Endlich wieder Weltklasse: Nach Jahren der Krise hofft Ägypten auf eine WiedergeburtDie Republik am Nil war einst die bestimmende Macht im Nahen Osten, ehe sie abstürzte. Nun will das Land an alte Grösse anknüpfen. Das dramatische WM-Spiel gegen Argentinien kam da gerade recht.09.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenFeiern in Kairo: Nach dem Sieg ihrer Mannschaft im Spiel gegen Australien gab es für die Ägypter kein Halten mehr.Sayed Hassan / GettyEr mache das Geschäft seines Lebens, sagt Ahmed Hamem, der Flaggenverkäufer auf dem Markt von Ataba. «Über zwei Millionen Stück habe ich verkauft. Meine Bestände sind leer. Ich muss jetzt neue bestellen, aus China.» Der Mann im Ringelshirt mit Flipflops an den Füssen wedelt mit Bündeln voller Geld. «Von mir aus kann es für immer so weitergehen.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Textilwarenhändler wie er hatten in den letzten Jahren in Ägypten wenig Grund zur Freude. Die Inflation, eine schwere Wirtschaftskrise und der Krieg am Golf machten ihnen zu schaffen. Ägypten, so schien es, steuerte auf einen Zusammenbruch zu. Dann kam die Weltmeisterschaft im fernen Amerika, und alles wurde gut. Zumindest für Hamem.«Der Nahe Osten steht hinter uns»«Alle kaufen jetzt Ägypten-Fahnen», sagt er. «Das ganze Land ist verrückt geworden.» Tatsächlich herrscht an diesem Dienstag in Kairo eine grosse Anspannung. Am Abend spielt die Nationalmannschaft um den Superstar Mohamed Salah in den USA gegen Lionel Messis Argentinien um den Einzug in den WM-Viertelfinal.Messi, Weltmeisterschaft, Amerika: Mit einem Mal ist das arg gebeutelte Ägypten wieder voll mit dabei. «Jetzt können wir zeigen, wer wir wirklich sind», sagt der Flaggenverkäufer Hamem, bevor er in der Menschenmenge verschwindet. «Der ganze Nahe Osten steht hinter uns. Wie früher.»Tatsächlich kommt der WM-Erfolg für Ägypten zum richtigen Zeitpunkt. Nach Jahren des Niedergangs will die einstige Führungsmacht des Nahen Ostens jetzt wieder zeigen, dass mit ihr zu rechnen ist. In der Vergangenheit war die Nationalmannschaft nie über die Gruppenphase hinausgekommen. Jetzt misst sie sich plötzlich mit dem Weltmeister.Wirtschaftskrise und Schulden«Wir hatten immer Pech», sagt Ahmad Alghawad, ein Fotograf und Fan des Kairoer Fussballklubs Zamalek, der mit ein paar Freunden in einem Strassencafé sitzt und Tee trinkt. «Früher stellten wir uns aber auch oft selbst ein Bein. Es herrschte Chaos, Unvermögen, oder irgendetwas klappte nicht.»Public Viewing in der Provinzstadt al-Arish: Für die geplagten Ägypter sind die Erfolge ihrer Nationalmannschaft ein Quell des Stolzes.Ali Moustafa / GettySeine Freunde stimmen ihm zu. «Es ist fast wie mit allem in Ägypten», sagt einer. «Wir schaffen es einfach nicht, unser Potenzial auszuspielen.» Doch damit soll jetzt Schluss sein. Parallel zum Fussball will Ägypten auch auf anderen Feldern zeigen, dass mit dem Land wieder zu rechnen ist.Nach Jahren der Tristesse versucht die Regierung unter dem autoritären Ex-General Abdelfatah al-Sisi, Aufbruchsstimmung zu erzeugen. Im letzten Jahr eröffnete sie mit viel Pomp das Grosse Ägyptische Museum, einen gewaltigen Tempel aus Beton und Glas bei den Pyramiden, in dem der glorreichen Vergangenheit des Landes gehuldigt wird.Glorreiche VergangenheitParallel dazu stampfen Sisis Baumeister östlich von Kairo eine neue Hauptstadt aus dem Wüstenboden. Jüngst eröffneten sie dort ein Verteidigungsministerium – so gross wie Lissabon. Es ist das grösste der Welt. Nicht weit davon haben die Behörden eine Fan-Zone für die Weltmeisterschaft eingerichtet. Nach jedem Ägypten-Match feiern Tausende dort ihr Team.Für viele Ägypter nimmt ihr Land damit den Platz ein, den es verdient hat. «Ägypten ist bis heute etwas Besonderes, es ist das Zentrum der arabischen Welt», sagt Alghawad. «Alle Wege scheinen deshalb nach Kairo zu führen. Nicht nur im Fussball. Auch in der Kultur.»Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an war Kairo jahrzehntelang das intellektuelle und politische Zentrum der arabischen Welt. Bis heute atmet die Metropole den Geist von damals. In Downtown, dem von Abgasen verpesteten Zentrum, ragen heruntergekommene Gründerzeitbauten in den bleichen Sommerhimmel. Mitunter sieht die Stadt aus wie Paris nach der Apokalypse.Ägypten hat eine ZukunftNiederlagen gegen Israel, die sozialistische Politik des einst als antiimperialistischer Superstar verehrten ersten Präsidenten, Gamal Abdel Nasser, sowie der wirtschaftliche Niedergang der letzten Jahre richteten das Land jedoch zugrunde. In letzter Zeit glich Ägypten einem Bettler, der in Europa und bei den Golfstaaten um Kredite bitten musste.Blick auf Kairo. Früher galt die Stadt als Zentrum der arabischen Welt. Nach Jahren der Krise will sie nun an alte Grösse anknüpfen.Anadolu / GettyNun ist Ägypten zurück. Weil die Regierung flexible Wechselkurse zulässt, fliesst wieder mehr Geld ins Land. Angesichts des Chaos in Dubai, Abu Dhabi und Riad wirkt Kairo mit einem Mal wie ein sicherer Hafen. Aber ist der Aufschwung real?«Tatsächlich laufen ein paar Dinge besser», sagt Mohammed Kassem, der Chef des Verbandes der ägyptischen Exportindustrie. Der Unternehmer sitzt in seinem angenehm kühlen Büro im Kairoer Stadtteil Dokki und referiert über die Weltlage. Klar, der Krieg am Golf schade allen. Aber die Krisen der letzten Jahre hätten gezeigt: Als Land mit Nähe zu Europa habe Ägypten eine Zukunft als Wirtschaftsstandort.In Kairo herrscht eine fiebrige AtmosphäreZudem setzt Kassem auf Afrika. «Viele afrikanische Länder wachsen schnell. Ägypten kann da eine Mittlerrolle übernehmen.» Um sich zu entwickeln, müsse sein Land aber noch viel verändern. Vor allem die massive Ungleichheit zwischen Arm und Reich sei ein Problem, sagt der Unternehmer. «Wachstum ohne Entwicklung ist nutzlos.»Mit Fussball hat Kassem nicht viel am Hut. Ganz im Gegensatz zur Mehrheit der 110 Millionen Ägypter. Aber von der WM-Euphorie hat auch er sich anstecken lassen. «Ich bewundere Mohamed Salah», sagt er über den ägyptischen Superstar. «Und ich hoffe, dass die Mannschaft es schafft.»Ein paar Stunden später ist es so weit. In Kairo herrscht eine fiebrige Atmosphäre. Überall werden Fahnen geschwungen, in der ohnehin schon chaotischen Stadt herrscht der komplette Ausnahmezustand. In einer kleinen Gasse in Downtown, zwischen den verwitterten Bürgerhäusern aus der Belle Époque, klatschen, singen und feiern Hunderte, als sich ihre Mannschaft anschickt, Geschichte zu schreiben.«Wir fangen gut an und werfen dann alles weg»Entgegen allen Erwartungen geht Ägypten in Führung. Erst 1:0, nach einer Stunde sogar 2:0. Gegen den Weltmeister, gegen Lionel Messi. Der Lärm ist jetzt infernalisch, junge Männer hängen an den Fassaden, Frauen klatschen in die Hände, die Cafébesitzer ziehen ungläubig an ihren Zigaretten. Die abenteuerlich verkabelten Fernsehgeräte, die hier überall stehen, wackeln bedenklich.Enttäuschte ägyptische Fans nach der Niederlage gegen Argentinien. Der Jubel schlägt um in Entsetzen und Wut.Mohamed Elshahed / ImagoDoch innert kurzer Zeit ist alles vorbei. Kurz vor Schluss schiesst Argentinien drei Tore, der Jubel schlägt um in Entsetzen und Wut. Wegen einiger fragwürdiger Schiedsrichterentscheidungen wittern manche Betrug. «Sie wollen Messi den Titel geben», ruft ein Mann. Im Internet kursieren Verschwörungstheorien, der Nationaltrainer Hossam Hassan schimpft im Fernsehen über die Fifa.«Es ist wie immer in Ägypten», sagt ein enttäuschter Ingenieur aus Heliopolis später in einer der wenigen noch offenen Bars. «Wir fangen gut an und werfen dann alles weg.» Draussen auf den Strassen herrscht Ernüchterung. Ägypten-Fahnen sind immer noch zu sehen. Das ganz grosse Geschäft wird der Verkäufer Ahmed Hamem aber wohl nicht mehr machen. Seine Lieferung aus China kann er getrost stornieren.Passend zum Artikel