Symbol der Kriegszerstörung: Vögel in der Ukraine bauen ihre Nester aus DrohnenkabelnDas Kiewer Kriegsmuseum hat ein neues Exponat in seiner Sammlung: ein Vogelnest, durchwebt von Glasfaserkabeln von Kampfdrohnen. Das tierische Kunstwerk ist ein Symbol für die Umweltkatastrophe in dem vom Krieg zerstörten Land.07.07.2026, 12.30 Uhr4 LeseminutenFein, fast durchsichtig: Im Kiewer Kriegsmuseum ist nun ein Vogelnest ausgestellt, das durchwebt ist von Glasfaserkabeln. Das Material wird eigentlich für Drohnen verwendet.Valentyn Ogirenko / ReutersDie Frau aus Stahl reckt ihr Schwert in die Höhe. Sie thront auf einem Hügel hoch über dem Dnipro, diesem längsten Fluss der Ukraine. Sie ist eine Art Bewacherin Kiews. Ein tonnenschweres Denkmal, seit Jahrzehnten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie hat vieles erlebt, vieles gesehen. Hat gar ihren Namen geändert. Aus der sowjetischen «Mutter Heimat» wurde sie 2023 zur «Mutter Ukraine» erklärt. Sie hätten sie vom imperialistischen Erbe ihrer Erbauer befreit, so sagten es die Beamten des ukrainischen Kulturministeriums. Die 102 Meter hohe Statue sollte nur noch eines sein: ein Symbol für die unabhängige Ukraine. Eine Kämpferin, die die Artefakte des Kampfes gegen das zerstörerische Russland in sich trägt. Praktisch unter ihren Füssen.Zusammenarbeit von Soldat und MuseumskuratorinDenn dort, im sogenannten Kriegsmuseum des Landes, sind nicht nur etliche Briefe, Waffen und Uniformen aus dem Zweiten Weltkrieg versammelt, dort sind auch Wrackteile russischer Raketen ausgestellt. Es sind Überbleibsel des Krieges mitten im Krieg, den Russland seit bald fünf Jahren gegen die gesamte Ukraine führt.Seit einigen Tagen findet sich unter den etwa 300 000 Ausstellungsstücken ein neues Exponat hinter den Vitrinen: ein Vogelnest aus Glasfaserkabeln.Es war der ukrainische Soldat Michailo Mletschko, der die ersten Aufnahmen eines solchen Nestes machte und sie in den sozialen Netzwerken verbreitete. Und es war die Museumskuratorin Jana Hrinko, die das Nest nach Kiew holen liess. «Es ist ein einzigartiges Objekt, weil es eine neue Phase des Krieges zeigt. Früher galten Stellungen in einer Entfernung von fünf bis zehn Kilometern von der Frontlinie als vergleichsweise sicher. Die glasfasergebundenen Drohnen aber können Ziele in einer Entfernung von zwanzig bis dreissig und sogar mehr Kilometern angreifen. Dadurch sind Lager, Fahrzeuge, Gefechtsstände und Evakuierungen dauerhaft bedroht», sagt Jana Hrinko.Bis vor einigen Tagen war sie für die Dokumentation des gegenwärtiges Krieges im Kiewer Kriegsmuseum zuständig. Mittlerweile arbeitet sie im Nationalen Kunstmuseum der ukrainischen Hauptstadt. Sie sagt: «Seit 2014 sammelt das Kriegsmuseum materielle Zeugnisse des russisch-ukrainischen Krieges. Seit 2022 hat sich die Arbeit natürlich ausgeweitet.» Die Sammlung umfasse Tausende Objekte wie Waffen, persönliche Gegenstände der Soldatinnen und Soldaten, Beispiele russischer Propaganda, die in den einst von Russland besetzten Gebieten sichergestellt worden seien. «Wir haben auch Objekte, die russische Kriegsverbrechen dokumentieren, wie zum Beispiel die Holzkreuze aus einem Massengrab in den Wäldern in der Nähe der Stadt Isjum. Sie wurden von den russischen Besetzern errichtet und nach der Exhumierung der ermordeten Zivilisten dort zurückgelassen», sagt sie.Der Krieg zerstört auch die Natur. Die Natur passt sich an die Zerstörung an. Die Vögel bauen ihre Nester mit dem, was sie finden. Manchmal ist es scharfkantiges Plastik, manchmal auch Glas, das für die Küken lebensgefährlich sein kann. Seit einiger Zeit bauen die Vögel ihr Heim mit Glasfaserkabeln, wie die zwei Exemplare von Michailo Mletschko aus dem Osten der Ukraine zeigen. Ein Nest ist in Kiew ausgestellt, das andere wurde in die Niederlande geschickt.Am naturhistorischen Museum in Leiden will der Biologe Auke-Florian Hiemstra mittels DNA herausfinden, welche Vögel die Nester bauen und welche Techniken sie dabei anwenden. Der Nachrichtenagentur Reuters sagte Hiemstra: «Ich habe nie zuvor solche Nester gesehen – und ich habe schon sehr, sehr viele Vogelnester gesehen.» Welche Auswirkungen die Glasfaserkabel auf die Vögel hätten, sei unklar. Sie könnten den Vögeln schaden, so Hiemstra, wenn diese sich in ihnen verfingen. Sie könnten aber auch nützlich sein, weil sie den Nestbau erleichterten.Die Glasfaserdrohnen werden nicht wie herkömmliche Drohnen per Funk gelenkt, sondern über ein hauchdünnes Kabel. Während des Fluges wird dieses von einer Spule an der Drohne abgewickelt. Elektronische Störsender können den Drohnen so nichts anhaben. Mittlerweile benutzen Ukrainer und Russen solche Geräte gleichermassen. Zurück bleiben die Kabel. Sie legen sich, Spinnennetzen gleich, übers ganze Land. Sie hängen in den Bäumen, breiten sich über Hausdächern und Feldern aus. Bis zu zwanzig Kilometer lang können sie sein. Es ist Abfall, der sich nicht so schnell abbaut. Für die Vögel ist es die nackte Not. Wenn sie nicht darin verenden, dann sammeln sie die Kabel wie Gräser und verbauen sie in die Nester.Weil die sogenannte FPV-Drohne über ein Glasfaserkabel gelenkt wird und nicht per Funk, kann sie nicht von elektronischen Sendern gestört werden. Die Kabel legen sich übers ganze Land.ImagoBöden für Jahrzehnte unbrauchbarWissenschaftlich gesehen ist der Fund der Nester wenig überraschend. Seit je benutzen Vögel jenes Material, das sie in ihrer Umgebung finden: Haare, Wolle, auch Draht. Der Fund zeigt etwas anderes: die fatalen Folgen des Krieges auch für die Natur. Mehr als ein Viertel der ukrainischen Naturschutzgebiete sei von Kriegshandlungen betroffen oder besetzt, heisst es in einem Bericht des ukrainischen Umweltministeriums. Die Böden sind verseucht, durch Granattrichter zerstört, Wälder sind ausgebrannt, die Flächen für Jahrzehnte unbrauchbar gemacht. Millionen Hektaren Land sind mit Minen und Blindgängern übersät. Das blockiert nicht nur die Landwirtschaft, sondern macht es auch unmöglich, Naturschutzgebiete zu pflegen oder Waldbrände zu löschen.Der Krieg trifft Menschen, Pflanzen und Tiere. Seit Kriegsbeginn im Februar 2022 werden immer wieder tote Delfine an den Küsten der Ukraine, Rumäniens und Bulgariens angespült. Der Lärm von Kriegsschiffen, Minenexplosionen und Beschuss stört das Echolot-System, das Wale und Delfine zur Orientierung brauchen. Zudem liegt die Ukraine auf einer der wichtigsten globalen Migrationsrouten für Zugvögel. Raketen und Gefechte vertreiben sie, sie finden keine sicheren Rastplätze, ändern ihre Routen. Das führe zur Erschöpfung und zu massiven Brutausfällen, sagen Wissenschafter.Das Glasfaservogelnest spiegelt laut Jana Hrinko Russlands Strategie der «verbrannten Erde» wider. Damit wird eine militärische Vorgehensweise bezeichnet, bei der eine zurückweichende Armee alles zerstört, was dem Gegner nützen könnte. Es ist eine Zermürbungstaktik. «Dieses Nest zeigt nicht nur die ökologischen Folgen des Krieges, es wirft auch einen Blick auf den Wandel der modernen Kriegsführung», sagt die einstige Kuratorin in Kiew.Ein Glasfaservogelnest wird im Kiewer Kriegsmuseum ausgestellt, ein anderes wird von einem Biologen in den Niederlanden untersucht.Valentyn Ogirenko / ReutersPassend zum Artikel