Nach der Pariser Männermodewoche Ende Juni hat es sich endgültig herumgesprochen: Celines neuer Kreativdirektor Michael Rider ist eine der besten Neubesetzungen – denn er spricht genau die Sprache, die auch Nichtmodeleute verstehen.Schlechter hätte das Timing eigentlich nicht sein können. Michael Rider präsentierte seine erste Kollektion für Celine im Juli 2025, mitten in der grossen «Reset-Saison» mit insgesamt 15 Designer-Debüts. Jonathan Anderson für Dior, Matthieu Blazy für Chanel, Sarah Burton bei Givenchy – wie sollte ein bis dahin eher Mode-Insidern bekannter Name bei all den Blockbuster-Wechseln mithalten? Wie sich herausstellt: indem man es gar nicht erst versucht und geschmeidig unter dem Radar fliegt – um jetzt, wo sich die allgemeine Aufregung allmählich gelegt hat, umso mehr aufzufallen.Zwar bekam schon Riders erste Kollektion gute Kritiken. Da war dieser an der Brust leicht spannende Blazer zu ultraengen Hosen, darunter ein grosser Medaillon-Gürtel mit Celine-Logo, der sofort ein Bestseller wurde. Das Comeback der Culottes wurde ausgerufen, Boxerstiefel zu einem «Ding» erklärt und die Foulards wieder herausgeholt, um sie breit über der Brust oder einfach am Hintern zu tragen. Wer wusste, dass Rider an der Seite von Phoebe Philo bei Celine zehn Jahre lang Studio-Design-Director gewesen war, schaute genau hin und sah, was viele so lange vermisst hatten. Courtesy of Celine Der Medaillon-Gürtel mit Celine-Logo von der Frühjahr/Sommer-Kollektion 2026 wurde zum Bestseller. «Echt» gute Kleidung, aber irgendwie anders kombiniert und zusammengestellt. Der Look war nicht wirklich neu und wirkte trotzdem frisch, vor allem in jeder Hinsicht anziehend. Spätestens seit der gefeierten Männershow Ende Juni in Paris hat sich nun endgültig herumgesprochen, dass dieser 46-jährige Amerikaner eine der besten Neubesetzungen ist. Man könnte auch sagen: Von ihm lässt sich einiges lernen.Ein Amerikaner in ParisRider ist nämlich tatsächlich ausgebildeter Lehrer. In Washington als Kind zweier erfolgreicher Anwälte geboren, besuchte er das Ivy-League-College Brown, um Pädagogik zu studieren. Anschliessend ging er für ein Volontariat nach Brasilien, danach unterrichtete er in San Francisco Teenager auf der Sekundarstufe. Er sei als Lehrer sehr glücklich gewesen, hat Rider in einem Interview erzählt, aber während er laufend Klassenarbeiten korrigiert habe, habe ihm doch etwas gefehlt. «Unterrichten kann ich immer, aber mit 50 werde ich nicht mehr in die Modebranche einsteigen», habe er sich damals gesagt. Daraufhin zog er nach New York und schlug sich mit verschiedenen Jobs im Garment District und in der legendären Boutique «Ina» durch. Gab letztes Jahr sein Debüt als Kreativdirektor beim französischen Modehaus Celine: Der amerikanische Designer Michael Rider. Courtesy of Celine Bei welchem Designer er in die Lehre gehen wollte, wusste er sofort: Nicolas Ghesquière bei Balenciaga. Er bewarb sich für ein Praktikum, hatte vier Auswahlgespräche und wurde abgelehnt, nur um den Platz kurz darauf doch noch zu bekommen – sofern er innerhalb von zwei Tagen in Paris anfangen könne. Das war in den frühen nuller Jahren.Ghesquières Balenciaga war damals so etwas wie das Hogwarts der Mode – der heiligste Gral. Also inserierte Rider kurzerhand sein Apartment inklusive sämtlicher Besitztümer bei der Wiederverkaufsplattform Craigslist und reiste mit einem Rucksack nach Paris.Innerhalb eines Jahres stieg er zum «Pin-Giver» auf: einem Assistenten, ausgestattet mit zwei Täschchen, gefüllt mit Stecknadeln, Scheren und Bändern, der schweigend an der Seite des Designers zu stehen hatte und während der Anproben stets erahnen musste, was dieser als Nächstes brauchen würde. Und natürlich wurde im Atelier nur Französisch gesprochen. Eine harte, aber lehrreiche Schule für den Amerikaner. Als er Balenciaga verliess, weil er einen Anruf von Phoebe Philo bei Celine bekommen hatte, war er Senior Designer.Hätte man ihm damals gesagt, dass viele seiner Entwürfe nicht einmal zwanzig Jahre später als «Old Céline» zu umkämpften Sammlerstücken werden würden, hätte er wahrscheinlich amüsiert den Lockenkopf geschüttelt. Bis heute wird Rider häufig für einen Brasilianer gehalten. Auf einem Foto steht der damals noch junge Mann mit noch mehr Locken und Brille neben dem «Yves Klein Dress» aus der Saison Frühjahr/Sommer 2017, das vor kurzem wieder bei der Met-Gala für Aufsehen sorgte und mittlerweile wie ein Kunstwerk gehandelt wird. Auch daran war er beteiligt. Das legendäre «Yves-Klein-Kleid» von Celine, an dessen Entwurf Michael Rider beteiligt war, gesehen an Alexi Ashe Meyers an der Met-Gala im Mai dieses Jahres. Getty Images Rider versteht die Welt, auch abseits der Mode-BubbleAls Philo Celine verliess, ging Rider mit seinem Mann nach Calais, um Flüchtlinge in Französisch zu unterrichten – Lehrer sein konnte er tatsächlich immer. Aber dann führte seine dritte Station ihn zurück nach New York, zu Polo Ralph Lauren.Ghesquière, Philo, Lauren – die perfekte Dreifaltigkeit, um ihm den Schliff zu verpassen, den man jetzt bei Celine sehen kann. Die Kollektionen sind so französisch, wie sie letztlich auch amerikanisch tragbar sind. Die Rugby-Shirts, die Wollpullover, die Buckle-Belts – das ist eigentlich preppy pur, es wird nur französisch gestylt.Überhaupt ist bei Riders Celine ständig vom «Styling» die Rede, und tatsächlich hat die Handschrift des Stylisten Brian Molloy, der schon für The Row und Tod’s arbeitete, viel mit dem starken Look zu tun. Es sind aber die Kleider von Rider, die dafür erst die Basis legen. Es sind «real clothes», aber mit vielen Ideen und vielseitig einsetzbar. Ein gutes Shirt. Eine gute Hose. Ein Paar gute, am besten schon abgewetzte Schuhe. Ein T-Shirt, aber zur Abwechslung mit einem seidenen Kummerbund kombiniert. Courtesy of Celine Lässig, vielseitig einsetzbar und alltagstauglich: Drei Looks aus der Herrenkollektion Frühling/Sommer 2027, präsentiert letzte Woche in Paris. «I get this» war einer der häufigsten Kommentare bei der diesjährigen Männermodewoche – auf Deutsch also «Ich verstehe das». Man sieht sofort, dass man das tragen kann – während man bei vielen anderen Luxusmarken dieses Gefühl genau nicht hat, weil die Sachen zu kompliziert oder zu konstruiert wirken.Rider führt sein Faible für «real clothes» auf Ralph Lauren zurück, der «die Intellektualisierung der Mode verabscheut», wie er in einem Interview mit dem «W Magazine» erklärte: «Das Erste, was er (Ralph) bei einer Präsentation zu mir sagte, war: ‹Michael, warum willst du die Leute verwirren? Man sollte nichts erklären müssen. Man sollte es einfach spüren.› Er hatte so recht. Deshalb können sich so viele Menschen in diesen Lebensstil hineinversetzen, den er verkörpert, weil er authentisch ist.»Vielleicht hat Riders Direktheit aber auch mit seiner Ausbildung zum Lehrer zu tun. Die Dinge nicht verkomplizieren, weil sie sonst keiner versteht. Sein Publikum mit kleinen Details abholen, um sie für das grosse Ganze zu begeistern. So oder so ist dieser Designer auf dem besten Weg, ein neuer «Master» zu werden. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
«Real clothes»: Warum Michael Riders Celine-Mode alle begeistert
An der Pariser Männermodewoche hat es sich endgültig herumgesprochen: Celines neuer Kreativdirektor Michael Rider ist eine der besten Neubesetzungen.









