Auf dem Bürgersteig von dem Intercity-Hotel am Südausgang des Hauptbahnhofs liegt eine Frau auf einer braunen Wolldecke und schläft. Von den Passanten wird sie nicht beachtet, sie hat ihr Lager am Rande des Gehwegs aufgeschlagen – zwischen ihr und dem Hotelfoyer nur eine Glasscheibe. Zwei junge Männer, Mitte 20, und eine etwa gleichaltrige Frau stehen ein paar Meter abseits der Schlafenden mit drei Koffern vor dem Hoteleingang. Aus ihrer Unterhaltung wird deutlich, dass sie ihren Anschlusszug verpasst haben.Einer der Männer gewinnt der Situation dennoch etwas Gutes ab. „Wenigstens haben wir es bis Frankfurt geschafft“, sagt er. Die Frau spricht bereits von ihrer nächsten großen Reise im Oktober. Sie wisse aber noch nicht, wie sie die organisieren solle. Zumal sie ohnehin nur äußerst ungern telefoniere. In Russland, wo sie offenbar einmal gearbeitet hat, sei das kein Problem gewesen: Dort komme sowieso kein Anruf durch. Einer der Männer fragt in die Runde: „Wie viele Flughäfen hat Moskau eigentlich?“ Niemand weiß es.Die Frau auf der Wolldecke schläft weiter tief und fest, die Unterredung der drei Wartenden ist für sie nichts als Hintergrundrauschen. Auf der anderen Straßenseite singt ein schäbig gekleideter Mann unablässig und in übertriebener Lautstärke vor dem Eingang zur Bahnhofsmission. Plötzlich wird er still: Er zündet sich eine Zigarette an. Endlich Ruhe. Doch kaum ist sie ausgeraucht, grölt er weiter.Ein Fahrradfahrer stoppt neben einem Abfalleimer, einen leeren Getränkekasten in der rechten Hand. Er wühlt in dem Behälter, doch der Halt hat sich nicht gelohnt – keine Dosen oder Flaschen. Auf dem Boden stöbert eine Taube nach Essbarem, doch auch sie geht leer aus: nur Dreck und Steine. Sie pickt trotzdem unablässig weiter.Das vor dem Hotel wartende Trio ist unterdessen mit den Koffern im Bahnhof verschwunden. Dort, wo sie eben noch standen, stolpert ein älterer Mann und fällt neben seiner Begleiterin zu Boden. „Mensch, du!“, sagt er zu sich selbst. „Schon zum vierten Mal heute!“ Die Frau schmunzelt, sagt und tut nichts, schaut nur zu, wie der Gefallene wieder aufsteht. Er klopft seine Kleidung ab, läuft weiter, der Kopf knallrot.Die Schlafende vor dem Hotel hat sich binnen einer halben Stunde einmal von links nach rechts gedreht, den Kopf auf einer gefüllten Ikea-Tüte ruhend. Menschen hasten an der Obdachlosen vorbei. Während ringsherum aufgebrochen wird, bleibt sie zurück.