Zum ersten Mal seit elf Jahren besucht ein amerikanischer Präsident die Türkei. Zwar reist Donald Trump offiziell wegen des NATO-Gipfels nach Ankara. Doch er hat wissen lassen, dass er wohl nicht am Treffen der von ihm ungeliebten Militärallianz teilgenommen hätte, wenn nicht sein „Freund“ Recep Tayyip Erdoğan es ausrichten würde. Selten waren die Beziehungen zwischen Ankara und Washington so gut wie heute. Das hat viel mit den beiden Präsidenten zu tun. Mit ihrer Vorliebe für transaktionale Politik und mit Trumps Bewunderung für Autokraten. Es hat auch mit der Überschneidung von Interessen zu tun. In Syrien, Gaza, Iran und im Kaukasus.Der türkische Präsident hofft auf Lösungen in Streitfragen, die seit Jahren zwischen beiden Ländern stehen. Im vergangenen September kam er nach einem Besuch im Weißen Haus noch mit leeren Händen nach Hause. Nun hat das amerikanische Justizministerium ein Streitthema schon im Vorfeld abgeräumt: Vor zwei Wochen stellte es ein Verfahren wegen Sanktionsverstößen gegen die türkische Halkbank nach sechs Jahren ein. Gegenüber dem zuständigen Richter begründete die amerikanische Regierung ihren Schritt mit der Unterstützung der Türkei bei der Freilassung israelischer Geiseln aus der Hand der Hamas im Oktober. Transaktionale Politik eben.Das Verhältnis war nicht immer so herzlich. In seiner ersten Amtszeit drohte Trump, die türkische Wirtschaft zu zerstören, während Erdoğan zum Boykott amerikanischer Technik aufrief und drohte, den für das US-Militär wichtigen NATO-Stützpunkt Incirlik zu schließen. Allerdings war Trump selbst in Zeiten von Spannungen oft nachsichtiger mit der Türkei als der amerikanische Kongress, wo Ankaras Erzfeind Griechenland viel Unterstützung genießt.Trump schickte die türkische Lira auf TalfahrtEin Grund für die Entfremdung zwischen Ankara und Washington war der gescheiterte Putsch in der Türkei vor fast genau zehn Jahren. Erdoğan machte den damals in Pennsylvania lebenden Prediger Fethullah Gülen dafür verantwortlich und forderte dessen Auslieferung. Beweise legte er nie vor. Stattdessen unterstellte er dem „Westen“, aufseiten der Putschisten zu stehen. Während der anschließenden Repressionswelle wurden auch ein Mitarbeiter des amerikanischen Generalkonsulats in Istanbul und der amerikanische Pastor Andrew Brunson festgenommen. Um Letzteren freizupressen, verhängte Trump 2018 Sanktionen und Strafzölle, welche die Lira ins Wanken brachten.Um seine Macht nach dem Putschversuch zu festigen, schaffte Erdoğan 2019 das russische Luftabwehrsystem S-400 an. Mit den Konsequenzen dieser Entscheidung ringt Ankara bis heute. Weil Amerika fürchtete, das System könnte geheime Daten des Kampfflugzeugs F-35 erfassen, verabschiedete der Kongress ein Gesetz, das einen Verkauf des Flugzeugs an die Türkei ausschließt, solange sich das S-400 in ihrem Besitz befindet. Da Moskau mutmaßlich ein Mitspracherecht über den Verbleib des Systems hat, scheint eine Abgabe an die Ukraine oder den NATO-Stützpunkt Incirlik ausgeschlossen.Amerika verhängte 2019 außerdem Sanktionen gegen die staatliche türkische Rüstungsagentur. Auch an dieser Front zeichnet sich Entspannung ab. Im Juni genehmigte Washington den Verkauf von F110-Triebwerken des Herstellers General Electric, ohne die sich die Produktion des ersten türkischen Kampfflugzeugs Kaan um Jahre verzögern würde.„Er kennt sich mit gefälschten Wahlen besser aus als jeder andere“Ein weiterer Grund für die Verwerfungen der Vergangenheit war, dass Amerika und die Türkei im syrischen Bürgerkrieg bis vor Kurzem auf unterschiedlichen Seiten standen. Die USA setzten im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ auf die kurdisch geführte SDF-Miliz. Die Türkei bekämpfte dieselbe Miliz als syrischen Arm der PKK-Guerilla. Die Lage änderte sich erst mit dem Sturz des syrischen Diktators Baschar al-Assad im Dezember 2024. Inzwischen haben die USA ihre Truppen aus dem Land abgezogen. Sie unterstützen den neuen Machthaber Ahmed al-Scharaa und lassen Ankara weitgehend freie Hand.Polen hat, was die Türkei gern hätte: Kampfflugzeuge der Typen F-35 und F-16 fliegen im Juni 2026 über Danzig.EPATrump schien ernsthaft beeindruckt von Ankaras Rolle bei der Machtergreifung Scharaas. Erdoğan habe „Syrien übernommen“, wolle dafür aber keine Anerkennung, sagte Trump im September. Der neben ihm im Weißen Haus sitzende Erdoğan schien von diesem Kompliment ebenso peinlich berührt wie von jenem: „Er kennt sich mit gefälschten Wahlen besser aus als jeder andere.“In Bezug auf Russland ist Erdoğan Trump näher als die Europäer. Er bietet sich immer wieder als Vermittler an. Was nicht heißt, dass ihre Interessen deckungsgleich wären. Trumps Forderung, die Türkei müsse den Kauf von russischem Öl einstellen, ist Ankara nicht gefolgt. Dennoch fand Erdoğan bei Trump ein offenes Ohr für seine Belange. So soll er den amerikanischen Präsidenten im jüngsten Irankrieg am Telefon überzeugt haben, einen israelischen Plan zur Bewaffnung und Mobilisierung kurdisch-iranischer Kämpfer abzublasen.Amerikas Botschafter wäre beinahe ausgewiesen wordenZuvor hatte Trump Erdoğan eng in seinen „Friedensplan“ für Gaza eingebunden, weil der türkische Präsident Verbindungen zur Terrorgruppe Hamas pflegt. Unter Trumps Vorgänger Joe Biden waren dieselben Verbindungen noch ein Grund, Ankara zu misstrauen. Überhaupt waren die Beziehungen unter Biden so frostig, dass der türkische Präsident nicht einmal ins Weiße Haus eingeladen wurde.Auch zu Obama hatte Erdoğan ein gutes Verhältnis: 2015 kam der damalige US-Präsident nach Antalya.APDas lag auch an Bidens Menschenrechtspolitik. Der damalige amerikanische Botschafter wäre 2021 beinahe des Landes verwiesen worden, nachdem er gemeinsam mit seinem deutschen Kollegen und acht weiteren Botschaftern eine Freilassung des Kulturmäzens Osman Kavala gefordert hatte. Als im vergangenen Jahr der Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu verhaftet wurde, kam aus Washington dagegen kein Wort der Kritik. Der aktuelle Botschafter Tom Barrack erzählte kürzlich, Trump habe ihn aufgefordert, Erdoğan das zu geben, was er brauche. „Als ich ihn fragte, ‚Okay, Herr Präsident, was braucht er?‘, sagte er: ‚Legitimität‘.“Auch im Kaukasus überschneiden sich die Interessen beider Länder. Der von Trump propagierte Transportkorridor durch den Süden Armeniens würde die geostrategische Bedeutung der Türkei als Handelsroute zwischen China und Europa aufwerten. „Mittelkorridor“ wird das Projekt in Ankara genannt.80 Prozent der Türken sehen Amerika negativVor Trump war zuletzt Barack Obama in der Türkei. Bei seinem Staatsbesuch 2009 lobte er das Land als „starke säkulare Demokratie“ und als „Brücke zwischen der islamischen Welt und dem Westen“. Obama drängte die Europäer, die Türkei in die Europäische Union aufzunehmen. Das war Balsam für die türkische Seele.Gegen die antiamerikanische Grundstimmung im Land half das aber wenig. Nur 14 Prozent der befragten Türken äußerten 2009 in einer Umfrage des Pew-Instituts eine positive Einstellung zu den Vereinigten Staaten. Heute hat sich das nur geringfügig auf 18 Prozent verbessert. Viele Türken lehnen amerikanische Interventionen in der islamischen Welt ab, kritisieren die amerikanische Unterstützung für Israel und erinnern sich kritisch an Aktivitäten des Geheimdiensts CIA in der Türkei während des Kalten Krieges.Wegen ihrer strategisch wichtigen Lage war die Türkei schon 1952 in die NATO aufgenommen und militärisch von Amerika stark unterstützt worden. Die türkische Invasion in Zypern von 1974 belastete die Beziehungen – und tut dies bis heute. Im Vergleich zu Amerika ist die NATO in der Türkei deutlich beliebter. Sie kommt immerhin auf 42 Prozent Zustimmung.
NATO-Gipfel: Was Trump mit Erdoğan verbindet
Selten waren die Beziehungen zwischen der Türkei und Amerika so gut wie heute. Das liegt an der Chemie zwischen den Präsidenten – und dem Sturz eines Diktators.












