MeinungEuropa darf weder auf Protektionismus noch auf Wunschdenken setzen. Es braucht einen besseren Schutz vor unfairem Wettbewerb, mehr Investitionen und eine offensivere Handelspolitik.Jörg Wuttke02.07.2026, 06.09 UhrDas Sommermärchen der deutschen Nationalmannschaft ist ausgeträumt, die Fussballweltmeisterschaft in den USA endete bereits im Sechzehntelfinale. Das Team China war nicht dabei, kickt nicht einmal mit. Es spielt in einer anderen Liga, gar in einer anderen Sportart. Dort schneidet es im Wettbewerb sehr erfolgreich ab.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Um welches Spiel geht es? Und spielt China fair?Der Eindruck erhärtet sich: In Deutschland spielen wir nach den Regeln des Fussballs. China spielt nach Regeln des American Football – und dazu noch mit Protektoren.Der schwache Renminbi schadet auch ChinaDie Ausgangslage: Das Aussenhandelsdefizit der Europäischen Union mit China beträgt 1 Mrd. € am Tag. Das Spiel nach diesen Regeln hat keine Zukunft – weder für China noch für uns. Je nach Lesart ist der Renminbi gegenüber dem Euro rund 25% unterbewertet. Das ist nicht akzeptabel. Vordergründig scheint China im Vorteil zu sein, aber das Land schadet sich auch selbst: Eine extrem schwache Währung ist für den Binnenkonsum Chinas ein Nachteil. Die Internationalisierung der chinesischen Firmen wird teurer, insbesondere leiden innovative Privatunternehmen in China.Durch die Aufwertung des Renminbi würde China an finanzieller Feuerkraft gewinnen. Denn China ist zwar insgesamt ein Nettoexporteur, aber jeder Chinese ist ein Nettoimporteur. Und dieser Nettoimporteur spürt die Auswirkungen der Handelspolitik: Der Überschuss von jährlich insgesamt 1,2 Bio. $ führt dazu, dass andere Märkte Handelsbarrieren errichten. 55 Staaten erheben bereits hohe Zölle auf chinesischen Stahl und Aluminium.Die beiden Handelsministerien werden in den kommenden Monaten also viel zu tun haben. Am Montag ist der chinesische Handelsminister Wang Wentao in Brüssel eingetroffen, um neue Gespräche rund um den Freihandel zu lancieren. Ziel ist es, Zölle und Handelsungleichgewichte abzubauen, Exportkontrollen besser zu koordinieren und geistiges Eigentum besser zu schützen. Bis im Herbst wollen er und EU-Handelskommissar Maros Sefcovic Resultate präsentieren.Die Losung ist aus europäischer Sicht relativ einfach: Wir müssen besser werden – sowohl bei der Abwehr wie auch in der Offensive.China zwingt uns dazu, zu reagierenDabei stehen wir vor einem Dilemma: Unsere Massnahmen gegen unlauteren Wettbewerb wirken sich erst nach ein bis zwei Jahren aus. Wenn aber China zu Gegenmassnahmen greift, insbesondere beim Export seltener Erden, wirkt das sofort. Gerade deshalb liegt es im Interesse beider Seiten, mit Massnahmen der Defensive und Offensive gegenüber China klug zu handeln.Zuerst zu unserer Defensive: Wir müssen anerkennen, dass Chinas Unternehmen wettbewerbsstark sind. Es ist das Resultat harter Arbeit, hoher Anpassungsfähigkeit und des Mutes sowie der Offenheit für Innovationen. Doch das ist nicht alles: Gleichzeitig verzerren massive Subventionen und ein unterbewerteter Renminbi den Wettbewerb. Weil kein Schiedsrichter eingreift, müssen wir unsere Abwehr stärken. China zwingt uns dazu, zu reagieren. Kurzfristig gilt das insbesondere für die Bereiche Maschinenbau und Chemie.Auch wir brauchen vorübergehend Schutzmechanismen, so wie China seine Unternehmen schützt. Dies soll kein Plädoyer für Abschottung sein, sondern, um beim Bild zu bleiben, für eine kurzfristige Stärkungs– und Aufmunterungspause – ein «Hydration Break», wie es der Weltfussballverband Fifa zur WM eingeführt hat. Zugleich müssen unsere Unternehmen sensibler auf geopolitische Entwicklungen reagieren. Früher konnten wir uns auf unsere technische Überlegenheit stützen. Nun müssen wir mehr Faktoren berücksichtigen.Kommen wir zu unserer Offensive: Die EU-Kommission hat die Anstrengungen für neue Handelsabkommen massiv verstärkt. Das ist zu begrüssen und es bleibt zu hoffen, dass wir die Handelsbeziehungen mit anderen Regionen, etwa den Golfstaaten, noch intensivieren können. Wir müssen aber auch unseren Investitionsstandort stärken. Zur Finanzierungen der Umbaumassnahmen für unsere Wirtschaft brauchen wir ausländische private (sic!) Investitionen.Auch chinesische Investitionen würden helfen. Die Unternehmen zu Joint Venture mit chinesischen Firmen zu zwingen, ist dabei aber weder hilfreich noch erstrebenswert. Das würde die Position europäischer Unternehmen insbesondere auf dem US-Markt schwächen. Washington stellt europäische Gesellschaften mit chinesischen Eignern auf den Prüfstand: Der Agrarchemiekonzern Syngenta musste sich aus dem US-Bundesstaat Arkansas verabschieden, der Reifenhersteller Pirelli einen chinesischen Investor loswerden und der deutsche Premiumautobauer Mercedes gerät gerade im US-Senat unter Beschuss.Vor diesem Hintergrund ist es wohl sinnvoll, gegenüber Staatsbetrieben mit einem gesonderten Screening zu reagieren. Wir sollten chinesischen Unternehmergeist importieren und nicht das Modell der staatseigenen Betriebe. Ähnliches gilt im Umgang mit öffentlichen Ausschreibungen: Wir brauchen asymmetrische Reziprozität – also gleiche Rechte dort, wo echte Gegenseitigkeit fehlt.Wenn wir die Hausaufgaben nicht erledigen, wirkt sich das auch global aus. Bevor wir jedoch auf andere zeigen, fangen wir bei uns an. Eine konsequente Umsetzung der Empfehlungen im Wirtschaftsbericht Draghi-Report unter dem Leitmotto «Investieren – integrieren – schneller entscheiden – und gezielt fördern» ist notwendig. Alles, was die EU-Kommission beschliesst, sollte sich an diesen Zielen messen lassen. Nur so lässt sich unsere Wettbewerbsfähigkeit wieder herstellen.Wir haben die Chance auf eine VerlängerungWären wir in einem Fussballspiel, könnten wir sagen: Wir liegen knapp zurück. Aber unsere Chancen stehen gut, in die Verlängerung zu kommen. Durch Reformen können wir unsere Position stärken. Zugleich sollten wir die chinesische Seite davon überzeugen, dass auch sie ein Interesse an einem ausgewogeneren Modell hat. Dies gilt umso mehr, wenn nach den Midterm-Wahlen in den USA im November mit einer schärferen Gangart der USA gegenüber China zu rechnen ist.China und Deutschland schauen auf eine Zeit sehr erfolgreicher Zusammenarbeit zurück – die Rollen dabei haben sich jedoch schon seit einigen Jahren gewandelt. Die Folgen der Covid-Pandemie beschleunigten diese Entwicklung. Wenn wir die oben genannten Stellschrauben wieder anziehen und neu justieren werden wir zwar das alte Modell nicht kopieren können. Doch das Spiel kann wieder fair werden und eine neue Wendung nehmen.Jörg WuttkeJörg Wuttke ist Partner bei DGA Albright Stonebridge Group in Washington D.C. Er ist langjähriger früherer Präsident der EU-Handelskammer in China und lebte bis zu seinem Umzug in die USA 2024 mehr als dreissig Jahre in Peking.
Krise der europäischen Wettbewerbsfähigkeit: China spielt nach anderen Regeln
Europa muss im Umgang mit China realistisch werden. Es braucht besseren Schutz vor unfairem Wettbewerb, mehr Investitionen und eine offensivere Handelspolitik.












