Nach dem Drittrundensieg von Jan-Lennard Struff lief sein Manager besorgt zum Schalter, hinter dem ausgetüftelt wird, in welchem Raum welcher Profi seine Pressekonferenz hält. Der Südtiroler mit dem fantastischen Namen Corrado Tschabuschnig fragte nach, ob sein Mandant wirklich in eine der kleinen Kammern müsse. Aber es ging nicht anders. So quetschten sich am Freitag alle hinein, acht, neun deutsche Berichterstatter und ein englischsprachiger Reporter saßen in einem Kreis um Struff. Als die Gesprächsrunde zu Ende war, flachste Tschabuschnig: „Nach dem Halbfinale dann drüben“, er meinte: Dann werde Struff im Media Theatre reden. Das Gelächter war herzlich, auch Struff grinste und machte mit den Fingern beim Hinausgehen eine Geste, die besagte: Lasst den Kerl mal quatschen!Da hatte sich Struff selbst schön geirrt. Denn nur zwei Tage später sitzt er im Hauptkonferenzraum des Rasenklassikers in Wimbledon. Zwar fehlt ihm immer noch ein Sieg, um die Runde der letzten Vier zu erreichen, von der Tschabuschnig sprach. Aber Struff wurde eben schon an diesem späten Sonntagabend im All England Club raummäßig befördert. Was angemessen war. Der gebürtige Warsteiner hatte in der vierten Runde nicht nur den Polen Hubert Hurkacz besiegt. Struff ist jetzt auch im Historienbuch des internationalen Tennissports verewigt. Mit 36 Jahren ist er der älteste Spieler der Profi-Ära (seit 1968), der erstmals das Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers im Männereinzel erreichte.PR-Experte Brinkert:„Zverev geht mit einem schweren Handicap ins Sponsoringrennen“Alexander Zverev hätte das Profil für eine große Erzählung, sagt PR-Experte Raphael Brinkert. Doch für eine angemessenere Vermarktung steht dem Tennisprofi seine Vergangenheit im Weg. Ein Gespräch über sein Image.Wo man sich umhört im deutschen Tennis, hört man die gleiche Antwort: Niemand habe diesen Erfolg mehr verdient als Struff, der mit Sicherheit einer der beliebtesten Profis sein dürfte, bei Kollegen, bei Tennis-Interessierten. Nicht umsonst wird er liebevoll „Struffi“ genannt. Der Weltranglistendritte Alexander Zverev huldigte ihm in Wimbledon gleich mit einer längeren Liebeserklärung und umschrieb ihn als Teddybären, „der kein Gramm Böses in sich“ habe. DTB-Präsident Dietloff von Arnim sagte der SZ: „Endlich ist seine sensationelle Einstellung über Jahre belohnt worden.“ Für Davis-Cup-Teamchef Michael Kohlmann ist Struff wiederum „ein absolutes Vorbild, die Jugend kann sich immer wieder eine Scheibe von ihm abschneiden“. Struff zeichne aus, dass er nie aufgebe, „auch wenn es mal nicht läuft, er musste ja schon öfter Rückschläge hinnehmen, wie Anfang des Jahres, wo er viele Niederlagen hatte. Aber er bleibt immer dran“. So ist es.Dass Struff zum zwölften männlichen deutschen Spieler aufstieg, der die Runde der letzten Acht erreichte, ist vor allem auf seinen „unglaublichen Willen“ zurückzuführen, wie Kohlmann weiter erklärte. Und verwies zu Recht auf seine Auftritte jetzt. In Runde eins verspielte Struff eine 2:0-Satzführung gegen den Argentinier Sebastián Báez, lag im fünften Satz 1:3 zurück – und gewann. Mit dem US-Amerikaner Brandon Nakashima lieferte er sich eine 4:25-Stunden-Schlacht mit vier Tiebreaks, die Partie dauerte so lange, dass der fünfte Satz wegen Dunkelheit erst tags darauf gespielt werden konnte. Gegen den früheren US-Open-Sieger Daniil Medwedew hatte er eine 2:9-Bilanz, lag im zweiten Satz 2:5 zurück, im dritten Satz erneut mit 2:5 und sogar zwei Breaks – er drehte beide Sätze. Gegen Hurkacz die nächste Aufholjagd, 0:2 Sätze, Struff ließ sich jedoch nicht abschütteln, Rücken- und Bauchmuskelprobleme zwangen letztlich den ehemaligen Top-Ten-Spieler bei 2:4 im fünften Satz zur Aufgabe. Struff hatte ihn aber auch in die Enge getrieben.Selbst wenn der Absturz in der Tennis-Weltrangliste drohte, blieb Struff bei sich„Alle Matches so zusammen, ist schon verrückt“, sagt Struff am Sonntag, sein Gesicht ein einziges Staunen. 560 000 Euro hat er als Preisgeld sicher, aber schon vor dem Achtelfinale wollte er nicht mitgeteilt bekommen, wie hoch sein Verdienst sei. Auch diese Scheibe kann sich die Jugend von Struff abschneiden: sich nie verrückt machen lassen! Struffs sauerländischer Fatalismus ist sein Erfolgsrezept. Selbst wenn der Absturz in der Weltrangliste drohte, blieb er bei sich. Schon kamen die Ergebnisse, irgendwann. Bewundernd brachte es Zverev auf den Punkt: „Immer wenn man denkt, dass er gleich aufhört mit Tennis, kommt so ein Turnier, bei dem er sich für das gesamte nächste Jahr für die Top 100 qualifiziert.“ Wie es Struff schaffe, sich stets gegen Widerstände auf dem Platz zu wehren? „Ich habe das so in mir drin, dass ich weiterspielen und ackern möchte.“ Bezeichnend eine Bilanz: Von 25 Matches über fünf Sätze in seiner Karriere gewann er 14.Ob Struffs Reise weitergeht, entscheidet sich an diesem Dienstag, er trifft auf den Weltranglistenersten und Titelverteidiger Jannik Sinner. „Natürlich traue ich mir zu, dass ich da was schaffen kann. Sonst bringt es nichts, da auf den Platz zu gehen“, sagt er entspannt. In jedem Fall ist er in Wimbledon jetzt Mitglied im Last-8-Club, den es so nur hier gibt. Wer das Viertelfinale erreicht, erhält auf Lebenszeit Zutritt als Zuschauer. Struff kommentiert das Ganze mit einem typischen Struffi-Satz: „Ich habe keine Ahnung, was das genau ist. Das muss ich erst noch rausfinden. Aber ist mega, ja.“
Wimbledon 2026: Struff feiert sein Märchen - und trifft nun auf den Vorjahressieger
Der Deutsche Jan-Lennard Struff, 36, ist einer der beliebtesten Tennisprofis. Nun steht er erstmals in einem Grand-Slam-Viertelfinale.












