Eine zerrüttete Nation, ein gemeinsamer Fussballtraum: Kolumbien hofft auf den grossen TitelDas von Konflikten und Drogengewalt gebeutelte Land ist verrückt nach Fussball. Nun soll der Bayern-Star Luis Díaz an der WM auch gegen die Schweiz brillieren.07.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenAls Kolumbien im Sechzehntelfinal auf Ghana traf, verwandelte sich die Tribüne des Arrowhead Stadium in Kansas City in ein gelb-blau-rotes Farbenmeer.Hakan Akgun / ImagoKolumbien befindet sich im WM-Fieber. An dieser Weltmeisterschaft könnte den «Cafeteros» endlich der grosse Coup gelingen, so glauben und hoffen die Fans. Die fussballverrückte Nation setzt die Hoffnungen vor allem auf Luis Díaz, den 29-jährigen Flügelstürmer, der bei Bayern München soeben eine herausragende Saison gespielt hat. Am Dienstag (22 Uhr MESZ) soll er Kolumbien gegen die Schweiz in den Viertelfinal einer WM schiessen. 2014 gelang das Kolumbien zum ersten und einzigen Mal.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wer einmal an einer Weltmeisterschaft dabei war, ist beeindruckt von der Leidenschaft der kolumbianischen Fans. Zu karibischen Rhythmen tanzen und singen sie, im und vor dem Stadion zelebrieren sie ihre Lebensfreude.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenTrotzdem ist Fussball in Kolumbien eine ernste Sache. Der Nationalspieler Andrés Escobar wurde im Juli 1994 wenige Tage nach seinem Eigentor ermordet, das an der WM 1994 in den USA Kolumbiens Ausscheiden bedeutet hatte. Escobars Mörder sollen aus dem Umfeld der Drogen- und Wettmafia gekommen sein.Auch in die derzeitige Politik wird Kolumbiens Fussball immer wieder hereingezogen. So sorgte eine Geste des Mittelfeldstars James Rodríguez gegenüber Antonella Petro, der Tochter des Präsidenten Gustavo Petro, jüngst für Aufregung. An der Verabschiedung des Teams vor der WM ignorierte Rodríguez Antonellas Bitte um ein Selfie.Während sich Anhänger des linken Präsidenten empörten, feierte die Rechte um Petros gewählten Nachfolger Abelardo de la Espriella die Geste des Fussballers. De la Espriella und seine Anhänger reklamierten im Wahlkampf das Nationaltrikot für sich, trugen es bei öffentlichen Auftritten. Der Linken um Präsident Petro und dessen Kandidaten Iván Cepeda sprachen sie jeglichen Patriotismus ab. Antonella Petro versuchte zu beruhigen: «Wir müssen unsere Nationalmannschaft geschlossen unterstützen. Auf dem Spielfeld sind wir ein Land.»Symbol eines angeschlagenen PatriotismusFür Experten ist der aufgeregte Patriotismus rund um den Fussball das Resultat einer schwachen nationalen Identität. Nicht nur spalten die Anden Kolumbien geografisch und kulturell. Über die Jahrhunderte veränderte sich zudem mehrmals das Staatsgebiet. Das nach der Unabhängigkeit von Spanien 1819 gebildete Grosskolumbien umfasste Venezuela, Panama und Ecuador. 1831 spalteten sich Ecuador und Venezuela ab, 1903 Panama.Besonders der Verlust Venezuelas schmerzt Kolumbien bis heute. In der Grenzregion gibt es viele Familien, die sich aus Kolumbianern und Venezolanern zusammensetzen, man arbeitet und lebt oft im jeweils anderen Land. Der Präsident Petro brachte gar die Neugründung Grosskolumbiens ins Spiel, um die historischen Wunden zu heilen.Das Gefühl, als Nation unvollständig zu sein, wird mit überschwänglicher Liebe zum Nationalteam kompensiert. «Ein Kolumbianer fühlt sich durch ein Fussballtrikot besser repräsentiert als durch ein Wappen mit Symbolen wie dem Kondor und den Naturschätzen – ja sogar stärker als durch die Flagge», sagt der Soziologe Alejandro Villanueva von der Universidad Nacional de Colombia.Der Bayern-Spieler Luis Díaz ist Kolumbiens Hoffnungsträger. Hier im Spiel gegen Ghana, das die «Cafeteros» 1:0 gewannen.Amy Kontras / EPAKolumbiens Jugend ist so fussballverrückt wie ihre Kollegen in Argentinien oder Brasilien. Das Land bringt viele junge Talente hervor, die U-17-Mannschaft ist derzeit Südamerika-Meister nach einem beeindruckenden 4:0 gegen Argentinien, das U-20-Team wurde 2025 immerhin Dritter in Südamerika.Kolumbiens Vereine fallen trotzdem mit Erfolglosigkeit auf. Nur zwei kolumbianische Teams konnten bisher die Copa Libertadores gewinnen, das südamerikanische Pendant zur Champions League. Talente werden möglichst früh nach Argentinien, Brasilien oder Europa verkauft. Dazu sind kolumbianische Vereine immer wieder in Skandale um Korruption und Betrügereien rund um Sportwetten verwickelt.Auch die Politik mischt sich gerne in den Fussball ein. So förderte die Regierung 1948 die Gründung der Profiliga, um von den Unruhen nach der Ermordung des linken Präsidentschaftskandidaten Jorge Eliécer Gaitán abzulenken. Die Tat löste einen Bürgerkrieg aus, der bis 1958 bis zu 300 000 Tote forderte. Auf die Periode der «Violencia» folgte ein bewaffneter Konflikt, dem in fünfzig Jahren nochmals rund 200 000 Menschen zum Opfer fielen, Millionen flohen aus ihren Heimatregionen.Der Fussball inmitten blutiger KonflikteLigaspiele mussten in Kolumbien aufgrund der prekären Sicherheitslage immer wieder ausgesetzt, der Spielbetrieb gar komplett unterbrochen werden. Drogenbanden, die Geld in Fussballklubs steckten, schadeten darüber hinaus dem Ruf des kolumbianischen Fussballs, genauso wie die Mafia. So wurde die Saison 1989 abgesagt, nachdem die Wettspielmafia einen Schiedsrichter hatte ermorden lassen.Die Regierung nahm die Austragung der Copa América 2001 in Kolumbien zum Anlass, für ein Ende der Gewalt zu werben. Es sollte die «Copa de la Paz» werden, die «Meisterschaft des Friedens». Bombenanschläge der Guerilla kurz vor der Copa veranlassten den südamerikanischen Fussballverband, das Turnier elf Tage vor dem Start abzusagen.Als diese Entscheidung Tage später aufgrund fehlender Alternativen für die Austragung wieder zurückgenommen wurde, war Kanada bereits abgereist. Auch Argentinien verzichtete auf die Teilnahme, nachdem das Team terroristische Drohungen erhalten hatte. Kolumbien gewann die Heim-Copa – der bisher einzige grosse Titel der «Cafeteros».Auch heute steht Kolumbien wieder am Scheideweg. Der 2016 eingeleitete Friedensprozess steht auf der Kippe, da das organisierte Verbrechen und Guerillagruppen die Gewalt wieder aufflammen lassen. Dazu hat die gerade beendete Präsidentschaftskampagne das Land tief gespalten. Eine erfolgreiche Weltmeisterschaft der geliebten «Cafeteros» würde dem gebeutelten Land der Fussballverrückten guttun.Passend zum Artikel