45 Sekunden dauerte dieses Achtelfinale erst, dann musste die Integrität des Fußballs erst einmal hinten anstehen. Wie einen fein formulierten Schlachtruf hatte Belgiens Nationaltrainer Rudi Garcia diesen Begriff vor dem Spiel in die Welt gesetzt: Es gehe bei dem Fall, der das Spiel in Seattle überschattete, nicht nur um Fairness für die belgische Mannschaft, sondern eben um viel mehr. Um die Glaubwürdigkeit einer ganzen Sportart, die angesichts einer beispiellosen Einmischung von außen infrage gestellt werden musste.Folarin Balogun lief am Montag tatsächlich in der Startelf der USA auf. Er wurde damit der erste Spieler bei einer Weltmeisterschaft, der nach einer roten Karte nicht im folgenden Spiel gesperrt aussetzen musste. Er selbst hatte darum nicht gebeten, eingebrockt hatte ihm diesen zweifelhaften Vermerk im Lebenslauf US-Präsident Donald Trump, der bei Fifa-Präsident Gianni Infantino höchstpersönlich wegen der roten Karte interveniert und so die Fußballgeschichte ein Stück weit verändert hatte. Die Tragweite dieser Entscheidung verstanden allerdings offenbar weder Trump noch weite Teile des US-Publikums, das Balogun in Seattle mit einem besonders lauten Applaus bedachte.Donald Trump und die Fifa:„Ja, ich habe mit Gianni geredet“Es war kein Foul, die Besten sollen spielen, aber was eine rote Karte ist, das wusste er nicht: In einem umfangreichen Statement erläutert US-Präsident Trump, warum er wegen der Sperre für US-Stürmer Balogun beim Fifa-Präsidenten anrief.Somit entstand vor dem Anpfiff eine beeindruckende Kulisse, eine trotzige Energie war im Stadion spürbar, zu den Takten von Metallicas „Enter Sandman“ und zur Nationalhymne: Wie auch immer die Sache zustande gekommen war, nun standen die elf besten Spieler auf dem Rasen, die die „USA-USA-USA!“ in ihrem WM-Kader zur Verfügung hatten. Dann kam der Belgier Timothy Castagne. Und schoss nach 45 Sekunden aufs Tor.Die USA hatten ihre Spiele bisher auch dank einer euphorischen Anfangsoffensive gewonnen, nun wirkten sie gelähmtDer beachtliche Schuss des Außenverteidigers vom FC Fulham landete nicht im Tornetz, US-Torhüter Matt Freese hechtete zu einer bravourösen Parade und bewahrte seine Mannschaft vor dem extrem frühen Rückstand. Und doch zerbrach in diesem ersten, aufregenden Moment des Spiels bereits die Illusion, dass sich ein Fußballspiel außerhalb eines Fußballfelds gewinnen ließe. Im Gegenteil: Mit 1:4 verloren die USA dieses Achtelfinale am Ende gegen Belgien klar und deutlich. Belgien trifft nun auf Spanien.Castagnes Schuss wurde für die US-Amerikaner zum Auftakt für die schlechteste Halbzeit ihres bisherigen Turniers. Hatten die USA ihre Spiele bislang konsequent mit einer euphorischen Anfangsoffensive gewonnen, wirkten sie nun geradezu gelähmt: Belgien nahm sich den Ball, ergriff die Initiative, vergab in der achten Minute noch eine große Chance durch Youri Tielemans – und traf dann doch zum frühen 1:0. Charles De Ketelaere, im Sturm erneut anstelle von Romelu Lukaku im Einsatz, brachte Belgien nach einem scharfen Querpass von Nicolas Raskin den Führungstreffer. Er war genauso elegant und ruhig herausgespielt wie mehrere weitere Chancen in der ersten Halbzeit, die Belgien fast nach Belieben dominierte.Charles De Ketelaere setzt sich im Kopfball gegen Tim Ream durch und erzielt das schnelle 2:1 nach Malik Tillmans Ausgleich. Alex Grimm/Getty Images via AFPDie US-Amerikaner lieferten freundlichen Begleitschutz in der Defensive, sie führten kaum Zweikämpfe und ließen das Spiel um sich herum geschehen. Innenverteidiger Chris Richards hätte mit seinem Ballverlust im Aufbauspiel am eigenen Strafraum fast direkt das 2:0 ermöglicht, da trat zum ersten Mal der Protagonist auf, dem die Aufmerksamkeit vor dem Spiel gehört hatte.Ein Dribbling am belgischen Strafraumrand war die erste Offensivaktion von Folarin Balogun. Er bekam nach einer kleinen Berührung vom jordanischen Schiedsrichter Adham Makhadmeh ein Foul gegen sich gepfiffen. Zum fälligen Freistoß aus knapp 20 Metern trat Malik Tillman an, sein Schuss wurde von der belgischen Mauer entscheidend abgefälscht. Ohne, dass die USA zuvor ernsthaft am Spiel beteiligt gewesen wären, stand es 1:1. Ein ganzes Stadion versank 116 Sekunden lang im Jubel.Die Torhymne „Free Bird“ war kaum zu Ende gegangen, da spielten die Belgier allerdings schon wieder nach vorn. Sachlich, fast bürokratisch trugen sie ihre Angriffe vor, ohne irgendeinen wilden Trotz, auch wenn der verständlich gewesen wäre: Leandro Trossard dribbelte auf der linken Seite, dann flankte er einen Chipball in die Mitte, wo De Ketelaere über Verteidiger Tim Ream hinwegsprang und zum 2:1 traf. Der argentinische US-Trainer Maurico Pochettino trat erzürnt gegen Erfrischungsgetränke, oben auf der Tribüne jubelte die belgische Verbandspräsidentin neben Infantino. Die Hoffnungen der USA auf ein Comeback, sie hatten keine zwei Minuten lang gehalten. Und sie kamen auch nicht wieder.Mauricio Pochettino umarmt Folarin Balogun, den er erst aufgestellt hat und in der Nachspielzeit der zweiten Halbzeit auswechselte. Christopher Torres/EPA/ImagoGanz wenige, kurze Momente gab es im Verlauf der zweiten Halbzeit im Lumen Field von Seattle, in denen sich noch einmal etwas regte. Ansonsten rutschte dieser erschreckend schwache Auftritt der Gastgebernation USA eher ins Lächerliche: Das 3:1 für Belgien entstand nach 57 Minuten aus einem Ballverlust des verirrten Torhüters Freese, der weit vor seinem Tor einen Steilpass erst erlief, dann den Ball auf Slapstick-Art aber wieder herschenkte. Hans Vanaken hieß der Nutznießer, der nur noch ins Tor schießen musste; verzweifelt an einer Klärung scheiterte der US-Kapitän Ream. Das 4:1 erzielte in der Nachspielzeit der eingewechselte Lukaku wieder nach einem Ballverlust von Richards in der Nähe des eigenen Strafraums. Und setzte damit den Schlusspunkt in einer Partie, in der viel auf dem Spiel gestanden hatte. Und in der die sportlichen Konsequenzen am Ende am stärksten hervortraten.Das letzte Bild dieser US-Mannschaft, die sich anfangs so rauschhaft durch ihr Heimturnier gespielt hatte, ist nun das einer enttäuschend gescheiterten Truppe. Noch vor dem Abpfiff begann sich das Stadion in Seattle zu leeren, Pochettino wechselte in einer letzten Aktion als Trostpreis noch zwei Spieler ein, die bislang keinen WM‑Einsatz gehabt hatten.Ausgewechselt wurde dafür Folarin Balogun, der schließlich mit traurigem Gesicht auf der Bank sitzend auf den Fernsehbildschirmen zu sehen war. Der Stürmer hatte sich als einer der wenigen Spieler bei den USA seiner Normalform angenähert. In einem Spiel, das er bloß aufgrund von Umständen hatte bestreiten dürfen, die nachwirken werden. Die Debatte über die Integrität des Fußballs ist durch diesen 4:1-Sieg von Belgien nicht beendet. Anders als die WM-Kampagne von Team USA.
Belgien schlägt die USA bei der WM 2026: Der dritte Gastgeber ist raus
Nach der hochkontroversen Begnadigung von Folarin Balogun zeigen die USA mit dem Stürmer in der Startelf ihr mit Abstand schwächstes WM-Spiel – und verlieren 1:4 gegen Belgien.










