Welche Möglichkeiten hat Unicredit jetzt bei der Commerzbank?Mit ihrem Anteil von 49,65 Prozent hat Unicredit jetzt die faktische Mehrheit auf der Hauptversammlung. Stimmberechtigt sind nämlich nur die anwesenden Aktionäre und diejenigen, die sich vertreten lassen. Die Präsenz bei Hauptversammlungen beträgt aber so gut wie nie 100 Prozent. Laut Berechnungen der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) lag sie im vergangenen Jahr auf Hauptversammlungen von Dax-Konzernen bei 70 Prozent. Wurde diese nur virtuell abgehalten, war die Anwesenheit noch niedriger bei 63 Prozent. Der Stimmanteil ist also mehr als komfortabel für die Italiener.Was kann die italienische Bank jetzt erreichen?Im Prinzip alles; sie kann alle Beschlüsse durchsetzen. Das gilt auch für die Wahlen zum Aufsichtsrat, der über die Besetzung des Vorstands entscheidet. Im kommenden Jahr stehen acht der zehn Vertreter der Kapitalseite auf der Hauptversammlung zur Wiederwahl.Könnte Unicredit auch eine außerordentliche Hauptversammlung noch in diesem Jahr erzwingen?Ja, hätte sie aber auch schon früher gekonnt. Das Aktiengesetz sieht vor, dass jeder Aktionär, der mindestens fünf Prozent an einer Gesellschaft hält, eine außerordentliche Hauptversammlung fordern kann. Diese könnte Aufsichtsräte abberufen. Hierzu ist aber eine Mehrheit von 75 Prozent des anwesenden Kapitals erforderlich. Eine einfache Mehrheit reicht nicht aus.Wie setzt sich der Commerzbank-Aufsichtsrat zusammen?Er hat 20 Mitglieder. Zehn vertreten die Kapitalseite, zehn werden von der Arbeitnehmerseite entsandt. Der Vorsitzende, zurzeit Jens Weidmann, hat eine Doppelstimme. Die Hauptversammlung kann nur über die Vertreter der Kapitalseite bestimmen, nicht aber über die der Arbeitnehmer. Diese sind entschieden gegen eine Übernahme der Commerzbank, weil sie einen massiven Verlust von Arbeitsplätzen befürchten. Hinzu kommt eine Besonderheit bei der Commerzbank. Zwei Vertreter im Aufsichtsrat stellt der Bund, derzeit Harald Christ und Sabine Lautenschläger-Peiter. Dazu hatte sich die Commerzbank 2009 nach der Finanzkrise verpflichtet, als der Staat sich an ihr beteiligt hatte, um sie zu retten. Während sich Christ im kommenden Jahr zur Wiederwahl stellen muss, läuft die Amtszeit von Lautenschläger-Peiter erst 2029 ab.Wie kann die Unicredit ihren Anteil an der Commerzbank weiter erhöhen?Theoretisch könnte sie den Aktionären ein weiteres Übernahmeangebot unterbreiten. Das ist aber aufgrund der bisher gewählten Strategie, die Unicredit-Chef Andrea Orcel erläutert hatte, eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist es, dass die Unicredit Aktien am Markt zukauft. Zunächst muss die Europäische Zentralbank die Transaktion aber noch genehmigen, was nach Erwartung der italienischen Bank rund drei Monate dauern kann. Darüber hinaus hält Unicredit nach eigenen Angaben derzeit zusätzlich rund 13 Prozent an Derivaten für Commerzbank-Aktien, die aber nicht mit einem Stimmrecht ausgestattet sind.Was können Aktionäre der Commerzbank jetzt tun?Sie können ihre Aktien am Markt zum Tageskurs verkaufen. Da im Kurs der Aktie aber auch die Übernahmephantasie eingepreist war, könnte dieser auch sinken. Bereits am Morgen verlor das Papier – freilich in einem sehr schwachen Gesamtmarkt – mehr als ein Prozent.Welche weiteren Schwellen gibt es?Sollte Unicredit in einer Hauptversammlung die Mehrheit von 75 Prozent des anwesenden Kapitals überschreiten, könnte sie die Verschmelzung der Commerzbank mit ihrer Tochtergesellschaft Hypovereinsbank beschließen. Orcel hatte aber angekündigt, dass ein solcher Schritt erst 2028 anstehen könnte. Ein Herausdrängen der Altaktionäre, der sogenannte Squeeze-out, ist erst möglich, wenn Unicredit mehr als 95 Prozent der stimmberechtigten Aktien hält. Solange sich der Bund von seinem zwölfprozentigen Anteil trennt, sollte diese Schwelle aber nicht erreicht werden.Wie geht es mit der Commerzbank jetzt weiter?Für Kunden ändert sich erst einmal nichts. Nach der jetzigen Lage der Dinge bleibt das bisherige Management unter Chefin Bettina Orlopp bis zur nächsten Hauptversammlung im kommenden Mai im Amt. Es sei denn, Gespräche zwischen Unicredit und dem Aufsichtsrat und Vorstand der Commerzbank liefern ein anderes Ergebnis.Welche Ziele hält Unicredit bei der Commerzbank für möglich?Die italienische Bank will einen Plan namens „Commerzbank Unlocked“ umsetzen, der ehrgeizigere Ziele erreichen soll als der auf Eigenständigkeit beruhende Plan der Commerzbank namens „Momentum“: Etwa sollen die jährlichen Kosten 2028 auf 5,7 Milliarden Euro sinken statt nur auf 7 Milliarden Euro, hieß es in einer Unicredit-Präsentation im April. Der Nettogewinn solle in diesem Zeitraum auch auf 5,1 Milliarden statt lediglich 4,5 Milliarden Euro steigen, behauptet Unicredit. Allerdings lag diesen Schätzungen die unrealistische Annahme zugrunde, dass alle Maßnahmen schon von Juni 2026 an umgesetzt werden.Welche Kosteneinschnitte stehen an?Die italienische Bank behauptet, dass im Zuge eines Zusammenschlusses weniger Personalabbau nötig sei als im Commerzbank-Plan. 60 Prozent der Kostensenkungen sollen von Maßnahmen kommen, die weder die Belegschaft noch das Kerngeschäft berühreFn, hieß es im April. Die Commerzbank hat dagegen errechnet, dass Einsparungen von 800 Millionen Euro bei den Personalkosten zum Abbau von 7000 Stellen führen müssten – weit mehr als im Commerzbank-Plan. Unicredit bestreitet die Zahlen.