Die Kolleginnen Julia Bellan und Franziska Pröll haben unlängst in einer großangelegten F.A.Z.-Recherche (Femizide vor Gericht: So werden Tötungen an Frauen in Deutschland verurteilt) untersucht, wie Femizide das Angesicht des deutschen Rechtsstaats und der bundesrepublikanischen Gesellschaft prägen. Dabei haben sie eindrucksvoll gezeigt, in wie vielen Fällen die Ermordung von Frauen durch ihre Männer nicht als geschlechtsbezogene Tat erkannt wird, etwa weil Gerichte bei einem Frauenmord kein Kontroll- oder Besitzdenken beim Mörder feststellen. Die Dunkelziffer bei Femiziden ist hoch.In Deutschland fehlt bislang eine bundeseinheitliche offizielle Definition des Begriffs „Femizid“ – folglich gibt es auch keine Sammlung aller Fälle, die sich so kategorisieren lassen. Selbst das Bundeskriminalamt kann keine eindeutige Aussage über die jährliche Anzahl an Femiziden treffen: Es verzeichnet Tatverdächtige, nicht aber die Tatmotivation. Deshalb geht aus ihr auch nicht hervor, wie viele Femizide es in Deutschland tatsächlich gibt. Die Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist, unterscheidet sich von der Tötung einer Frau, weil sie beispielsweise bei einem Raubüberfall hinter der Kasse stand. Die Konstellation, dass das weibliche Geschlecht maßgeblich für eine Tat ist, taucht in Deutschland erschreckend häufig auf – aber wie häufig, darüber herrscht Uneinigkeit.Faesers FalschaussageDie ehemalige Innenministerin Nancy Faeser hat im November 2024 bei der Vorstellung eines BKA-Berichts zu „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten“ mitgeteilt: „Fast jeden Tag wird in Deutschland eine Frau oder ein Mädchen umgebracht.“ Faeser bezog sich auf die Gesamtzahl der Tötungsdelikte an Frauen – und hat damit die Zahl 360 Fälle allesamt zu Femiziden erklärt. Die Daten geben das nicht her. Trotzdem geistert Faesers Falschaussage seither durch viele Medien. Und wurde nun in schändlichem Zusammenhang auch vom Kabarettisten Dieter Nuhr wiederholt.In einer mittlerweile für viel Aufregung sorgenden Passage seiner letzten Comedy-Show nennt er die Faeser-Zahl und stellt sie relativierend den zig Millionen Männern gegenüber, die in Deutschland friedliebend mit ihren Frauen umgingen. Insbesondere der nur im ersten Moment altväterlich klingende Satz „Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr erst mal kennenlernt“ wirkt im Kontext des anzitierten Sachverhalts verleumderisch, denn häufig werden Frauen in Deutschland auch von aktuellen oder ehemaligen Partnern oder deren Umfeld umgebracht. Aber auch außerhalb von partnerschaftlichen Beziehungen finden Femizide statt. Ein besonders schockierendes Beispiel der F.A.Z.-Recherche war etwa ein Fall, in dem ein Vater seine Tochter mit einem Kabel erwürgte, um die Mutter – seine Ex-Partnerin – zu bestrafen.Die Souveränität verlorenEs stellt sich also die Frage, warum ein Comedian zur besten Sendezeit erstens Falschinformationen verbreitet und zweitens meint, daraus einen Witz ableiten zu können. Zur Wut über die Falschaussage gesellt sich der Eindruck, dass es sich beim Absender gar nicht um einen Komiker, sondern um einen Politikaster handelt. Also um jemanden, der politisch dampfplaudert. Nuhr, der inzwischen gefühlt genauso oft zur Gefährdung der Meinungsfreiheit interviewt wird, wie er seine Meinung zur besten Sendezeit frei heraus äußert, erfüllt im Grunde den Typus jenes ehemals links-alternativen Rechts-Renegaten, der über seinen Frust an der moralversauerten Empfindlichkeit der Kultur- und Medienwelt die Souveränität verloren hat, unabhängig und überraschend zu sein.Gespräch über Meinungsfreiheit? Dieter Nuhr (l), Kabarettist und Künstler, und Uli Hoeneß, Ehrenpräsident des FC Bayern, sprechen im Rahmen der Ausstellung «Dieter Nuhr - Woanders ist überall» auf einer Bühne im Bayerischen NationalmuseumdpaDenn der Komiker ist – auch wenn er sich Comedian nennt – eigentlich keiner, von dem man eine Meinung hören will. Er soll in jenem inzwischen arg gefährdeten Zwielicht der Undeutlichkeit changieren und persiflieren und sich dabei zum Anwalt keiner Sache machen, sondern alle Anwälte gleichermaßen ridikülisieren. Über dem Stolz darauf, der einzige nicht linke Spaßvogel bei den Öffentlich-Rechtlichen zu sein, hat Nuhr den Stolz auf seinen eigenen Berufsstand verloren. So befriedigend es sein mag, sich als Anti-Böhmermann zu fühlen – der Vorzeichenwechsel allein macht noch keinen Gewinn.Und so ist die anstandslose Herabwürdigung von Frauen, die durch Männer tödliche Gewalt erfahren, nicht nur genau das: anstandslos. Sie zeugt auch von der Schwäche einer Comedy, die sich selbst zur Alternativzentrale für politische Bildung degradiert und dabei Polemik mit Pointen verwechselt. Sie gibt sich zufrieden damit, wenn Köpfe nicken oder geschüttelt werden – das Lachen aber kommt einem bei ihr nicht einmal mehr bis zum Hals.
Dieter Nuhr und die Femizide: Er ist kein Komiker mehr!
Polemik mit Pointen verwechselt: Dieter Nuhr ist kein Komiker mehr. Er hat die Freiheit zu überraschen verloren und sich selbst zum Politikaster degradiert. Davon zeugt unter anderem seine Relativierung von Femiziden.










