GastkommentarPeter VossEr ist das Gegenteil eines Fanatikers. Eben noch preisgekrönt, jetzt verteufelt – die schändliche Treibjagd auf den Kabarettisten Dieter Nuhr.06.07.2026, 11.30 Uhr4 LeseminutenBildlegende...ARCHIV - 21.10.2020, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Dieter Nuhr, Kabarettist und Comedian, aufgenommen vor einem dpa-Interview. Wer über 2021 einfach nur lachen will, hat im deutschen Fernsehen diesmal noch öfter die Chance als bisher. In diesem Jahr geht der Boom satirischer Rückblicke weiter. (zu dpa "Boom der Comedy-Jahresrückblicke: auch Pocher und Bessin") Foto: Marcel Kusch/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (KEYSTONE/DPA/Marcel Kusch)Marcel Kusch / DPA / KeystoneEins muss man dem Wiener «Standard» lassen: Das Blatt weiss, dass jedes Ding mindestens drei Seiten hat, und zwar von Karl Valentin, der einst festhielt, dass es neben der positiven und der negativen Seite immer auch die komische gebe.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und: «Der Standard» entdeckt sogar eine vierte Seite, die ökonomische. Damit zielen die Blattmacher in Wien nicht etwa auf die eigene publizistische Motivlage, sondern auf den Kabarettisten Dieter Nuhr, dem schon vorher die deutsche Presse von links bis rechts fast unisono vorwarf, Witze über die Ermordung von Frauen zu machen. Was, wenn es denn zuträfe, verwerflich genug wäre, doch vorsorglich unterstellt man ihm noch dazu, dies aus Geldgier zu tun. Geht’s noch schäbiger?MeutenjournalismusDeshalb wollte Nuhrs Produktionsfirma zunächst juristisch gegen den «Standard» vorgehen, was sie nun wohl klugerweise unterlässt. Die Zeitung wiederum sah darin einen Angriff auf die von Nuhr selbst eingeforderte Meinungsfreiheit; schliesslich teile der ja auch kräftig aus, da müsse er auch einstecken können.Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen, allerdings hat Nuhr wohl noch niemandem vorgeworfen, über abscheuliche Verbrechen zu witzeln – und zum angeblichen Beweis Zitate in einer Weise verkürzt, welche die tatsächliche Aussage krass verfälscht. Abgesehen von der rechtlichen Grauzone. Der Herdenjournalismus mache Dieter Nuhr moralisch zur Unperson, schrieb die «Neue Zürcher Zeitung». Ich möchte es Meutenjournalismus nennen: Die Meute hat sich ins Wild verbissen und will es zur Strecke bringen.Der meist gar nicht so wilde Nuhr dürfte sich freilich zu wehren wissen. Er hat sich ja, wie ich leider auch erst in der NZZ lesen konnte, in Wahrheit nur über eine Autorin der «Süddeutschen Zeitung» mokiert, die das Thema Femizid missbrauchte, um Männer «statistisch» als potenzielle Frauenmörder hinzustellen; mit einer solchen Person wolle sie ihr Leben nicht teilen. Mir macht das zwar nichts aus. Doch wenn ein Satiriker dergleichen nicht mehr aufspiessen darf, ohne sich eine Rufmordkampagne einzufangen, wird die Atmosphäre des Sagbaren allmählich dünn in deutschen Landen. Davon profitiert letztlich nur die eine Partei, der ich diesen Profit nicht gönne.RBB kann Empörung «nachvollziehen»Der erwähnte statistische Kontext wird in der deutschen Presse fast durchgängig ignoriert. Dem entspricht auch die gegenüber Nuhr eher laue als loyale Haltung des Senders RBB, der «Nuhr im Ersten» produzieren lässt: Man könne die Empörung «nachvollziehen». Zwar verwies der Sender allgemein auf die Freiheit der Satire, zur inhaltlichen Zurückweisung der falschen Behauptungen über Nuhrs Aussage rang er sich aber ebenso wenig durch wie zum klaren Bekenntnis zur weiteren Zusammenarbeit; stattdessen durfte sich ein Kommentator des RBB öffentlich für Nuhr schämen.Nun wurde der ARD schon früher nachgesagt, sie leiste sich Nuhr nur als liberal-konservatives Alibi; dafür ist dieser heldenhafte Kommentar freilich noch kein hinreichend belastbarer Beleg. Nun wird sich pflichtgemäss der RBB-Rundfunkrat mit dem Thema befassen – schaun mer mal.Was mich an der Kampagne stört und zum Teil verstört, ist die Verlogenheit, mit der sie «begründet» wird. Nur der guten Ordnung halber: Die Behauptung von Kurt Tucholsky, Satire dürfe alles, habe ich schon immer, bei allem Respekt vor dem tapferen Schriftsteller, für abwegig gehalten. Sie wurde übrigens vor geraumer Zeit in deutschen Medien ausgiebig und zustimmend zitiert: als der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann dem türkischen Autokraten Erdogan verbal in die Unterhose griff, weil ihm offenbar zu diesem Finsterling politisch nichts Griffiges, sondern nur Übergriffiges einfiel. Immerhin war da die mediale Einheitsreaktion noch verständlich, denn Böhmermann drohte zunächst die Strafverfolgung durch die deutsche Justiz.Doch auch ich möchte weder von einem Satiriker noch von sonst irgendwem Witze über Menschen hören, die verfolgt, gequält und drangsaliert werden.Und natürlich kann man immer die Geschmacksfrage stellen, nicht nur bei Satirikern. Zum Beispiel auch bei Karikaturisten wie Greser und Lenz, die in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» die Exzesse politischer Korrektheit und woker Weltrettung auf brillant respektlose Weise ad absurdum führen. Da protestieren dann schon einmal Leser gegen vermeintlich zynische Zeichnungen und Texte, die ich grandios finde.Was einen Feuilletonisten des hochkarätigen Blattes jetzt nicht hinderte, heftig gegen den vermeintlichen Nur-Polemiker Nuhr zu polemisieren. Gemeint sein könnte allenfalls dessen ironischer Schluss: «Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr erst einmal kennenlernt.»Leo-Baeck-PreisträgerGeht schon das zu weit? Man muss wahrlich nicht jede Pointe bejubeln, aber die kampagnenhafte Erbitterung, mit der auch in seriösen Medien ein Kabarettist moralisch erledigt werden soll, gerät selbst zum zynischen Witz.Dieter Nuhr ist das Gegenteil eines Fanatikers. Er bläst sich nicht auf, sondern lässt eher gelassen aus der Aufgeblasenheit anderer die Luft heraus und verteidigt einen Common Sense, der nicht das Geringste mit dem «gesunden Volksempfinden» gemein hat, das einst Deutschlands Weg in den Abgrund akklamierend begleitete. Zu Recht hat ihn für sein mutiges Eintreten gegen den alten und den neuen, den rechten und den linken Judenhass eben erst der Zentralrat der Juden in Deutschland mit dem hoch angesehenen Leo-Baeck-Preis geehrt. Wird die Treibjagd auf ihn, über Einzelfälle hinaus, auch deshalb so hasserfüllt unredlich betrieben?Peter Voss, deutscher Journalist und Autor, war u. a. ZDF-Moderator und SWR-Intendant.Passend zum Artikel