Der Kabarettist macht sich lustig über Heterofatalismus, und der Herdenjournalismus erklärt ihn unisono zur Unperson.30.06.2026, 10.53 Uhr5 LeseminutenHat Dieter Nuhr Opfer verhöhnt, wie die Medien behaupten?Marcus Simaitis / LaifDieter Nuhr hat einen Witz gemacht. Er ist Kabarettist. Witze machen ist sein Beruf. Nun hat er einen Sturm der Empörung am Hals. Der tobt nicht nur auf den üblichen Plattformen, sondern führt seit Tagen auch zu aufgeregter Empörung in der breiten deutschsprachigen Medienlandschaft. Die Schlagzeilen: «Dieter Nuhr will Witze über Gewalt an Frauen nicht so gemeint haben», schwurbelt der «Spiegel». «Witz über Femizide, Dieter Nuhr hat nichts verstanden», schwurbelt NTV. «Satiriker Dieter Nuhr erzürnt die Gemüter mit Femizid-Spruch», schwurbelt der «Blick».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dabei erzählen alle etwa die gleiche Geschichte, was Nuhr angeblich in der jüngsten Spezialausgabe seiner Sendung «Nuhr im Ersten» Unbotmässiges gesagt haben soll. Und die geht zusammengefasst so: Nuhr habe in Bezug auf «Femizide», also Mord an Frauen, weil sie Frauen sind, den Frauen selber die Schuld gegeben, somit eine Täter-Opfer-Umkehr betrieben und Opfer und deren Angehörige verhöhnt.Das hat er natürlich so nicht gesagt. Weil Dieter Nuhr ja nicht auf den Kopf gefallen ist. Nuhr hat weder «Witze über Gewalt an Frauen» noch «über Femizide» gemacht. Der Begriff «Femizid», der nun im Kreis herumgereicht wird, kommt in dem Beitrag nirgends vor.Tatsächlich hat sich Nuhr lustig gemacht über Feministinnen, die uns weismachen wollen, dass, statistisch betrachtet, der eigene Partner ein potenzieller Mörder sei.Nuhr geht es in dem Auftritt um die derzeitige Gender-Debatte, die Männer pauschal für «strukturell» toxisch erklärt, sich damit einen pseudowissenschaftlichen Anstrich gibt, um dann alle Männer in den gleichen Topf der Ächtung zu werfen. Damit klar war, was gemeint ist, blendete man als Beispiel eine Sendung des ZDF-Talks «Unbubble» ein, bei der die Frage «Sind alle Männer scheisse?» im Zentrum stand. Diese Frage, ob alle Männer scheisse seien, sei ungefähr auf dem Niveau wie jene, ob Frauen einparkieren könnten, führte Nuhr ins Feld.Das Wort «Femizid» kommt bei Nuhr nicht vorJeder Frauenmord sei natürlich einer zu viel, das sei doch «keine Frage». Aber es gebe in Deutschland eben zig Millionen Männer, und «die Wahrscheinlichkeit, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, ist praktisch null», sagte Nuhr.Damit zielte er auf jene selbsterklärt heterofatalistischen Feministinnen ab, die in letzter Zeit in Geschlechterbeziehungen grundsätzlich eine «real existierende Lebensgefahr» zu sehen pflegen, in die Frauen sich begäben, «sobald» sie «eine Paarbeziehung mit einem Mann eingehen». So stand es in der «Süddeutschen Zeitung» («SZ») zu lesen.Nuhr zitierte die Autorin mit den Worten: «Weshalb sollte ich mein Leben mit jemandem teilen, der mich statistisch schlägt oder sogar tötet?» Er illustriert damit, wie in woken Kreisen Statistiken mittlerweile gerne dazu herangezogen werden, die eigenen Thesen pseudowissenschaftlich zu belegen, und sei das Ganze auch noch so schräg. Eine vornehme Aufgabe der Satire ist es, manches Weltbild zu erschüttern. Die «SZ» hat hier eine Steilvorlage geliefert.Den feministischen Verhältnisblödsinn, der mittlerweile vor jedem Vertreter des männlichen Geschlechts warnt, liess Nuhr schliesslich in einer absurden Pointe aufgehen: «Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr erst einmal kennenlernt. Vielleicht einfach mal fragen, ob er nebenberuflich als Frauenmörder tätig ist.» Nichts von Femizid-Witz, nichts von Gewalt-gegen-Frauen-Witz, sondern ein Absurdum, das auf ein Absurdum antwortet.WutmedienAber nun steht diese Nummer plötzlich für etwas ganz anderes als Feminismus plus Statistik. Es stellt sich hier einmal mehr die Frage, wie viel Humor in der von Wokeismus beseelten Gesellschaft noch geht. Und: Sehen sich die Medien in erster Linie als Hüter der Moral, die Andersdenkende in ein dubioses Licht stellen, um sie einzuschüchtern?Schlagzeilen wie «Wo ist die Cancel Culture, wenn man sie braucht» («Kölner Stadt-Anzeiger») lassen wenig Interpretationsspielraum. «Dieter Nuhr ist kein Komiker mehr», titelt die «FAZ» und unterstellt Nuhr eine «Relativierung von Femiziden». Solchem Wutjournalismus geht es nicht um die Rettung der Frauen, sondern um Rufmord.Den Vogel schiesst diesbezüglich NTV ab. Der Sender will auch berichten und vermeldet nebenbei, Nuhr befinde sich derzeit in den Ferien in Frankreich, «ausgerechnet dem Land, in dem vor wenigen Monaten ein Mann verurteilt wurde, der seine Frau über Jahre betäubte und fremden Männern im Internet für Vergewaltigungen anbot». Zack, ist Nuhr in die Nähe des Falls Gisèle Pelicot gerückt. So arbeiten deutsche Medien mittlerweile.Wo Journalisten sich berufen fühlen, über das Existenzrecht eines Satirikers zu entscheiden, so, wie man in sozialen Netzwerken den Daumen hebt oder senkt, ist die öffentliche Debatte tot.«Comedy is a man in trouble» lautet ein berühmtes Zitat von Jerry Lewis. Man wünschte sich, Dieter Nuhr könnte über das Ganze lachen. Dem ist bedauerlicherweise aber nicht so. Im Gegenteil gibt der Kabarettist als Folge der schweren Vorwürfe auf seinem Facebook-Account eine sehr lange Erklärung ab, was er gesagt hat und was er nicht gesagt hat. Jeder, der mit Kabarettisten spricht, weiss, wie schwierig Satire mittlerweile geworden ist. Mit Dieter Nuhr fühlt sich nun einer der Grossen des Fachs gezwungen, sich zu erklären. Dabei könnte jeder, den die Geschichte interessiert, einfach die ARD-Sendung vom 18. Juni in der Mediathek anschauen.Wenn allerdings Kabarettisten nachlegen müssen, wie es gemeint war, ist der Humor in Deutschland am Ende. Heute sind es die Vertreter einer entgleisten Genderdebatte, die entscheiden wollen, wer was sagen darf, wo Humor anfängt und wo er endet. Und wer ist es morgen?Ein Feminismus aber, der jeden Mann unter Generalverdacht stellt und in ihm einen potenziellen Übeltäter sieht, relativiert Femizide mehr, als jeder noch so dumme Witz es könnte.Von Dieter Nuhr, einem frühen Mitglied der Grünen Partei, stammt ein Beitrag im kürzlich erschienenen Sammelband «Wenn das Denken die Richtung ändert». Darin erklären Intellektuelle, «warum wir nicht mehr links sind». Über seine zunehmende Distanz zu den Linken schreibt Nuhr: «In den 90ern festigte sich mein Bild von einer Linken, die alles andere als dem Ideal entsprach, das sie von sich selbst entwarf. Sie war heuchlerisch, intolerant und alles andere als sozial.» Und: «Bei der Linken hat differenziertes Denken keine Heimat mehr.»Diesen geistigen Niedergang versucht er in seinem Sketch nachvollziehbar zu machen. Der Rachefeldzug folgt sofort und ventiliert genau jene Undifferenziertheit und Intoleranz, die Nuhr beschreibt.Passend zum Artikel