Wenn an diesem Freitag in der Kantine der Berliner „taz“ das soeben erschienene „Jahrbuch Sexualitäten 2026“ (Wallstein-Verlag) vorgestellt wird: Gibt es dann, in Gottes Namen, auch solche heiteren Entdeckungen, wie sie Thomas Mann in der Eintragung vom 13. Oktober 1950 gelegentlich seines Entschlusses zur Freigabe der Tagebücher der Nachwelt in Aussicht gestellt hat? Man mag es eine Ironie nennen; auf jeden Fall spricht es für eine vorurteilslose Offenheit der Jahrbuch-Herausgeber, dass sie einen Beitrag aufgenommen haben, der dagegen argumentiert, Thomas Mann zu sehr oder überhaupt unter dem Brennglas seiner Sexualität – der Singular genügt hier – zu betrachten. Platz räumt man nämlich jemandem ein, der sich durch diese von philologisch-geistesgeschichtlich orientierten Interpreten missbilligend „Schlüssellochphilologie“ genannte Methode in besonderem Maße herausgefordert fühlte und auch fühlen musste: Hans Rudolf Vaget, der den Ertrag zum hundertfünfzigsten Geburtstag des Schriftstellers unter der Überschrift „Thomas Mann 2025. Anmerkungen zur aktuellen Wahrnehmung des Autors als Homosexueller“ sichtet.Dazu ist zunächst zu sagen: Wenn Vaget das tut, dann hat das Gewicht. Der bis ins Alter unermüdliche Mitherausgeber der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe ist schon als einer der letzten noch lebenden Vertreter der zweiten Forschergeneration, welche man, weil sie überhaupt erst die Grundlagen der so hypertroph gewordenen Thomas-Mann-Philologie gelegt und interpretatorisch Bahnbrechendes geleistet hat, die eigentliche nennen darf, eine Instanz. Als solche hat er in den vergangenen 20 Jahren nicht nur den musikalischen Komplex einer in dieser Form wohl letzten Tiefenanalyse unterzogen, sondern vor allem den politischen Thomas Mann vom Kopf auf die Füße gestellt – weg von der Zuschreibung der Unzuverlässigkeit, ja letztlich Unzurechnungsfähigkeit, wie sie etwa von Joachim Fest, aber auch von den an Thomas Manns Narzissmus so interessierten Interpreten betrieben wurde, hin zu einem zwar immer noch zutiefst zweideutigen, aber durchschlagskräftigen und, vor allem wegen seiner Deutschland-Kritik, in seiner Radikalität und Treffsicherheit geradezu sträflich unterschätzten Denker.Präzisierung der SelbstironieWas Vaget hier erarbeitet hat, begegnet dem Publikum bei Jubiläen im Ton politischer Festrednerverlautbarung in Gestalt von „Mahner“ der oder zur „Demokratie“. Das ist nicht falsch, unterschlägt aber, welchen Denkbewegungen sich diese Rolle verdankte, die Thomas Mann im Übrigen mit Skepsis und Selbstironie spielte. Bücher von Kai Sina („Thomas Mann als politischer Aktivist“) und Hans Wißkirchen („Zeit der Magier“) haben das jüngst weiter präzisiert.Am politischen Aspekt wie eben auch an der Frage nach der literarischen Bedeutung scheiden sich heute jedoch kaum noch Geister. Die Epochen, in denen runde Gedenktage solcher Giganten zum Anlass für eine nationale Selbstbesinnung genommen wurden, wie einst bei Goethe und bei Schiller und wie noch bei Thomas Mann im Goethe-Jahr 1949, sind abgelaufen. Die Schlachten um den publizistischen Vaterlandsverräter sind, genauso wie die um den antiquierten, affektiert-selbstverliebten Schriftsteller, welcher der Nachwelt nichts mehr zu sagen habe, als der Thomas Mann zum hundertsten Geburtstag 1975 geschmäht wurde, geschlagen. 50 Jahre später hat eine Publikation die mit Abstand meiste Aufregung verursacht, die einem längst bekannten und auch schon ausgiebig erörterten Faktum nachgeht: der Homosexualität. Dreh- und Angelpunkt von Vagets instruktiver, wuchtiger Jubiläumsnachlese ist das in dieser Zeitung rezensierte und teilweise vorabgedruckte Buch von Tilmann Lahme „Thomas Mann. Ein Leben“ – eine, wie der Rezensent damals anmerkte und nach wie vor überzeugt ist, absolut schlüssige Rückführung der Gesamtexistenz auf die „Homosexualität“ als die vielleicht nicht alles entscheidende, aber doch die persönliche wie die künstlerische Disposition beherrschende „Grundtatsache“.Vaget bemängelt zweierlei: zum einen, dass Lahmes Buch „unterleibslastig“ sei. Das bringt die Themenstellung aber so mit sich und ließe sich, ganz ohne Wertung, auch von den heute schon fast legendären Vorgängerstudien Karl Werner Böhms, Heinrich Deterings und Gerhard Härles sagen, die Vaget nicht nur gelten lässt, sondern denen er „bedeutende Erkenntnisse“ attestiert: „Ihre Bedeutung besteht darin, dass sie [...] den Nachweis der mehr oder weniger kaschierten Homosexualität in den Romanen und Erzählungen liefern.“ Den liefert auch Lahme, nur unter weitgehendem Verzicht auf detaillierte literarische Belege, die es ja schon gibt. „Eine Biographie“, postuliert Vaget, „die uns von der Zentralität der Homosexualität überzeugen will, sollte uns zeigen, wo und in welcher Form sie im dichterischen Werk Niederschlag gefunden hat. In dieser Hinsicht hat Lahme kaum Neues zu bieten.“Jede Deutung kann verkürzenDas ist noch die Frage, ob eine Biographie das unbedingt sollte. Sie sollte nicht geradezu unterschlagen, dass ihr Gegenstand Schriftsteller ist; aber sie darf sich auf eine lebens- und, wohlgemerkt, auch auf eine werkgeschichtliche persönliche Disposition konzentrieren. Jede Deutung unterliegt dem Risiko der Verkürzung. „Die Homosexualität“, so Vaget weiter, „ist der untergründigste Motivationsfaktor in Leben und Werk, aber sie erklärt nicht alles – oder auch nur fast alles.“ Das hat Lahme auch nicht behauptet. Natürlich, sein ohne Zweifel zugespitztes, extrem engführendes Verfahren führt dazu, ja erzwingt es, dass manches andere, das der etablierten Forschung immer so wichtig war, links lieben bleibt. Doch den Vorwurf eines monokausalen Erklärungsmusters kann man bei so gut wie jedem spezifischen methodischen Zugriff erheben; am wenigsten wohl bei Dieter Borchmeyers vom Rezensenten ebenfalls für außerordentlich befundenen Anderthalbtausendseiter „Thomas Mann: Werk und Zeit“, der so etwas wie geistesgeschichtliche Totalität herstellt. Dieses Buch wird sich, als Gesamtdarstellung, wahrscheinlich nicht mehr überbieten lassen.Ist nicht das gesamte Thomas-Mann-Gedenken front-, also jugendlastig? Das Buddenbrookhaus in Lübeck ist seit 1993 eine Gedenkstätte in Trägerschaft der Kulturstiftung Hansestadt Lübeck.Wolfgang HautDaraus ergibt sich mittelbar Vagets zweite Bemängelung: „eine für eine Biographie auffallend frontlastige Gestalt“; Kindheit, Jugend und Frühwerk nähmen „unverhältnismäßig“ viel Platz ein. Auch das, so darf man hoffentlich sagen, ohne sich dem Verdacht plumper Apologie auszusetzen, kann gar nicht anders sein. Lahme legt ja die früh, in gesellschaftspolitisch diesbezüglich riskanter Zeit einsetzende Verletzung und Verunsicherung frei, welche die Homosexualität für Thomas Mann bedeutete. Der lebenslange Kummer, der ihm daraus erwuchs, wurde jedenfalls noch nie so eindrücklich analysiert wie von Lahme; dagegen nehmen sich die früheren Deutungen aus der Narzissmus- und Homoerotikschule harmlos und betulich aus. Lahme hat völlig recht: Die Parole war lange genug „lieber Narzisst als schwul“. Mit dem nämlichen Recht aber attestiert Vaget ihm, die relative Gelassenheit, zu der Thomas Mann mit wachsendem Alter fand, zu unterschlagen. Aber das ist eben der Preis für ein dermaßen fokussiertes Erkenntnisinteresse, dessen Ertrag man nicht bei jeder Gelegenheit relativieren kann, um so etwas wie Ausgewogenheit zu erzielen.Deswegen musste Lahme Otto Grautoff auch so breiten Raum geben, dass tatsächlich eine gewisse, Vaget würde sagen: eine weitere Unwucht entsteht. Das bisher falsch oder unterbelichtete Verhältnis zum Jugendfreund und Leidensgenossen ist hier nun einmal absolut einschlägig. Lahme sticht natürlich in ein Wespennest, wenn er der etablierten Forschung die Unterschlagung sowohl ganzer Briefe als auch von für die sexuellen Nöte besonders aussagekräftigen Tagebuchstellen ankreidet; es sagt über deren Mentalität und Bedürfnis nach Deutungshoheit nun einmal etwas aus. Ob er dabei „auftrumpfend“ vorgeht, indem er Beweismaterial nachreicht, wie Vaget sagt, ist Geschmackssache; vielleicht bringt es der Akt der aufdeckenden Richtigstellung mit sich. Immerhin beklagt Vaget selbst „die Verklemmtheit des öffentlichen Diskurses über Homosexualität noch lange nach Manns Ableben“ und kann glaubhaft machen, dass er von der Existenz der lange Zeit unter Verschluss gehaltenen sechs Briefe an Grautoff zum Zeitpunkt der von ihm besorgten Herausgabe der Briefe in der GkFA nichts wusste.Der trotz sachter Polemik souverän bleibende Vaget arbeitet in diesem „Jahrbuch Sexualitäten“ mit dem Begriff der Heimholung, obwohl nicht restlos klar wird, was er damit meint. Eine Heimholung Thomas Manns in die queere Community sollte man sich jedenfalls nicht so leicht vorstellen; dazu kann nur eine oberflächliche Lektüre Lahmes verleiten, der ja selbst mit genuin philologischen Mitteln arbeitet. Mit dem von Gustav Seibt vergangenes Jahr in der „Süddeutschen Zeitung“ ausgesprochenen Befund „schwuler Nationaldichter“ sollte man sich jedenfalls langsam abfinden.
Zur Verteidigung des Thomas-Mann-Biographen Tilmann Lahme
Kann biographische Philologie zu genau seint? Anmerkungen zu Hans Rudolf Vagets Kritik an Tilmann Lahmes aufsehenerregendem Buch „Thomas Mann. Ein Leben“.






