De-Risking, aber richtig – Europa strebt eine härtere China-Politik anDer Ton in Berlin wie Brüssel hat sich verschärft: Die Handelsbeziehungen zu China werden für viele EU-Länder zum Problem. Bis zum Herbst sollen neue Instrumente bereitstehen.29.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEine Mehrheit der Europäer will die Abhängigkeit von China reduzieren, das zeigt eine neue Umfrage. Auch die EU will dies konsequenter verfolgen. Auf dem Bild: Qualitätskontrolle an einer Kugelmühle in der ostchinesischen Provinz Jiangsu.ReutersChina ist ein Problem für Europa. Dafür finden europäische Politiker so deutliche Worte wie selten zuvor. Vergangene Woche im Bundestag nannte der Kanzler Friedrich Merz die Dinge beim Namen: unfairer Wettbewerb, massive Überkapazitäten, eine Währung, die künstlich unterbewertet ist. Dazu kommen Sicherheitsbedenken bei kritischer Infrastruktur.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die chinesischen Handelspraktiken seien «nicht akzeptabel», hatte Merz bereits nach dem EU-Gipfel von Mitte Juni gesagt. Noch im Februar, nach seiner China-Reise, klang Merz anders. Da hiess es noch, die Beziehungen zu China sollten wieder gefestigt werden und Herausforderungen in «Kooperation und Dialog» bewältigt werden.Diskutiert werden neue Zölle und ein SolidaritätsmechanismusInzwischen hat sich die Lage verändert. Frankreich fordert schon länger einen härteren Kurs gegenüber China, Deutschland war lange vorsichtig, schwankte. Am EU-Gipfel von Mitte Juni hat sich jedoch der Konsens etabliert, dass der Exportflut aus China etwas entgegengehalten werden muss. Auch Länder wie die Niederlande, Polen und Italien haben sich mit der Idee einer härteren China-Politik angefreundet – eine Ausnahme bildet Spanien, der Ministerpräsident Pedro Sánchez sieht in China vor allem einen Partner.Gesamteuropäisch befindet er sich damit in immer kleinerer Gesellschaft. Eine neue Umfrage der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass 67 Prozent der Europäer ihr Land als «abhängig» von China sehen. 77 Prozent von ihnen wollen, dass diese Abhängigkeit reduziert wird, auch wenn das der Wirtschaft kurzfristig schadet. In Deutschland sind es gar 80 Prozent. Der Wunsch nach mehr europäischer Eigenständigkeit ist seit 2024 gewachsen. 73 Prozent der befragten EU-Bürger sagen, Europa solle seinen eigenen Weg gehen, 10 Prozentpunkte mehr als im Jahr 2024.Bis Oktober soll die Europäische Kommission neue Instrumente vorlegen, darunter auch gezielte Zölle gegen Überkapazitäten oder gar mögliche Anreize oder Vorgaben an Firmen, ihre Lieferanten stärker zu diversifizieren. Vorgesehen ist angeblich auch ein Solidaritätsmechanismus, der sicherstellen soll, dass nicht nur einzelne Länder die möglichen Gegenschläge der chinesischen Regierung zu tragen haben, wie die Hongkonger Zeitung «South China Morning Post» mit Berufung auf anonyme EU-Beamte berichtete. Die EU stellt sich also darauf ein, dass Peking mit Gegenmassnahmen reagieren wird, auch wenn die Instrumente nicht länderspezifisch formuliert werden sollen. Die Bereitschaft für einen möglichen Handelskonflikt mit Peking ist gestiegen.China ist zur harten Konkurrenz geworden«De-Risking», aber dieses Mal richtig. Das Schlagwort kursiert in Europa seit Jahren. Doch die Dringlichkeit offenbarte sich erst, als auch Europa schmerzlich spürte, dass Chinas Regierung wirtschaftliche Abhängigkeit als Druckmittel einsetzt. Als Reaktion auf amerikanische Zölle, technologische Blockaden und Sanktionen hat China im April und Oktober 2025 Exportkontrollen für seltene Erden eingeführt. Weil China 90 Prozent der Verarbeitung von seltenen Erden kontrolliert, trafen die neuen Regeln auch Europa, das mit Lieferverzögerungen zu kämpfen hatte.Dazu kommt: Die Chinesen kaufen weniger Waren aus Europa, liefern aber im Gegenzug Produkte en masse und zu unschlagbaren Preisen. Im vergangenen Jahr seien chinesische Lieferungen in die EU um 45 Prozent gestiegen, sagte Ursula von der Leyen am jüngsten EU-Gipfel. Das sei einfach nicht nachhaltig. Europas Industrie ist im Kern bedroht. Gleichzeitig hat das grosse Geldverdienen in China für viele europäische Firmen ein Ablaufdatum, denn China ist autarker geworden: Chinesen kaufen zunehmend bei Chinesen.Bei den deutschen Autoherstellern ist der Verlust am chinesischen Markt brutal. Volkswagen will in den nächsten Jahren 100 000 Stellen weltweit streichen und vier Werke schliessen, wie am Freitag bekanntwurde. Mercedes und BMW haben seit 2023 etwa ein Viertel ihrer Verkaufszahlen in China eingebüsst. Verdrängt werden sie von chinesischen Elektroautos. Auch in Europa wäre das der Trend, gäbe es nicht Antisubventionszölle seit 2024. Im liberaleren Grossbritannien ist bereits jedes zehnte neu verkaufte Auto ein chinesisches. Chinesische Unternehmen werden auch in anderen traditionell europäischen Industriezweigen immer stärker, wie in der Chemie oder im Maschinenbau.«Deutschland verliert seit über zwei Jahren monatlich 10 000 Arbeitsplätze in der Industrie», sagt Noah Barkin auf Anfrage per E-Mail. Die chinesische Konkurrenz sei der wichtigste Treiber dafür. Barkin arbeitet für die Rhodium Group, eine Forschungsfirma, in Berlin. Er ist einer der wichtigsten Experten zur Beziehung der EU mit China. Barkin sagt, es sei dringend, dass Europa jetzt handle. «Je länger Europa wartet, desto höher werden die Kosten des De-Risking – und innerhalb weniger Jahre könnten wir einen Punkt erreichen, an dem es kein Zurück mehr gibt.» Wenn Europa weitermache wie in den vergangenen Jahren, steige die Abhängigkeit weiter, Arbeitsplätze und Know-how gingen verloren. Chinas Macht, Europa unter Druck zu setzen, steige.Gleiches mit GleichemBarkin warnt davor, Chinas Macht zu überschätzen. Europas stärkster Hebel sei sein Markt. Der Zugang dazu ist für Chinas Wirtschaft noch wichtiger geworden, gerade weil der Zugang zum amerikanischen Markt unsicherer geworden ist. Die EU müsse signalisieren, dass sie in der Lage sei, ihren Markt notfalls zu schliessen. Dann gäbe es die Chance auf ein Gespräch und eine Verhandlungslösung. «Peking muss aufpassen, dass es sich nicht selber schadet, wenn es zu hart auf europäisches De-Risking reagiert», sagt Barkin. Allerdings hat Peking in den vergangenen Jahren über die neue Seidenstrasse den Handel mit Asien, Lateinamerika und Afrika vertieft, um sich vom Westen unabhängiger zu machen. Doch auch dort wächst die Angst vor chinesischer Billigkonkurrenz und Marktverzerrungen. Die ersten Länder wehren sich bereits mit eigenen Schutzzöllen.China versteht sich als sozialistische Marktwirtschaft: Der Staat kontrolliert und fördert Schlüsselindustrien. Der Einparteistaat reguliert stark, welche Sektoren für ausländische Investoren und Firmen offen sind und zu welchen Bedingungen – und welche Sektoren tabu bleiben, sei es aus Sicherheitsinteressen oder um die eigene Industrie zu schützen. Die EU fordert von China seit langem mehr Reziprozität, gleichen Marktzugang: Was für chinesische Firmen in Europa gilt, soll auch für europäische Firmen in China gelten. Nun scheint die EU auch bereit zu sein, dieser Forderung Nachdruck zu verleihen und ihrerseits rote Linien zu ziehen.Passend zum Artikel