In den Wallanlagen, auf der Rückseite des Hilton-Hotels, grenzt seit einer Woche ein zwei Meter hoher Sichtschutz ein fußballfeldgroßes Areal in der historischen Grünanlage ein. Was dahinter liegt, ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Dort stehen sechs große Zelte mit je 18 dicht zusammengerückten Feldbetten und Dixi-Klos. Tagsüber sind sie leer, nachts dienen sie als Notquartier für Obdachlose, damit sie nicht in Hauseingängen, Einkaufspassagen oder U-Bahn-Stationen im Stadtgebiet übernachten.Es sind etwa 100 Menschen, die bis vor zehn Tagen noch in der B-Ebene der U-Bahn-Station Eschenheimer Tor schlafen durften, bis die Frankfurter Verkehrsgesellschaft wegen eines neuen Brandschutzgutachtens von einem Tag auf den anderen die Duldung entzog und die Ebene räumen ließ.„Die Zelte waren die einzige Möglichkeit, den Menschen schnell Schutz zu bieten. Es ist völlig unstrittig, dass sie so schnell wie möglich wieder abgebaut werden müssen“, sagt die Sozialdezernentin Elke Voitl (Die Grünen). Wie lange das Notlager dort steht, ist abhängig davon, ob für die Menschen kurzfristig eine andere Unterbringung organisiert werden kann. Ideal wäre eine dauerhafte Lösung, eine feste Notübernachtung, so ein Sprecher des Dezernats: „In der vergangenen Woche haben wir 50 Objekte geprüft, ob dort eine vorübergehende oder dauerhafte Unterbringung möglich wäre. Wir haben nur Absagen erhalten.“Wert der Flächen als Orte der Erholung stehe unter DruckDie Anfragen hätten privaten und städtischen Immobilien gegolten. Da das Dezernat über keine eigenen Liegenschaften verfüge, sei man auf die Unterstützung anderer Dezernate angewiesen. „Ich fordere jetzt eine gute Zusammenarbeit im Magistrat, damit wir schnell eine Alternative finden und diese Fläche in der Bockenheimer Anlage wieder verlassen können“, sagt Voitl.Auch Voitls Magistratskollegin Tina Zapf-Rodríguez verweist darauf, dass die jetzt in Anspruch genommene Grünanlage nicht für die Anforderungen gedacht sei, „die mit einem längerfristigen Aufenthalt oder dem Aufbau von Strukturen verbunden sind“. Darin sei sie sich mit Voitl einig, sagt die Grünen-Politikerin. Immer wenn Grünflächen für andere Nutzungen in Anspruch genommen würden, gerieten diese an ihre Grenzen. Vor allem gerate auch der besondere Wert dieser Flächen als Orte der Erholung, der Biodiversität und des Stadtklimas unter Druck.Historische Wallanlagen schützenVoitl habe von Anfang an deutlich gemacht, so Zapf-Rodríguez, dass die Inanspruchnahme der Fläche in den Wallanlagen für sie die Ultima Ratio sei. Im Vordergrund der Suche hätten Gebäude und Hallen gestanden, um den Betroffenen dauerhaften Schutz und ein kühleres Umfeld zu bieten, als es ein Notlager aus Zelten könne. Sie sei aber gleichzeitig Voitl dankbar, dass diese, nachdem die Übernachtungsmöglichkeit in der B-Ebene am Eschenheimer Tor überraschend nicht mehr zur Verfügung stand, schnell eine Lösung für die Menschen gefunden habe.Zapf-Rodríguez wünscht sich jetzt allerdings eine „deutlich stärkere und verbindlichere Zusammenarbeit innerhalb der Stadt und des Magistrats“. Es reiche nicht aus, dass Sozial- und Umweltdezernat, zwei von Grünen-Politikerinnen geführte Ressorts, gut miteinander arbeiteten. Es brauche jetzt ein abgestimmtes Handeln, insbesondere da Gebäude, Unterbringung und soziale Angebote gefragt seien, fordert Zapf-Rodríguez. „Die Verantwortung für diese Herausforderungen darf nicht in den öffentlichen Grünraum verschoben werden.“ Die Wallanlagen gelten als der historisch erste grüne Ring Frankfurts, der vor mehr als 200 Jahren auf den Flächen der früheren Befestigungsanlage der Stadt zunächst als Gärten mit einer öffentlichen Promenade entstanden ist. Die Wallservitut ist eine gesetzliche Regelung aus dem Jahr 1827, die bis heute die Flächen der Wallanlagen vor Bebauung schützt.Übernachtungsmöglichkeiten für obdachlose Menschen gibt es in Frankfurt zahlreiche, insgesamt sind es rund 600 Plätze. Die bekannteste und größte ist die im Ostpark, mit bis zu 220 Schlafplätzen. Aber auch in der Stadtmitte nahe der Konstablerwache, im Bahnhofsviertel, in Bonames und in Fechenheim unterhalten verschiedene Träger im Auftrag der Stadt Nachtquartiere für Menschen ohne festen Wohnsitz. Manche Besucher haben dort auch eine feste Schlafstätte, sie lassen sogar einen Teil ihrer Habseligkeiten dort und kommen jeden Abend wieder dorthin.Die rund 600 Plätze sind in der Regel belegt, aber tagesabhängig unterschiedlich ausgelastet. Wer zuerst kommt, bekommt auch einen Platz. Einige Einrichtungen haben Zugangsbeschränkungen: Entweder sind sie nur für Frauen geöffnet oder in anderen Fällen für Drogenkranke. Die rund 100 Obdachlosen vom Eschenheimer Tor auf die vorhandenen Einrichtungen zu verteilen, ist nach Angaben von Voitl nicht möglich gewesen.