Wim Wenders ist ein alter weißer Mann, der als junger weißer Mann ein Mädchen für seine filmischen Visionen ausgenutzt hat, indem er es, wenn nicht gegen seinen Willen, dann auf jeden Fall gegen sein Empfinden, oben ohne abgelichtet hat.Das hätte er damals schon besser gelassen, aber dass er sich auch heute einem Dialog mit der Schauspielerin verweigert und sich ziert, die entsprechende Einstellung auf ihren Wunsch aus seinem Film „Falsche Bewegung“ (1975) herauszuschneiden, ist ein Skandal. Stattdessen redet er sich auf die angeblich anderen Zeiten in den Siebzigerjahren heraus und verweist aufs Filmerbe, möchte die Diskussion und Entscheidung an die Filmakademie outsourcen, vor allem aber seine Verantwortung.So stellt sich die dominante Einschätzung des „Fall Wenders“ in den Medien dar, so hört man sie in Gesprächen. Wo nun aber die Empörung derart groß ist, stellt sich die Frage, warum es überhaupt dieses „Eklats“ auf der Preisverleihung bedurfte, um die Aufmerksamkeit auf Frau Kinskis minderjährige Brüste zu lenken. Liegt es daran, dass den fraglichen Film einfach niemand gesehen hat, schon gar nicht die, die sich nun empören, da sich hierzulande ohnehin keiner für Filmgeschichte interessiert? Oder liegt es daran, dass Bilder von nackten Brüsten, von wem auch immer, heutzutage ubiquitär sind und daher einfach nicht auffallen, nicht zur Erregung taugen? Dann hätte Wenders vielleicht doch den Finger in die Wunde gelegt, denn die erste These adressiert eben die Prekarität des Filmerbes und die zweite die sich wandelnden Zeiten.Sexualisierung von Kindern in den Siebzigerjahren1975 mag ein Teil des männlichen Publikums die Aufnahme der jungen Kinski dankbar als pornographisches Bild rezipiert haben, allerdings fand Mitte der Siebzigerjahre auch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung, und zwar vor allem der politisch links ausgerichtete, männliche wie weibliche, die Sexualisierung von Kindern nicht nur vollkommen in Ordnung, sondern deklarierte sie als wichtigen Baustein einer breiten Emanzipations- und Aufklärungsbewegung.In alternativen Kinderläden kursierte beispielsweise eine aus dem Schwedischen ins Deutsche übersetzte Schrift der Autorin Frances Vestin mit dem Titel „Alle Macht den Kindern“, die mit einem – in der damals in linken Kreisen beliebten Kleinschreibung gesetzten – programmatischen Satz beginnt: „Ziel ist eine gesellschaft, in der alle satt sind, in der alle sich veranlasst sehen, sich anzupassen, in der all grund haben zur fröhlichkeit, in der sich alle füreinander verantwortlich fühlen.“ Der letzte Teilsatz wird dann unter dem Stichwort „Sex“ folgendermaßen ausgeführt: „Kinder können erotik und beischlaf schätzen lernen, lange bevor sie imstande sind zu begreifen und lange bevor sie daran interessiert sind, wie ein kind entsteht. Für kinder ist es wertvoll, wenn sie gemeinsam mit erwachsenen schmusen. Nicht weniger wertvoll ist es, wenn während des schmusens geschlechtsverkehr stattfindet.“Was waren das denn für Zeiten?Man ahnt hier, dass die Zuspitzung auf einen Fall Kinski versus Wenders, der mit einem Herausschneiden der inkriminierten Nacktszene doch leicht zu beenden wäre, an der gesellschaftlich eigentlich relevanten Fragestellung vorbeigeht: Was waren das denn nun eigentlich für Zeiten? Warum war es für den jungen Wenders so selbstverständlich, diese Szene zu drehen, für die Juroren des Deutschen Filmpreises, den Film daraufhin mit sechs Filmbändern in Gold auszuzeichnen (darunter für Regie, Drehbuch, Kameraführung und das Gesamtensemble), für Wolfgang Petersen, das Ganze mit Nastassja Kinski zwei Jahre später in dem „Tatort: Reifezeugnis“ zu wiederholen, und letztendlich auch für die minderjährige Kinski, sich offenbar verpflichtet zu fühlen, entgegen einem tiefen Unwohlsein dabei ein zweites Mal mitzumachen?Keine Ahnung, ob Wenders jemals bereit gewesen wäre, darüber zu sprechen, letztendlich ist die Scham doch immer riesig, wenn sich gesellschaftliche Gepflogenheiten so diametral ändern, unter Umständen auch das Unverständnis gegenüber dem eigenen Handeln, aber die persönlichen Angriffe haben seine Gesprächsbereitschaft sicherlich nicht vergrößert.Während die expliziten pädophilen Bekenntnisse in linken Magazinen der Zeit kein Geheimnis sind, bereits ausgiebig kommentiert wurden, ist deutlich weniger klar, wie dieser Zeitgeist sich in der weniger extremen Variante auf eine ganze Generation ausgewirkt und eben auch in Filmen und Serien seinen Niederschlag gefunden hat. Ein Fokussieren auf den sogenannten männlichen Blick wird kaum dabei helfen, dem Phänomen in seiner ganzen Breite gerecht zu werden.Explizite pädophile BekenntnisseAls die Retrospektive der Berlinale 2019 unter großem Jubel den frisch restaurierten, angeblich „ersten feministischen Film“ „Neun Leben hat die Katze“ (1968) von Ula Stöckl wiederaufführte, gab es keinen Aufschrei, als zum Abschluss einer Sequenz mit einer Erwachsenen-Diskussion über kindliche Autoerotik, an die von den Müttern organisiertes nacktes und halb nacktes Spiel anschließt, unvermittelt auf eine Großaufnahme des Geschlechts eines kleinen Mädchens geschnitten wird, die Beine angewinkelt und gespreizt. Ein Symbol? Die Weiblichkeit schlechthin? Diese Einstellung war bereits 1968 unnötig und falsch und ist es heute noch. Aber wir kennen die „Darstellerin“ eben nicht, sie hat sich keinen Anwalt genommen und unter öffentlicher Anteilnahme vergeblich an Ula Stöckl gewendet. Vielleicht stört sie sich auch gar nicht an der Aufnahme. Aber kann das unser Maßstab sein, wenn wir es ernst meinen mit der Empörung?Wer soll bestimmen, was ein problematisches Bild ist und wie mit diesem nach Identifizierung umgegangen wird? Soll es gelöscht oder nur verpixelt werden? Oder soll man gleich den ganzen Film aus dem Verkehr ziehen? Letzteres wäre konsequent, wenn man der Ansicht ist, dass es gar nicht um das einzelne Bild geht, dieses eher von der eigentlichen Frage ablenkt. Bezüglich des Wenders-Films könnte diese beispielsweise lauten: Was ist das überhaupt für eine Mädchenfigur, die Wenders hier gegenüber der Vorlage in weiten Teilen erfindet, diese stumme 13-jährige fille fatale, enigmatisch, unschuldig, verführerisch, nichtssagend – alles zugleich?Auch hier findet sich eine Parallele zur Frauen- und Emanzipationsbewegung. 1987, also in dem Jahr, in dem die „Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule, Päderasten und Transsexuelle“ bei den Grünen aufgelöst wird, dreht die zu Recht viel gerühmte Agnès Varda zwei Filme mit der anglo-französischen Darstellerin und Sängerin Jane Birkin. Der eine von beiden mit dem Titel „Kung-Fu Master!“ ist eine feuchte Frauenphantasie von einer sexuellen Beziehung zu einem minderjährigen, hier 15-jährigen Jungen. Der deutsche Verleihtitel „Die Zeit mit Julien“ spielt darauf an. Wohlgemerkt, es gibt keine Nacktbilder, der Beischlaf findet off-screen statt, aber die zahlreichen Knutschereien fühlen sich fast noch intimer an als ein enthüllter Körper. Und der Darsteller des Jungen hat ebenfalls im Nachhinein geäußert, dass er diese Szenen reichlich seltsam und eher unangenehm fand. Allerdings ist Mathieu Demy der Sohn der Regisseurin.Eine Art Selbstüberprüfung in der GegenwartEs wäre überhaupt kein Problem, so immer weiterzumachen, Regisseure zu denunzieren, Regisseurinnen zu denunzieren, Filme zu denunzieren. Und letztendlich scheint das auch überwiegend der Modus zu sein, in dem Filmgeschichte heute überhaupt noch rezipiert wird. Das Filmerbe wird als defizitär wahrgenommen, besteht es doch weitgehend aus unsäglichen Frauenfiguren und übergriffigen Szenen. Es muss entsprechend desinfiziert und auch dekolonialisiert werden. Manchmal reicht es auch, es einfach einzufärben, um dem drögen Schwarz-Weiß zu entkommen, das die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts dominierte.Es soll hier gar nicht bestritten werden, dass vieles aus heutiger Sicht problematisch ist oder zumindest seltsam aussieht. Auch war das Zustandekommen so mancher Filmszene schon während der Entstehung nicht in Ordnung. Aber was folgt daraus? Als Mindestanforderung sollte diese Erkenntnis nicht zur immer etwas bigotten Verdammung von irgendwem und irgendwas in der Vergangenheit dienen, sondern vielleicht zu einer Art Selbstüberprüfung in der Gegenwart: Was treiben wir alles, was uns morgen schon peinlich sein, was im Nachhinein als übergriffig empfunden werden wird? Natürlich ist es fraglich, ob das allein als Gegengift zu den Überschusshandlungen der modernen Kommunikationsumgebungen taugt, aber es würde den Möglichkeiten des Filmerbes schon näherkommen als seine derzeitige Nutzung.Filme sind sicherlich kein Spiegel des 20. Jahrhunderts, aber es hat in ihnen viele Spuren hinterlassen, Spuren unterschiedlichster Art. Das macht das Filmerbe zu einer unglaublich aufregenden Ressource für das Verständnis der Widersprüchlichkeiten des modernen Lebens. Es gibt übrigens Leute, die sich damit professionell auseinandersetzen, diese Spuren zu sichern und zu deuten. Und noch gibt es auch Nachwuchs, junge Leute, die das auch tun wollen, die das Potential sehen. Das ist immer wieder überraschend, weil man sich fragt, wo sie das herhaben. Aus der Schule jedenfalls nicht.Und auch sonst sind wir kein Land, in dem es ein besonders weitgehendes Interesse für die Geschichte und Ästhetik bewegter Bilder geben würde, obwohl unsere Gegenwart von ihnen überquillt. Es gibt in Deutschland eine ganze Reihe Filmmuseen und ähnlicher Institutionen, vielleicht sogar zu viele, aber keine gute Struktur, die eine wirksame Interessenvertretung ermöglichen würde. Darüber hinaus Stiftungen, die das Werk Einzelner sichern und verbreiten wollen, von Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Edgar Reitz, bald auch Alexander Kluge und eben von Wim Wenders. Unter diesen Geniestiftungen ist die von Wim Wenders sicherlich die aktivste, dennoch ist ihm bei der aktuellen Skandalisierung auf die Füße gefallen, dass er seine Popularität und Reichweite nicht genug dafür eingesetzt hat, das Wissen über, aber vor allem den Enthusiasmus für das Filmerbe ganz allgemein zu fördern. Die „Diskussion“ hätte von Anbeginn eine ganz andere Qualität haben können.Chris Wahl ist Filmwissenschaftler, Professor für Audiovisuelles Kulturerbe an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF und leitet dort den Masterstudiengang Filmkulturerbe.