Dieser amerikanische Traum geht auf läppische, fast lachhafte Weise zu Ende. Es läuft die 57. Spielminute im Stadion von Seattle, von tief aus der belgischen Hälfte fliegt ein Ball Richtung amerikanisches Tor, Matt Freese, der ganz in Gelb gekleidete Torhüter des Teams USA, ist aus seinem Strafraum gekommen, er hat den Ball eigentlich schon geklärt, dann zögert er, warum auch immer, einen Augenblick. Der erste Belgier, Charles De Ketelaere, erkennt die Gelegenheit, der zweite, Hans Vanaken, kann ihn ins leere Tor schießen. Dass Tim Ream ihn noch mit der Hacke abfälscht, ohne ihn zu stoppen, lässt es noch ein bisschen tölpelhafter erscheinen.3:1 steht es in diesem Moment für Belgien im Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft, und in dem Stadion, das vorher voller Hoffnungen und Träume war, hofft und träumt jetzt niemand mehr. Und Folarin Balogun, der Mann, in den so viele Hoffnungen gesetzt worden sind, bis hinauf zum Präsidenten der Vereinigten Staaten? Der vorher in drei WM-Spielen drei Tore für die USA geschossen hat?Sitzt am Ende auf der Bank zwischen seinen Teamkollegen Christian Pulisic und Antonee Robinson, das Trikot über die Nase gezogen. In der zweiten Minute der Nachspielzeit ist er ausgewechselt worden, in der dritten hat Belgien, nach einem weiteren schlimmen Ballverlust, durch Romelu Lukaku das 4:1 erzielt. Anstatt zum ersten Mal nach 2002 wieder das Viertelfinale einer WM zu erreichen, ist das Turnier für die USA zu Ende.War es das wert?Weiter geht es schon, nicht nur für die Belgier, die am Freitag (21.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei Magenta TV) in Los Angeles auf Spanien treffen, in Seattle dröhnt die Partymusik aus den Boxen der Pubs am Stadion, und auch das Riesenrad an der Elliott Bay hat nicht aufgehört, sich zu drehen. Aber wenn sich beim Weltfußballverband (FIFA) noch irgendetwas nach rationalen Gesetzen dreht, müsste man sich nun fragen: War es das wert?Vielleicht fragt sich das sogar Gianni Infantino, der Präsident, der das Spiel auf der Tribüne neben der belgischen Verbandspräsidentin Pascale Van Damme verfolgt hat. Denn auch wenn das Turnier weitergeht, ohne die Vereinigten Staaten wird es nicht mehr dasselbe sein wie vor dem Fall Balogun, der eher ein Fall Trump und ein Fall Infantino ist. Und dass es mit dem Fußball, wie die FIFA und Infantino ihn hier in Geiselhaft für politische Interessen genommen haben, so nicht weitergehen kann, ist noch nie so offensichtlich gewesen.Feierstimmung in Seattle: USA-Fans vor dem WM-Achtelfinale gegen BelgienAP Photo/Eric Hiller„A Day To Remember“, das ist die Überschrift in der „Seattle Times“, mit der dieser Montagmorgen beginnt: ein Tag, an den man sich erinnern wird. Oder: ein denkwürdiger Tag. Das wird man so sagen können, auch wenn es hier zuerst einmal anders gemeint ist: als Würdigung des sportlichen Anlasses, der Bedeutung dieser Partie für die USA, vielleicht das größte (Männer-)Spiel der Verbandsgeschichte, dazu die spezielle Magie der „Monday Night“ im amerikanischen Sport. Das Foto dazu zeigt Balogun fröhlich zwischen zwei Teamkollegen beim Training am Sonntag auf dem Gelände der University of Washington.Infantino, der Imprägnierte?Nun ist Infantino in der Lage, etwas erklären zu müssen. Sein Verband verbreitet ein Statement, in dem der Präsident ebenfalls das Gespräch bestätigt, aber betont, dass die Disziplinarkommission unabhängig entscheide, auch in diesem Fall, in dem sie die eigentlich verpflichtende Sperre zur Bewährung ausgesetzt hat, und dass er auf dieses Prinzip der Unabhängigkeit auch Trump hingewiesen habe: Infantino, der Imprägnierte? Später erklärt die FIFA auch die Beschwerde des belgischen Verbandes für unzulässig: Belgien sei keine Partei in diesem Fall.Was Belgien aber schon ist: hochgradig betroffen. Und weil der Verband sich das nicht gefallen lassen kann, nicht gefallen lassen will, auch nicht im Sinne des Fußballs insgesamt, kündigt er an, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Sollte Balogun auf dem Spielberichtsbogen auftauchen, werde man die Spielberechtigung anfechten, heißt es. Darüber habe der belgische auch den amerikanischen Verband informiert. Alle weiteren Schritte: offen.Balogun, der Angreifer der AS Monaco, steht auf dem Bogen, und auch als die amerikanischen Startelfspieler eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff ins Stadion einlaufen, ist der Mann in der dunkelblauen Hose mit der Nummer 20 dabei. „Enter Sandman“ von Metallica dröhnt aus den Boxen, später donnert es von den Tribünen: „U-S-A, U-S-A“. Als Balogun bei der Vorstellung der Teams als Letzter dran ist, geht ein „Roar“ durchs Stadion. Als dann noch „Country Roads“ gespielt und inbrünstig gesungen wird, wirkt es, als könne Amerika kaum mehr bei sich sein.Der Mann im Mittelpunkt, der sich nicht darum gedrängt hatte: Folarin BalogunAFPDie Begeisterung vor diesem Achtelfinale ist schon den ganzen Tag in der Stadt zu spüren gewesen, sogar im Alternativviertel Capitol Hill, vor allem aber an der Waterfront, rund um den Pike Place Market und auf dem Weg zum Stadion, das hier fußläufig zu erreichen ist, mit traumhaften Ausblicken auf die Bay. Die „New York Times“ hat an diesem Montag einen Stimmungsbericht aus einem mitgerissenen Land verfasst.Nur das US-Team spielt nicht mitNur: Als es losgeht, spielt die Mannschaft nicht mit. Wo ist die Leidenschaft, wo ist die Intensität, mit der die Amerikaner in den vergangenen Spielen losgelegt haben, als könnten sie vielleicht sogar wirklich um alles spielen bei dieser Weltmeisterschaft? Sie machen Fehler über Fehler, sie bekommen keinen Druck auf Ball und Gegner, sie betteln fast um ein Gegentor.Als es nach neun Minuten fällt, De Ketelaere trifft zum ersten Mal, trommelt der argentinische Coach Mauricio Pochettino vor Wut auf das Dach seiner Trainerbank. Pochettino hat vorher versucht, die Entscheidung der FIFA zu Balogun zu rechtfertigen: Die Rote Karte sei eine Fehlentscheidung gewesen, so hat auch Trump argumentiert. In der Sache ist das sogar richtig, in der Konsequenz aber: Regelzynismus.Wobei, zynisch? Da hat man Marco Rubio noch nicht gehört. Der Außenminister gibt der ganzen Sache noch einen eigenen Twist. „Man möchte doch, dass der Gegner in Bestbesetzung antritt, damit der Sieg nicht auf diese Weise getrübt wird“, sagt er.Die Belgier brauchen kein MitleidAber die Belgier brauchen kein Mitleid, kein echtes und kein falsches, sie können sich selbst helfen. Später sitzt ihr Trainer Rudi Garcia in der Pressekonferenz und erzählt, wie das Team sich ganz auf sich konzentriert habe. Sie hätten einfach den richtigen Plan gehabt, das, was die USA sonst stark mache, das hohe Angreifen, haben sie selbst erfolgreich praktiziert.Bezeichnende Szene, die zum 1:3 führt: der unaufmerksame US-Torhüter Matt Freese (l.) verliert den Ball gegen den Belgier Charles De Ketelaere.dpaGarcia wird auch gefragt, ob die Sache mit Balogun eine Extramotivation gewesen sei. Er verneint entschieden, und wenn man seine Mannschaft hat spielen sehen, wirkt das überzeugend: So cool, so seriös haben die Belgier dieses Spiel beherrscht.Pochettino bekommt die gleiche Frage aus anderer Perspektive gestellt. Auch er verneint, dass seine Spieler sich von der Thematik aus dem Konzept hätten bringen lassen. Allerdings bleibt es ein Rätsel, warum diese amerikanische Mannschaft nicht dieselbe gewesen ist wie bei den vorherigen Spielen. Ob es wirklich nur „so ein Tag“ war, wie Pochettino sagt. Oder vielleicht doch der Druck dieses besonderen Spiels? Und die besondere Situation mit Balogun?Der steht zur selben Zeit vor einer Reportertraube in der Mixed Zone. Er sagt: „Wir haben die Entscheidung akzeptiert, als ich die Rote Karte gesehen habe, und wir haben die Entscheidung akzeptiert, als uns gesagt wurde, dass ich spielen kann.“ Er müsse sich auf seinen Job konzentrieren. Garcia erzählt davon, wie Balogun nach dem Schlusspfiff zu ihm gekommen sei und das Gespräch gesucht habe. Er, Garcia, habe ihm, Balogun, gesagt, dass er am wenigsten für all das könne.Klärendes Gespräch: Folarin Balogun (l.) und Belgiens Trainer Rudi GarciaAFPIm Spiel hat Balogun noch das Beste daraus gemacht. Fast immer, wenn die Amerikaner doch einmal gefährlich werden, ist er beteiligt. Als nach 30 Minuten Christian Pulisic es schafft, das Tempo anzuziehen, landet der Ball bei ihm, ein Foul gut 20 Meter vor dem Tor. Balogun stachelt das Publikum an, Malik Tillman trifft, leicht abgefälscht, ins Tor. Mit einem Mal ist die Energie wieder da, „U-S-A, U-S-A“. Doch das Level hält nur zwei Minuten. Dann flankt wieder ein Belgier, wieder schläft die amerikanische Abwehr, wieder trifft De Ketelaere, diesmal per Kopf.UEFA gegen FIFA: „Rote Linie überschritten“Man hat also sehen können, warum die USA mit Balogun eine bessere Mannschaft sind als ohne ihn, aber das Team USA ist an diesem Tag so weit davon entfernt, gut zu sein, dass es auch schon keinen Unterschied macht.Hat sich das alles also nicht gelohnt? Vielleicht kommt es darauf an, wie man es betrachtet. Was es bis zum Ende dieses Tages voller Erklärungsversuche nicht gegeben hat: eine Erklärung in der entscheidenden Frage – warum das Disziplinarkomitee der FIFA überhaupt eingegriffen hat.Was es aber gibt: eine Erklärung der Europäischen Fußball-Union (UEFA) mit ihrem Präsidenten Aleksander Čeferin, die man bei allen schon vorher zwischen den Organisationen und ihren Chefs bestehenden Spannungen beinahe als Kriegserklärung verstehen muss. Die FIFA-Entscheidung sei „unverständlich und nicht zu rechtfertigen“, heißt es, eine „rote Linie überschritten“. Die FIFA kontert an diesem denkwürdigen Montag prompt – mit einer 13 Punkte umfassenden Erklärung der Disziplinarkommission.Es ist ganz still im Stadion von Seattle, viele strömen nach dem vierten Gegentor zu den Ausgängen. Für die USA ist die Party, die gerade erst so richtig begonnen hat, vorbei. Möglich aber, dass gerade woanders etwas in Bewegung kommt.
Balogun bei Fußball-WM 2026: Infantino, Trump und das USA-Aus gegen Belgien
Nach einem beispiellosen Vorspiel von Trump und Infantino und einer schwachen Partie gegen Belgien ist die amerikanische Party zu Ende. Aber auch sonst wird diese WM nicht mehr dieselbe sein.











