Peking verteilt Milliarden an die Industrie. China leidet selbst darunterEuropa klagt schon lange über chinesische Subventionen, die Unternehmen gelten als extrem wettbewerbsfähig. Die Kehrseite des Staatskapitalismus ist jedoch Ineffizienz.07.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenChinas Handelspraktiken und staatliche Fördermittel sind dem Westen ein Dorn im Auge: ein Standort des Fahrzeugherstellers BYD.Rafael Martins / ReutersAuf dem europäischen Automarkt herrscht derzeit ein Preiskampf zwischen heimischen Produzenten und ihren chinesischen Konkurrenten. Dieser lässt sich mit einem einfachen Vergleich illustrieren: Ein kompakter Elektrowagen des chinesischen Fahrzeugbauers BYD ist ab 28 990 Euro zu haben. Das vergleichbare Modell ID.3 Neo von Volkswagen kostet 5000 Euro mehr.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Entsprechend verzeichnet der Hersteller aus Shenzhen einen rasanten Zuwachs bei den Neuzulassungen in der Bundesrepublik. Der Wolfsburger Konzern hat hingegen mit rückläufigen Absatzzahlen zu kämpfen und will nun rund 100 000 Arbeitsplätze abbauen.Folgt man den Darstellungen aus Berlin und Brüssel, werden die europäischen Märkte derzeit von chinesischen Waren regelrecht überschwemmt. Dank grosszügigen staatlichen Subventionen exportieren Unternehmen aus der Volksrepublik Produkte wie Elektrofahrzeuge, Stahl und Solarzellen im Übermass, um die schwache Binnennachfrage im eigenen Land zu kompensieren. So geht das europäische Narrativ.Seit Jahren schon sind Chinas Handelspraktiken und staatliche Fördermittel dem Westen ein Dorn im Auge: Gegenmassnahmen wie Strafzölle haben bislang jedoch kaum Wirkung gezeigt. Gleichzeitig bauten die USA und europäische Staaten ihre eigene Industriepolitik aus. Die amerikanische Regierung etwa stellte im Jahr 2022 knapp 400 Milliarden Dollar an Bundesgeldern für den Ausbau erneuerbarer Energien bereit. Im selben Jahr schnürte Deutschland ein Rettungspaket für den angeschlagenen Energieversorger Uniper in Höhe von 15 Milliarden Euro. Ganz zu schweigen von den EU-Fördergeldern für die Landwirtschaft und die Umweltpolitik.Staatliche Unterstützung hat viele FormenGreift Peking also tatsächlich stärker in den Markt ein? Dabei geht es um mehr als nur um Geldtransfers. Zum industriepolitischen Instrumentarium gehören auch Steuerrabatte, vergünstigte Kredite sowie regulatorische Massnahmen, welche den Wettbewerb einschränken und heimischen Firmen einen Vorteil verschaffen. Die entscheidende Frage lässt sich nur mithilfe von Daten und Fachliteratur klären.Zu einem vernichtenden Ergebnis gelangte jüngst die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Dieser Zusammenschluss führender Industrieländer untersuchte die 525 weltgrössten Industrieunternehmen. Das Fazit des Berichts: Bei Staatshilfen sei Peking die eindeutige Nummer eins, wenn auch die Eingriffe in anderen Ländern in den vergangenen Jahren zugenommen hätten.Firmen mit Sitz in China erhielten laut den Schätzungen der OECD zwischen 2004 und 2025 im Schnitt das Drei- bis Achtfache an staatlicher Unterstützung ihrer Konkurrenten in OECD-Mitgliedstaaten. Diese Subventionen überstiegen auch jene für Firmen in Brasilien, Indien und Indonesien, wie die in Paris ansässige Organisation feststellte.Im Vergleich zur Konkurrenz in OECD-Staaten profitierten Chinas Autohersteller seit 2010 von höheren Subventionen, die unter anderem auch vergünstigte Kredite umfassen. In absoluten Zahlen waren diese Zuwendungen doppelt so hoch, im Verhältnis zum Umsatz betrugen sie sogar das Vierfache. Auch die Chemiebranche, Maschinenbauer, Werften und Hersteller von Solarzellen kamen in den Genuss überdurchschnittlicher Unterstützung aus Peking. In der Halbleiterindustrie ist das Bild jedoch ein anderes: Hier war Washington der grosse Geldgeber, um heimische Produzenten zu unterstützen.Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) hat Peking für seine Politik gerügt. Die Subventionen entsprächen geschätzten 4 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung und würden damit mehr als doppelt so viel wie jene der EU betragen, so der IWF. Das Reich der Mitte solle die Zuwendungen um etwa die Hälfte senken und sie auf Branchen beschränken, in denen «eindeutiges Marktversagen» bestehe, forderten die Spezialisten des Währungsfonds im Februar.Know-how und Effizienz: Peking kontert die KritikDass die öffentliche Hand Unternehmen in ganz China mit massiven Subventionen bedenkt, steht ausser Zweifel. Wobei das Handelsministerium der Volksrepublik die Ergebnisse der OECD-Studie als «willkürlich» zurückwies. Dabei würden die Vorzüge chinesischer Firmen, etwa ihre Produktivität und ihre technologische Expertise, verkannt.Auch Nick Leung, Senior Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey, glaubt nicht, dass der Erfolg chinesischer Firmen nur auf Zuwendungen der Regierung beruht. Durch ein atemberaubendes Tempo bei der Produktentwicklung, bewährte Lieferketten, Skaleneffekte bei der Produktion und anspruchsvolle Konsumenten sei das Geschäftsumfeld in China ein regelrechter Überlebenskampf. Es sei «das intensivste Fitnessstudio der Welt», wie Leung in seinem Buch «The Next China Is Still China» («Das nächste China ist immer noch China») schreibt.Nick Leung, Senior Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey.PDInwiefern staatliche Gelder den Wettbewerb verzerren, lässt sich kaum messen, da die Verteilung öffentlicher Hilfen für die Industrie intransparent ist. Besser gesagt: Es gibt kein System. Daher weist die Volksrepublik selbst auch keine offiziellen Zahlen zur Höhe der staatlichen Subventionen aus.Die Zentralregierung in Peking verteilt Geld an ausgewählte Unternehmen. Auch die Regierungen in Provinzen, Städten und Kreisen versorgen Firmen mit Kapital. Oftmals verstecken sie die Zuwendungen in Schattenhaushalten, um die Verschuldung zu vertuschen. Die grossen Staatsbanken greifen der Industrie unter die Arme, indem sie Kredite mit Zinssätzen weit unter dem marktüblichen Zins vergeben. Öffentliche Fonds der Zentralregierung und der lokalen Verwaltungen wiederum unterstützen vor allem Firmen aus dem Technologiesektor.Laut dem im März verabschiedeten neuen Fünfjahresplan will die Regierung die Industrie auf ein höheres Niveau hieven. Automatisierung und Digitalisierung der Fabrikhallen stehen ganz oben auf der Agenda.Peking unterstützt Zukunftsbranchen: Industrieroboter in einem Autowerk in der chinesischen Provinz Zhejiang.VCG/ImagoDarüber hinaus soll China nach den Plänen des Staats- und Parteichefs Xi Jinping bei allen neuen Technologien weltweit führend werden. Bei Komponenten wie Speicherchips will China sich vom Ausland unabhängig machen. Dazu sollen Wissenschaft und Forschung ausgebaut werden.Deswegen stützt der Staat Unternehmen aus von ihm definierten Zukunftsbranchen: Autohersteller, Chipproduzenten, KI-Startups und Green-Tech-Unternehmen.Fördergelder für SpitzentechnologieZwei der Firmen wiesen die öffentlichen Zuwendungen bis vor kurzem sogar in ihren Geschäftsberichten aus. Danach strich BYD im Jahr 2023 nach heutigem Wechselkurs staatliche Hilfen in Höhe von 680 Millionen Dollar ein. Im Jahr darauf waren es bereits 1,5 Milliarden Dollar, im vergangenen Jahr verbuchte BYD staatliche Zuschüsse in Höhe von 1,8 Milliarden Dollar.Ähnlich, wenn auch nicht ganz so hoch, sind die öffentlichen Zuwendungen für CATL. Der weltweit führende Batteriehersteller betreibt seit einigen Jahren auch im Osten Deutschlands ein Werk. Im Jahr 2021 unterstützte der Staat das Unternehmen laut Geschäftsbericht mit umgerechnet 241 Millionen Dollar, zwei Jahre später waren es schon etwas mehr als 840 Millionen Dollar.Um die zahllosen KI-Startups zu Unternehmen zu entwickeln, die am Ende die amerikanischen Konkurrenten ausstechen können, haben Staat und Staatsbanken eine Reihe von Fonds aufgelegt. Die Zentralregierung will etwa zusammen mit den Städten Peking und Tianjin sowie mit der angrenzenden Provinz Hebei KI-Firmen insgesamt eine Billion Yuan, umgerechnet 120 Milliarden Euro, zur Verfügung stellen.Die grossen Staatsbanken haben ähnliche Programme aufgestellt, allen voran die Bank of China, die für die KI- und die Robotikindustrie einen Topf mit umgerechnet 138 Milliarden Dollar reserviert hat. Nach welchen Kriterien die Behördenvertreter das Geld vergeben, ist nicht bekannt.Doch wie so oft verfährt China beim Heranzüchten schlagkräftiger Firmen nach der Devise «Viel hilft viel». Das Prinzip ist Teil der DNA des chinesischen Systems. Sobald die Machthaber in Peking eine neue Industrie als Zukunftsbranche ausrufen, überschütten Lokalregierungen die entsprechenden Firmen in ihren Städten und Kreisen mit Subventionen. Schliesslich wollen die Lokalfürsten vor dem Staats- und Parteichef Xi glänzen. Derzeit geschieht dies bei Herstellern von humanoiden Robotern und fliegenden Taxis.Am Ende bleiben erbitterte PreiskämpfeDoch die Strategie führt zwangsläufig zu einer gewaltigen Verschwendung. Die meisten der sogenannten Zukunftsbranchen ächzen heute unter massiven Überkapazitäten, und die Unternehmen liefern sich brutale Preiskämpfe.Chinas dynamischem Aussenhandel steht denn auch eine angeschlagene Binnenwirtschaft gegenüber, mit fallenden Konsumentenpreisen, einem Absturz des Immobilienmarkts und einer schwachen Währung.Mit dem Anstieg der Industriesubventionen ist auch ein Anstieg in der Staatsverschuldung gemessen an der Wirtschaftsleistung zu beobachten, wie Fernando Martin von der IMD Business School und Global Trade Alert feststellt. Bei Sozialausgaben wie Altersrenten ist die Regierung hingegen zurückhaltend. Die Schlussfolgerung: Die Zuschüsse an strategische Branchen rentieren sich nicht.Der erbitterte Konkurrenzkampf, bei dem Firmen fortlaufend die Preise senken, hat sogar einen Namen: Er wird als «Involution» oder «Neijuan» bezeichnet. Die Regierung will dagegen vorgehen, indem sie die Binnennachfrage anheizt. Doch der Überschuss im Aussenhandel wächst und wächst. Bis jetzt kommt Peking mit seinem Vorhaben, die heimische Konjunktur anzukurbeln, kaum voran.In China ist die Ineffizienz der grosse Bruder des Staatskapitalismus. Im Ringen um den richtigen Umgang mit der Importflut sollten Europas Politiker daher der Versuchung widerstehen, Peking mit gleicher Münze heimzuzahlen.Passend zum Artikel