Jan-Lennard Struff, sonst ein gefasster Typ, zeigte zweimal ein breites Lächeln. Zunächst in der Abenddämmerung auf Court No. 2 von Wimbledon, nachdem der Sechsunddreißigjährige zum ersten Mal in seiner langen Tenniskarriere ins Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers eingezogen war. Das zweite Mal rund eine Stunde später in dem kinoartigen Pressesaal, als Struff davon erfuhr, wie ihn der Kollege Alexander Zverev genannt hat. „Teddybär“, das passe zu Struffs gutmütiger Art, hatte der French-Open-Sieger behauptet. Echt jetzt?Es ist höchstens die halbe Wahrheit. Sobald der 1,93 Meter große und 92 Kilogramm schwere Struff den Tennisplatz betritt, verliert er alles Knuffige. Dann lässt er es krachen wie kaum ein Zweiter: mit dem Aufschlag, mit der Vorhand. Jannik Sinner, der Titelverteidiger, Weltranglistenerste und Turnierfavorit, soll es an diesem Dienstag (14.00 Uhr MESZ) auf Court 1 zu spüren bekommen. „Das wird eine brutal schwierige Aufgabe“, sagte Struff am Sonntagabend, nachdem sein Achtelfinalgegner Hubert Hurkacz im fünften Satz verletzt aufgegeben hatte: „Natürlich traue ich mir zu, dass ich da was schaffen kann.“Die Vorhand des TurniersTeddybär hin oder her: Um Struffs sportliche Wirkung zu beschreiben, eignet sich eher der Rückgriff auf den berühmten Comic-Cowboy Lucky Luke: der Mann, der schneller schlägt als sein Schatten. Mit seinem Tempo hat der Warsteiner alle Jahre wieder beeindruckt, aber selten so beständig wie in den vergangenen Tagen von Wimbledon. Mit 96 Assen, im Schnitt 24 pro Match, führt Struff die Turnierstatistik an. Gewinnt er die Punkte nicht direkt mit dem Service, sucht er oft mit dem nächsten Schlag die Entscheidung. Struff hat das, was Tennisspieler einen „schnellen Arm“ nennen.„Das war für mich die Vorhand des Turniers bisher. Die hat noch keiner gezeigt, noch keiner gespielt“, schwärmte der frühere deutsche Davis-Cup-Kapitän Patrik Kühnen bei Prime Video. Bei aller Beschleunigung spiele Struff inzwischen auch beherrschter, findet Kühnen: „Über die Jahre hat er sich weiterentwickelt und deutlich mehr Kontrolle gewonnen.“Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass es der Deutsche bei seinen vorherigen 46 Anläufen bei Grand-Slam-Turnieren nie unter die letzten acht geschafft hat. Sein vorheriges Achtelfinale verlor er vor knapp einem Jahr bei den US Open gegen Novak Djokovic. Dass Struffs Durchbruch ausgerechnet jetzt kam, ist umso erstaunlicher, weil er zuvor seit Oktober keine zwei Matches nacheinander mehr gewonnen hatte. „Als ich hergekommen bin, hätte ich nicht gedacht, dass so etwas passieren wird“, sagte der zweifache Familienvater, der sich von schlechten Phasen nicht verrückt machen lässt: „Wichtig ist, dass man weitermacht. Versucht, sich zu verbessern, und nicht aufgibt.“Die Methode KlinsmannSeine Teddybärenruhe bewies Struff in jedem seiner vier Matches gegen Gegner, die in der Weltrangliste höher eingestuft waren: Gegen den Argentinier Sebastián Báez lag er im entscheidenden fünften Satz ebenso mit einem Break zurück wie in der zweiten Runde gegen den Amerikaner Brandon Nakashima. Gegen den Russen Daniil Medwedew lag er jedes Mal mehr oder weniger deutlich hinten – und gewann dennoch alle drei Sätze. Und gegen den Polen Hurkacz machte Struff zum vierten Mal in seiner Karriere – zum dritten Mal in Wimbledon – einen 0:2-Satzrückstand wett. „Alle zusammen ist schon verrückt“, sagte Struff, „Glück spielt immer eine Rolle, und manchmal muss was passen.“ An „kleinen Stellschrauben“ habe er gedreht.Durchschlagenden Erfolg kann man im Prinzip auf zweierlei Weise haben: forsch oder vorsichtig. Erstere ist die Methode Klinsmann, der vor mehr als zwei Jahrzehnten als Bundestrainer antrat, im deutschen Fußball alte Zöpfe abzuschneiden und neue Buddhastatuen aufzustellen. Jürgen Klopp scheint dieser Tage als Anwärter in eine ähnliche Richtung unterwegs, nur weniger esoterisch. Stellschraubendreher wie Struff dagegen achten genau darauf, dass Bewährtes und Bewegung in Balance bleiben.Als er sich im April von seinem Trainer Markus Wislsperger trennte, stürzte sich Struff nicht sofort in die Suche nach einem neuen Impulsgeber. Sondern er nahm das Angebot seines langjährigen Coaches Carsten Arriens an, für eine gewisse Zeit an das Bekannte anzuknüpfen. Die alte, neue Verbindung habe ihm geholfen, bei sich zu bleiben und seine Gedanken zu ordnen, hatte der Warsteiner neulich bei den French Open erklärt: „Ich kriege nicht eine neue Philosophie im Tennis mit, wo ich vielleicht schon wieder durcheinanderkomme oder nicht weiß, was passieren wird.“Keine Experimente, mit diesem Motto hatten schon andere Konservative überwältigenden Erfolg. Allen voran Bundeskanzler Adenauer und die Unionsparteien, die mit dem Slogan in den Bundestagswahlkampf 1957 zogen und so viele Stimmen auf sich vereinten wie kein anderes politisches Bündnis in der Bundesrepublik. Struff, Sauerländer wie der aktuelle Bundeskanzler und nur 20 Autominuten von Friedrich Merz (CDU) zu Hause, wird sich bald vom Bewährten verabschieden müssen. Die Arbeitsbeziehung mit Arriens ist mit dem Wimbledonturnier vorbei, weil der Coach schon vor einiger Zeit für eine andere Aufgabe zugesagt hat.Ob die Beziehung mit einem Knall endet? Dreimal hat Struff bisher gegen Sinner gespielt, dreimal verloren. Die einzige Begegnung auf Rasen, vor zwei Jahren im ostwestfälischen Halle, endete denkbar knapp – im Tiebreak des dritten Satzes. „Ich kann da mit Selbstvertrauen reingehen“, sagte der Deutsche vor dem vierten Duell. Das Problem dabei: Auch Jannik Sinner ist so eine Art Lucky Luke.
Wimbledon 2026: Jan-Lennard Struff nun gegen Jannik Sinner
Jan-Lennard Struff gilt auf der Tennis-Tour als knuffiger Typ. Doch wehe, wenn er den Platz betritt! Mit seinem Tempo beeindruckt der Deutsche in Wimbledon wie nie zuvor – nun auch gegen Jannik Sinner?












