Berlin, kurz vor den Sommerferien: Vor einer Schule in Neukölln hält ein Reisebus. Die Kastanien werfen kurze Schatten, aus offenen Fenstern dringt Unterrichtslärm. Eine Reisegruppe aus Shanghai steigt aus, nicht um das Pergamonmuseum zu besuchen (das ohnehin wegen Sanierungsarbeiten geschlossen ist), sondern eine Schule im Problembezirk.Die Gäste werden durch die Flure geführt. An einer Wand hängen Plakate gegen Rassismus, daneben der Vertretungsplan, der wie ein spätes Werk der Systemtheorie aussieht: Mangel an menschlichem Personal. Eine Lehrerin erläutert professionell das Konzept der Brennpunktschule. Einige Kinder sagen ein paar Sätze auf Englisch. Zum Abschied verteilen die Besucher Kugelschreiber mit KI-Funktion. Die Stifte können scannen, übersetzen und korrigieren. Es werden Fotos gemacht, die bald auf Instagram gepostet werden – mit dem Kommentar: „Visited poor but happy kids today – a truly authentic experience!“ Getaggt wird auch @neukoelln-safari, der Veranstalter der Tour; er überweist der Schule einen ansehnlichen Betrag, der für die Renovierung der Turnhalle verwendet werden soll. Eine Schule als Sehenswürdigkeit, Kinder als Staffage, Lehrer als Tourguides – eine absurde Vorstellung?Ebenso wohlmeinend wie peinlichKeineswegs, wenn wir den Ort wechseln: Die Berliner Szene war fiktiv, aber in Afrika sind Schulbesichtigungen ein gängiges Element eines „Developmenttourism“, der schöne Bildmotive mit philanthropischen Spendenmotiven paart. Die in Australien lehrende Erziehungswissenschaftlerin Kate Smithers hat untersucht, wie und warum dies in Simbabwe funktioniert. Die „Matopo School“, die in Wirklichkeit anders heißt, ist zugleich Lernort, Gemeindeprojekt, Finanzierungsproblem und touristische Destination. Reisegruppen besuchen die Schule, informieren sich über ihre Geschichte, erleben kulturelle Darbietungen und begegnen dabei den Kindern und dem Lehrpersonal. Dafür fließen Spenden, Geschenke – und Geld vom Tourveranstalter.Das ließe sich leicht als Geschichte wohlmeinender, aber peinlicher Helfer erzählen, die mit Kamera und Schuldgefühlen durch die Welt reisen. Doch die Schule braucht Ressourcen, der Staat finanziert sie nicht ausreichend, und die Lehrkräfte müssen improvisieren. In Simbabwe nennt man das „kuronga-ronga“: einen Plan machen.Bitte recht „poor but happy“Man könnte auch sagen: den Mangel verwalten, aber Lösungen suchen. Die Schule muss deshalb unterrichten und inszenieren. Die Lehrer lehren und führen Regie, die Kinder lernen und stellen zugleich jene Kinder dar, die Besucher zu sehen erwarten. Die Touristen wiederum wollen keine Touristen sein. Sie heißen lieber Freunde oder Unterstützer. Dennoch haben sie klar umrissene Erwartungen: Sie möchten am Beispiel der Schule „Afrika“ sehen: rote Erde, wilde Tiere, strahlende Kinder, wenig Technik, authentische Kultur. Was nicht ins Bild passt – urbane Zonen, moderne Organisationen –, muss für sie beiseitegeräumt werden.Die Lehrer sind nicht nur die Leidtragenden, sondern auch die Produzenten dieses Bildes. Sie wissen, dass Kinder im Unterricht fehlen, wenn sie Touristen begrüßen. Ihnen ist aber auch klar, dass eine unsichtbare Schule keine Spenden erhält. Deshalb übersetzen sie die Not in eine Form, die für touristische und philanthropische Motive anschlussfähig ist. Die Kinder spielen die schwierigste Rolle. Sie sollen nicht einfach arm sein, sondern „poor but happy“. Sie dürfen Armut verkörpern, aber sie sollen sie nicht anklagen.Die Besucher, die sich an dieser Darstellung orientieren, geben meist nicht, was die Schule wirklich braucht, sondern was sie für Bedürfnisse halten. Schuhe, Hefte oder Stifte sind nicht wertlos, aber Teil einer Geschichte, in der die Geber besonders gut wegkommen. Wer nach Infrastruktur oder Gehältern fragt, stört die Szene.Kate Smithers' Studie klagt diese gut gemeinten, aber teilweise fehlgeleiteten Hilfeversuche nicht an. Auch andere Organisationen müssen auf doppelte Rechnung arbeiten, wenn ihre finanzielle und moralische Unterstützung weniger von den eigentlichen Leistungen als von gefälligen Außendarstellungen abhängt. Doch der Schule hilft es wenig, wenn ihre Aufgabe als wichtig und legitim anerkannt wird, sie jedoch weiterhin unterfinanziert bleibt.Wenn die staatliche Unterstützung nicht ausreicht, kann dies dort, wo der Mangel regiert, nicht durch Beiträge der Eltern kompensiert werden. Also hält man sich an Dritte, die ihre Geldbeutel aus anderen Gründen öffnen könnten. Die Organisation hat schlicht gelernt, Kulisse zu sein, weil Kulissen manchmal Rechnungen bezahlen. Doch indem die Schultouren auf ökonomische Knappheit antworten, erzeugen sie neue Knappheiten: an Zeit für die eigentlichen Aufgaben und an nicht einsehbaren Hinterbühnen. Wer sich routinemäßig für fremde Blicke in Szene setzen muss, dem erscheint der Mathematikunterricht nicht mehr als Belastung, sondern als willkommener Rückzugsort.Kathleen Smithers (2025): Tourism, Philanthropy and School Tours in Zimbabwe. Problematising „Win-Win“ Discourses. Abingdon, New York: Routledge.
Schulen in Afrika werden Ziel eines "Entwicklungstourismus"
In Afrika werden Bildungseinrichtungen für Kinder zu Reisezielen. Eine etwas fehlgeleitete Form der Philanthropie.









