sich. Manche haben Rucksäcke geschultert, an denen Schlafsäcke und Matten befestigt sind, andere ihre Habseligkeiten in Plastiksäcken oder großen Einkaufstüten verstaut, wieder andere schieben schwer beladene Buggy-Kinderwagen vor sich her. Die Männer und Frauen warten darauf, dass das kleine Zeltlager neben dem Nebbienschen Gartenhaus geöffnet wird, ihr Asyl für die bevorstehende Nacht.Als das Gitter am Eingang zu der Notunterkunft Punkt 21 Uhr aufgeschoben wird, drängen sich knapp 30 Personen hinein, eine halbe Stunde später sind weitere 20 hinzugekommen. 90 Feldbetten bietet der Frankfurter Verein für Soziale Heimstätten in fünf Gemeinschaftszelten an. Die Nachfrage ist größer als das Angebot. Am Ende werden es 116 Menschen sein, die auf dem rund 800 Quadratmeter großen, umzäunten Areal nächtigen. Jene, für die es keine Betten mehr gegeben habe, hätten auf Isomatten und mit Decken außerhalb der Zelte gelagert, berichtet Daniel Schneider, der stellvertretende Leiter der Notunterkunft, am nächsten Morgen.Abgewiesen wird hier niemand. „Auch für jemanden, der erst um zwei Uhr morgens kommt, finden wir noch Platz“, sagt Schneider. Die Mehrzahl derer, die hier übernachten, sind Männer; dementsprechend werden für sie 72 Feldbetten in vier Zelten angeboten. 18 weitere Schlafstätten sind im fünften Zelt für Frauen reserviert. Einlass finden ausschließlich Erwachsene. Rauchen ist aus Sicherheitsgründen verboten, aber wer möchte, kann seinen Hund mitbringen. „Auch Haustiere werden hier versorgt“, äußert Schneider.Reserviert: Eines von fünf Zelten in der Bockenheimer Anlage in Frankfurt ist für obdachlose Frauen reserviert. Die meisten derer, die hier übernachten, sind allerdings Männer.Michael HinzSeit mittlerweile eineinhalb Wochen gibt es das Zeltlager in der Bockenheimer Anlage. Bis dahin hatten täglich regelmäßig 100, zuletzt bis zu 130 Menschen in der B-Ebene der U-Bahn-Station Eschenheimer Tor geschlafen. Auf Matten, tief unter der Erde der Stadt, betreut vom Frankfurter Verein für Soziale Heimstätten.Die Geschichte der Notunterkunft am Eschenheimer Tor war eine Geschichte des organisierten Nicht-Entscheidens. Im Winter 2018 wurde sie eingerichtet, kurzfristig, als Reaktion auf eine akute Notlage. Damals galt sie als Fortschritt im Vergleich zu den Zuständen in der B-Ebene der Hauptwache, wo die Stadt seit 2002 Schlafplätze für kalte Winternächte angeboten hatte.Aus dem Winterprovisorium wurde ein Ganzjahresbetrieb, der oft über seine Kapazitäten hinaus beansprucht wurde. Bis zu 200 Menschen seien in manchen Nächten in der B-Ebene am Eschenheimer Tor gezählt worden, sagt Thomas Heimbürger, Betriebsratsvorsitzender der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF). Ausgelegt waren die Räumlichkeiten für 150. Ende Mai dieses Jahres lag dann ein neues Brandschutzgutachten vor, in dem von Gefahr für Leib und Leben der Obdachlosen die Rede war. Der Weiterbetrieb der Lagerstätte in der U-Bahn-Station sei nicht vertretbar, hieß es.Mietvertrag für B-Ebene gekündigtDie VGF kündigte daraufhin kurzfristig den Mietvertrag. Zunächst ordentlich zum 30. September, dann mit sofortiger Wirkung. Sozialdezernentin Elke Voitl (Die Grünen) wurde nach eigenen Angaben von der Forderung zur unverzüglichen Räumung überrascht und ließ dann binnen weniger Stunden die Zelte errichten. In der darauffolgenden Nacht waren alle 90 Plätze belegt.Drei Tage nach dem Aufbau der Zelte war die Anlage fertig ausgebaut. Ein blickdichter Zaun umschließt seitdem das etwa 800 Quadratmeter große Areal. Mobile Sanitäranlagen sind aufgebaut – acht Dixi-Klos für Männer, fünf für Frauen –, Feuerlöscher aufgestellt, Fluchtwege ausgewiesen. Für Frauen, die nicht mit Männern gemeinsam übernachten möchten, wurde ein separates Zelt eingerichtet.Viele von jenen, die in den vergangenen Tagen mehrfach in den Zelten geschlafen haben, äußern sich zufrieden mit dem Angebot. Bedauerlich sei allerdings, dass es im Lager keine Möglichkeit gebe, sich zu waschen. In der nahe gelegenen U-Bahn-Station hätten sich Toiletten mit mehreren Waschbecken befunden, berichtet eine Frau. Tatsächlich gibt es im Zeltlager kein fließendes Wasser, lediglich die Hände kann man sich in den mobilen Toilettenkabinen oberflächlich reinigen.Wartende schon lange vor 21 UhrDie 77 Jahre alte Regina, die nach eigenen Worten seit dem Jahr 2015 auf der Straße lebt, kommt jeden Abend lange vor 21 Uhr in die Bockenheimer Anlage. Sie wolle auf Nummer sicher gehen, sagt sie und verweist auf die begrenzte Zahl von Betten, die Frauen vorbehalten sei. In der U-Bahn-Station sei die Unterbringung aus ihrer Sicht besser gewesen, sagt die Frau. Aber die neue Unterkunft sei gut, und sie wisse es zu schätzen, dass die Stadt von einem Tag auf den anderen übergangslos eine Alternative geschaffen habe.Jeden Morgen, um 5.30 Uhr, werden die Obdachlosen geweckt, bis sechs Uhr müssen sie das Lager verlassen haben. Zum Abschied gibt es Wasserflaschen sowie auf Wunsch Sonnencreme, Schirme und Kappen gegen Sonne und Hitze. Von Freitag an soll zudem ein Frühstück zum Mitnehmen angeboten werden, dieselbe Versorgung, die zuletzt auch in der U-Bahn-Station organisiert worden war.Übergangslösung: Maximal noch vier Wochen sollen die Zelte in der Bockenheimer Anlage stehen. Dann will das Sozialdezernat eine dauerhafte Unterkunft gefunden haben.Michael HinzNach Schätzungen des Sozialdezernats leben in Frankfurt zwischen 200 und 300 Menschen auf der Straße, sprich sie haben kein Zuhause, auch nicht in einer der festen Obdachlosenunterkünfte, die die Stadt anbietet. Darüber hinaus stehen etwa 600 Notschlafplätze zur Verfügung, die fast jeden Abend belegt sind. Weitere 4200 Wohnungslose hat die Stadt in Unterkünften untergebracht. Die Notunterkunft in der Bockenheimer Anlage ist, gemessen daran, klein.Das Zeltlager sei ein Provisorium, „eine absolute Notlösung“, und müsse deshalb so schnell wie möglich zurückgebaut werden, sagt Christian Rupp, Sprecher der Sozialdezernentin. Gesucht werde ein niederschwelliges Angebot, eine Immobilie in Innenstadtnähe, in der rund 150 Menschen eine Schlafstätte finden könnten. Alles andere als eine einfache Aufgabe.Intensive Suche nach dauerhafter LösungAllein in der vergangenen Woche wurden nach Angaben des Sozialdezernats rund 50 Immobilien geprüft – private Grundstücke und städtische Objekte gleichermaßen. Gefunden wurde bisher nichts. „Die Lage ist derzeit sehr volatil – schlagartig kann sich alles ändern“, sagt Rupp. Am Mittwoch zeigt er sich optimistisch, dass binnen vier Wochen eine andere, dauerhafte Lösung gefunden werden könne.Umweltdezernentin Tina Zapf-Rodriguez (Die Grünen) hatte jüngst drauf hingewiesen, dass die jetzt von den Obdachlosen belegte Fläche in der Grünanlage nicht für einen längeren Aufenthalt gedacht oder geeignet sei. Immer wenn Grünflächen intensiv genutzt würden, gerieten sie an ihre Grenzen und ihre Bedeutung als Orte der Erholung, für die Artenvielfalt und das Stadtklima rücke in den Hintergrund, argumentiert die Stadträtin. Die Wallanlagen, zu denen auch die Bockenheimer Anlage gehört, gelten als der historisch erste grüne Ring Frankfurts, der vor mehr als 200 Jahren auf den Flächen der früheren Befestigungsanlage der Stadt entstanden ist.Das Lager dort ist nach Angaben des Sozialdezernats ausdrücklich als Notlösung gedacht, nicht als Dauerzustand. Es soll Menschen Schutz vor Regen, Kälte und der Unsicherheit der Straße bieten. Zugleich zeigt es, wie groß der Druck geworden ist: auf den Wohnungsmarkt, auf die Hilfseinrichtungen, auf jene, die ohnehin kaum Rückzugsorte haben. In Frankfurt ist Obdachlosigkeit kein neues Thema. Neu ist eher, wie unübersehbar sie nun in den zentral gelegenen historischen Wallanlagen wird.Die Zelte machen sichtbar, was sonst über das Stadtgebiet verstreut ist: Menschen, die keinen Mietvertrag haben, kein Zimmer, oft keinen festen Rhythmus außer dem, den Hilfsangebote, Essensausgaben und Schlafplätze vorgeben. Für Außenstehende mag das Lager wie eine Ausnahme anmuten. Für viele der Bewohner ist es nur eine Station in einem Leben, das seit Langem vom Vorläufigen bestimmt wird.„Gestern die B-Ebene, heute die Zelte – und morgen ...?“, fragt sich Richard, der wie die meisten derer, die im Provisorium in der Bockenheimer Anlage unterkommen, seinen Nachnamen nicht nennen möchte. „Ich nehme es, wie es kommt“, fügt er dann hinzu. „Was soll ich sonst machen?“