Diplomaten hatten alles dafür getan, um beim NATO-Gipfel die Fassade einer einigen Allianz zu wahren, doch es nutzte nichts. Als Mark Rutte, der Generalsekretär des Bündnisses, am Mittwochmorgen US-Präsident Donald Trump offiziell begrüßte, wurden alle bösen Geister der vergangenen Monate wieder zu Leben erweckt. Trump wiederholte sein langes Lamento über die Allianz und ihre Verbündeten. Und leitete es mit der Bemerkung ein, dass er „sehr aufgebracht über die NATO“ sei.Dann teilte er aus. Gegen Spanien: ein „hoffnungsloser Fall“, „schlechte Menschen“, die zu wenig für Verteidigung ausgeben und mit denen er nichts mehr zu tun haben wolle. Gegen Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich und Italien: Die seien nicht bereit gewesen, ihm im Krieg gegen Iran zu helfen. Gegen Dänemark, dem man Grönland niemals habe „zurückgeben“ dürfen, weil es damit gar nichts anfangen könne.Da war endgültig klar, noch bevor die Arbeitssitzung der Staats- und Regierungschefs begonnen hatte, dass es nicht gelingen würde, die Differenzen öffentlich zu überspielen und wenigstens die Fassade einer heilen transatlantischen Familie zu wahren. Nicht einmal Mark Rutte gelang es noch, seinen wichtigsten Gast zu besänftigen. Der NATO-Generalsekretär hatte ja kürzlich schon bei einem Besuch im Oval Office dafür geübt.Trump will jeden Handel mit Spanien sofort einstellenUnd so jonglierte er wieder mit jenen Zahlen, die dokumentieren sollen, wie sehr sich die Lasten im Bündnis verschieben. Natürlich kam die „Trump Billion“ vor, was Europäer und Kanadier seit Trumps erster Amtszeit in zehn Jahren mehr für ihre Verteidigung aufgewendet hätten. Aber Trumps Gesicht sprach Bände: Er saß in seinem Sessel, vornüber gebeugt und hörte missmutig zu, nicht überzeugt.Trumps Prügelknabe: Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez am Mittwoch in AnkaraReutersRutte mühte sich trotzdem nach Kräften, die von Trump Angegriffenen zu verteidigen. Dazu war er intern von Verbündeten aufgefordert worden, denen ein allzu unterwürfiges Auftreten nicht passt. Spanien habe doch einen „großen Sprung“ nach vorne bei den Verteidigungsausgaben gemacht, brachte der Generalsekretär vor. Das stimmt, seit 2023 haben sie sich verdoppelt – aber Trump trägt Ministerpräsident Pedro Sánchez immer noch nach, dass der vor einem Jahr in Den Haag nicht bereit war, das neue 3,5-Prozent-Ziel zu übernehmen. Schon damals hatte er ihm mit Strafzöllen gedroht, was freilich nicht gegen ein einzelnes EU-Land möglich ist. Jetzt sagte er, er wolle „sofort“ jeglichen Handel mit Madrid einstellen.Zu Grönland verwies Rutte auf den „Deal“, den er mit Trump im Januar beim Weltwirtschaftsforum in Davos vereinbart hatte. Seither verhandeln hohe Beamte der USA, Dänemarks und Grönlands über Garantien für US-Militärstützpunkte auf der arktischen Insel, die auch für den Fall gelten sollen, dass sie vollständig souverän wird und die Allianz verlässt. Viel ist darüber bisher nicht nach draußen gedrungen, von einer „konstruktiven Atmosphäre“ ist öfter die Rede.Die Wunde Grönland wird wieder aufgerissenDoch gibt man sich in Kopenhagen keinerlei Illusionen hin: Trump werde seine Besitzansprüche nicht aufgeben, hieß es von dort schon vor dem Gipfel. Und genau so kam es dann ja auch. Schon kurz nach seiner Ankunft in Ankara am Dienstag hatte der US-Präsident diese Wunde wieder aufgerissen und gesagt, dieser Konflikt zu Jahresbeginn habe sein Verhältnis zur ganzen Allianz „beschädigt“.Die dänische Ministerpräsidentin konnte das nicht auf sich sitzen lassen und erwiderte am frühen Mittwochmorgen: „Wir sind bereit, jeden Zentimeter des NATO-Territoriums zu verteidigen, einschließlich unseres eigenen Territoriums.“ Man weiß inzwischen, dass sie das ernst meint. Mette Frederiksen hatte ihren Soldaten Mitte Januar einen Einsatzbefehl zur Verteidigung Grönlands erteilt, sie warteten voll bewaffnet und aufmunitioniert, mit Blutkonserven versorgt, auf eine feindliche US-Landung. Das hätte die NATO an den Rand ihrer Existenz gebracht.So weit ist es nicht gekommen. Aber wer geglaubt hatte, Trump würde Dänemark über den Krieg mit Iran vergessen, sah sich getäuscht. In dieser Hinsicht ist der US-Präsident sehr berechenbar: Was er sich einmal in den Kopf gesetzt hat, gibt er nicht mehr auf. Das ist auch bei dem anderen großen Reizthema so, bei den Verteidigungsausgaben. „Wir bezahlen viel zu viel“, sagte er in seinem Zwiegespräch mit Rutte. Dessen Schmeichelei mit der Trump-Billion verfing nicht. „Wir haben in der letzten Zeit, mehr als eine Billion Dollar ausgegeben, um diese Länder vor Russland zu schützen“, hielt Trump vielmehr dagegen. „Wir bezahlen 100 Prozent der NATO, und viele andere Staaten machen gar nichts.“Die Europäer geben mehr aus, doch die Unterschiede sind großDie Zahlen, welche die Allianz am Vorabend veröffentlicht hatte, sprachen freilich eine andere Sprache. Demnach wenden die Europäer und Kanada zusammen im laufenden Jahr 777 Milliarden Dollar für ihre Verteidigung auf, die USA liegen bei gut einer Billion Euro. Das deckt natürlich die Kosten ihrer globalen Präsenz ab, auch im Pazifik. Aber selbst wenn man das außen vor lässt, liegt der Anteil der anderen inzwischen bei 43 Prozent der Gesamtaufwendungen – mit steigender Tendenz. Sollte Trump es freilich schaffen, im Kongress eine Steigerung des Verteidigungsbudgets auf 1,5 Billionen Euro durchzusetzen, würde sich die Schere wieder öffnen. Das ist das Problem, wenn Rutte stets behauptet, die Europäer würden nun „zum ersten Mal seit Eisenhower“ mit den USA „gleichziehen“.Zur Wahrheit gehört auch, dass sich die Ausgaben in den Mitgliedstaaten stark unterschiedlich entwickeln. Zwar kommen sie ohne die USA im Durchschnitt im laufenden Jahr nach NATO-Angaben zwar auf 2,53 Prozent von den angestrebten 3,5 Prozent. Doch haben einerseits fünf Staaten diese Marke schon überschritten, teilweise mit mehr als 5 Prozent: die drei Balten, Polen und Griechenland. Auf der anderen Seite kommen zehn Staaten mit Ach und Krach auf 2 Prozent, während Slowenien immer noch bei 1,6 Prozent hängt. Die Veröffentlichung der Zahlen war deshalb selbst zum Politikum geworden. Vor Ankara hatte die Allianz sie immer wieder aufgeschoben, weil Angaben intern als unglaubwürdig eingestuft und überprüft wurden.Für die Schlagkraft des Bündnisses kommt es natürlich auf die großen Mitglieder an. Deutschland liegt nun bei fast 125 Milliarden Euro, ein Viertel mehr als 2025. Dahinter folgt das Vereinigte Königreich mit umgerechnet fast 95 Milliarden Euro. Frankreich dagegen ist mit knapp 68 Milliarden Euro abgeschlagen. Lange Zeit hatten diese drei Länder etwa auf demselben Niveau gelegen. „Wir haben geliefert“, konnte Bundeskanzler Friedrich Merz verkünden, als er zum Gipfeltreffen eintraf. „Wir werden die NATO europäischer machen, damit sie transatlantisch bleiben kann.“ Als Beispiel verwies er auf die Kooperation mit Norwegen und Kanada, das bis zu 12 deutsche U-Boote kaufen will. „Das wird uns auf Jahrzehnte miteinander verbinden im gesamten Raum des Atlantiks“, sagte der CDU-Politiker.Beim Dinner redet Trump nur mit Merz und dessen FrauEine „europäischere NATO“ – das sollte das Leitmotiv des Gipfeltreffens sein. Die führenden Staaten hatten sich auch mächtig dafür ins Zeug gelegt, wie am Vortag beim Forum der Verteidigungsindustrie deutlich geworden war. Doch war das schon der „neue Geist“, den Merz beschwor, „der die NATO stärker macht, der die NATO geschlossener macht“?Wer nur sieht und hört, was Trump öffentlich sagt, musste daran zweifeln. Merz hatte allerdings das Privileg, schon am Dienstagabend mit dem US-Präsidenten beim Eröffnungsdinner am Tisch zu sitzen – gemeinsam mit seiner Frau, Rutte, Giorgia Meloni aus Italien und dem Gastgeber, dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Genau genommen saß Charlotte Merz, die Frau des Kanzlers, direkt neben Trump, der selbst ohne Begleitung angereist war.Friedrich Merz und Recep Tayyip Erdoğan mit ihren Gattinnen am Dienstagabend in AnkaraTürkisches Präsidialbüro/AFP„Der Bundeskanzler und Frau Merz unterhielten sich weitgehend den gesamten Abend mit Trump zu politischen und privaten Themen“, wussten deutsche Regierungskreise dazu mitzuteilen. Offenbar unterhielt sich der US-Präsident fast ausschließlich mit Herrn und Frau Merz, und ließ Erdoğan, mit dem das nur per Übersetzer möglich gewesen wäre, links liegen. Auch zwischen Trump und Meloni habe eine „angeregte und freundliche Atmosphäre“ geherrscht, hieß es anschließend – nachdem es zwischen beiden davor heftig gekracht hatte.Wir wollen bei euch bleiben, sagt Trump im NordatlantikratDie gute und freundliche Atmosphäre soll sich dann am Mittwoch auf den NATO-Rat übertragen haben – als die Türen geschlossen waren. Eine „sehr konzentrierte Runde“ sei es gewesen, berichteten Teilnehmer, „in keiner Weise vorwurfsvoll“. Es gebe einen „großen Gegensatz zwischen dem, was Trump öffentlich sagt, und dem, was er im NATO-Rat sagt“. Das haben erfahrene Diplomaten nicht zum ersten Mal erlebt, es folgt einem Muster: Erst brüllt er wie ein Löwe, dann ist er zahm wie ein Kätzchen.In der Aussprache der Staats- und Regierungschefs kam Trump als Dritter dran, nach Erdoğan und Rutte. Er dankte dem NATO-Generalsekretär für die „überfällige Modernisierung“ der Allianz und lobte „große und großartige Führungspersönlichkeiten“, die dabei vorangeschritten seien. Konkret nannte er, in dieser Reihenfolge, die Staats- und Regierungschefs aus Polen, Deutschland, den drei baltischen Staaten und Norwegen. Einige hätten nicht geliefert, fügte er hinzu, ohne jedoch konkret zu werden. Er erwähnte weder Spanien noch Grönland, wünschte sich aber „mehr Wertschätzung“ für den US-Beitrag zur Allianz. Dann fiel ein Satz, den Teilnehmer so wiedergaben: „We want to remain with you“ – wir wollen bei euch bleiben.Das stand natürlich in größtmöglichem Kontrast zu dem, was Trump öffentlich von sich gegeben hatte. Diplomaten werteten das als Beleg dafür, dass die USA weiterhin am Bündnis festhalten, weil sie um dessen Vorteile für sich wissen. Warum Trump das öffentlich nicht zugeben will, fiel auch ihnen schwer zu erklären. Man müsse mit dieser Spannung eben leben, hieß es.„Unverbrüchliches Bekenntnis“ zur BeistandspflichtNach drei Stunden im Nordatlantikrat nahmen die Staats- und Regierungschefs die vorbereitete Gipfelerklärung ohne weitere Debatte an. Gleich der erste Satz darin lautete: „Wir, die Staats- und Regierungschefinnen und -chefs des Nordatlantischen Bündnisses, sind in Ankara zusammengekommen, um unser unverbrüchliches Bekenntnis zu unserer gemeinsamen Verteidigung nach Artikel 5 des Vertrags von Washington sowie zum transatlantischen Bund zu bekräftigen.“ Das ist für die Europäer der entscheidende Satz, weil er den Kern der Allianz bekräftigt, dass ein Angriff auf einen als Angriff auf alle betrachtet – und entsprechend beantwortet wird.Diesmal kein Eklat: Wolodymyr Selenskyj und Donald Trump am Mittwoch auf dem NATO-Gipfel in AnkaraAPAuch die Sprache zu Russland wurde eins zu eins aus der Erklärung des Vorjahres übernommen. Es wird als „langfristige Bedrohung der euroatlantischen Sicherheit und Stabilität“ gekennzeichnet. Die Verbündeten bekräftigen ihren Willen, das 3,5-Prozent-Ziel umzusetzen und dafür nicht nur ihre Haushalte, sondern auch ihre Rüstungsindustrie auszuweiten. „In Ankara kündigen wir heute neue Beschaffungen im Wert von mehr als 50 Milliarden US-Dollar an“, heißt es weiter. Das soll die Summe der Rüstungsprojekte sein, die am Vortag verkündet worden waren.Zugleich erklären die Bündnispartner, dass sie „ein stärkeres Europa innerhalb einer stärkeren NATO“ wollen, „ein modernisiertes Bündnis“. „Wir investieren in unsere Fähigkeit, unsere Streitkräfte zu verlegen, einzusetzen und durchhaltefähig zu unterstützen sowie unsere Fähigkeitsziele in allen Dimensionen zu erfüllen, auch in Bezug auf weitreichende Präzisionsschläge, die integrierte Flug- und Raketenabwehr, unbemannte Systeme, Spitzentechnologien und nachrichtendienstliche Fähigkeiten.“ Zur Ukraine findet sich die Zusage, dem Land in diesem und im nächsten Jahr jeweils 70 Milliarden Euro an Militärhilfe zu gewähren. Alles wie geplant.Das nächste Treffen in Albanien?Bemerkenswert war der letzte Satz, obwohl er ganz unscheinbar wirkt: „Wir sehen unserem nächsten Treffen erwartungsvoll entgegen.“ Vor einem Jahr hatten die Staats- und Regierungschefs nämlich schon ein nächstes Treffen in Albanien angekündigt, für 2027. Dass sie dies nicht wiederholten, hat zwei Gründe.Zum einen wollen mehrere Verbündete zurück zum früher üblichen Zwei-Jahres-Rhythmus von Gipfeltreffen, auch weil sie nicht jedes Jahr die Trump-Show mit all ihren Unwägbarkeiten erleben wollen. Zum anderen gehört Albanien zu den „Underperformern“ der Allianz: Im vorigen Jahr gab es nicht einmal 1,5 Prozent für seine Verteidigung aus, in diesem Jahr soll der Wert auf 2,15 Prozent steigen. Einige Staaten halten es für keine gute Idee, Trump ausgerechnet in ein solches Land einzuladen.Diese Debatte ist aber noch nicht vorüber. Bis Oktober soll eine Entscheidung fallen, damit Tirana noch genug Zeit für die Vorbereitung hätte. In Ankara sollte sie die Kommuniqué-Harmonie nicht stören. „Äußerst erfolgreich“ sei der Gipfel gewesen, sagte Mark Rutte nach dem Abschluss.
NATO-Gipfel: Erst droht Trump, dann ist er ganz zahm
Vor laufenden Kameras zieht der US-Präsident über die Verbündeten her. Hinter verschlossenen Türen sagt er: Wir wollen bei euch bleiben.










