Die Zeitgebundenheit ist ein wesentliches Element jeder historischen Forschung. Und auch heute stellen sich wichtige Fragen: Werden Logiken, nach denen historische Gegenstände definiert, Fragestellungen formuliert und Relevanzkriterien in Anspruch genommen werden, ausreichend kritisch betrachtet? Um hierüber nachzudenken, lohnt der Blick in die Historiographiegeschichte, im Folgenden entfaltet an drei exemplarischen Zeitfenstern. Erstens geht es um „Nation und Fortschritt“ bei Historikern des neunzehnten Jahrhunderts, zweitens um Formen von biographischer Disruption im Zeitalter der Weltkriege, drittens um unsere eigene Gegenwart, in der „Kultur und Identität“ im Mittelpunkt stehen. Jedes dieser Großthemen übt in seiner Zeit eine unwiderstehliche Suggestionskraft aus. Was die Mitlebenden nur diffus als ihr Zeitgeschehen empfinden, verwandelt die Feder des Historikers in begriffene Geschichte, in Narrative, die für die Gegenwart Orientierung schaffen. Und wer den nervus rerum seiner Zeit am kunstvollsten zu packen vermag, fungiert gleichsam als Medium und entfaltet enorme Deutungskraft. Jene aber, die gegen den Strom schwimmen, hegemoniale Deutungsmuster infrage stellen, laufen die Gefahr der akademischen Exklusion.Um in der historischen Übergangsphase um 1800 die altbekannte Spannung von Freiheit und Bindung neu zu justieren, erfand das anhebende bürgerliche Zeitalter die Nation als neue Rezeptur. Entsprechend eng verflochten waren die Biographien der frühen Historiker mit der Idee der Nation und ihres Fortschritts. Thomas Babington Macaulay (1800 bis 1859) wurde auf diese Weise zum wohl berühmtesten britischen Historiker des neunzehnten Jahrhunderts. Seine Gegenwart war gekennzeichnet von wirtschaftlicher Dynamik, erzeugt durch Handel und Industrie, Mehrung gesellschaftlichen Reichtums und Verbreitung von Wissen. So hatten es – von David Hume bis Dugald Stewart – die Vertreter der schottischen Aufklärung über ein Jahrhundert hinweg analysiert und gelehrt. Macaulay, der in dieser Tradition wurzelte, teilte die Ansicht, dass die Geschichte einem solchen zivilisatorischen Fortschritt folge. Dass die britische Geschichte zur bislang höchsten historischen Entwicklungsstufe geführt habe, unterlag für ihn dabei keinem Zweifel.Die Kluft zwischen Fortschritt und VerfassungHinzu kam ein weiteres Erbteil der schottischen Aufklärung, nämlich die Dauerfrage, wie sich die sozialökonomische Dynamik politisch-konstitutionell auswirke: Entfesseln nicht die Einzelinteressen auf dem Markt eine solche Zentrifugalkraft, dass der soziale und politische Zusammenhalt verloren zu gehen droht? Umso sorgenvoller blickte man seit der Französischen Revolution auf die Kluft, die zwischen gesellschaftlichem Fortschritt und erstarrter Verfassung aufbrechen und im schlimmsten Fall zu Revolution, Gewalt und Chaos führen konnte. Macaulay löste dieses Problem durch die Konstruktion der eigenen Nationalgeschichte als Maßstab setzenden Modellfalls. Dreh- und Angelpunkt war die Glorious Revolution von 1688. Die Landung und Krönung Wilhelms von Oranien – des großen Helden Macaulays – setzten den absolutistischen Neigungen der katholischen Stuarts ein Ende. Der kluge Verfassungskompromiss brachte königliche Regierung und gesellschaftliche Repräsentation in eine stabile Balance.Die schrittweise Entwicklung zur parlamentarischen Monarchie im Einklang mit dem zivilisatorischen Fortschritt war also das große Thema von Macaulays Geschichte der Nation. Damit wurde er zum eigentlichen Begründer der „Whig interpretation of history“. Als solcher avancierte Macaulay im House of Commons zum fulminanten Befürworter der Großen Parlamentsreform von 1832. Sein stärkstes Argument für die Erweiterung des Wahlrechts bezog er aus der Warnung, der zivilisatorische Fortschritt könne zerstört werden, wenn das überkommene Regierungssystem nicht mithalte. „Das besondere Glück Englands“, so hob er hervor, „liegt darin, dass, viele Generationen hindurch, die Verfassung mit der Nation fortgeschritten ist.“ Die Bewahrung dieser Balance erheischte die maßvolle Reform.Für Macaulay war also die Französische Revolution die katastrophale Folge einer fehlgeleiteten Geschichte. Für seinen Zeitgenossen Jules Michelet (1798 bis 1874) dagegen, den viele für den bedeutendsten französischen Historiker des Jahrhunderts halten, war die Revolution der Ausgangspunkt, von dem aus sich überhaupt die Geschichte der Nation als Fortschrittsgeschichte schreiben ließ. Macaulay, geschult an der Soziologie der schottischen Aufklärung, betonte die Rationalität und Linearität in der Geschichte; Michelet lebte von der emotionalen Tiefe, der „Wiederauferstehung“ der Vergangenheit. Er schrieb Geschichte als „Romanze“ (Hayden White), in die er seine eigene Persönlichkeit hineinwarf. Geschichtsschreibung wird zur Brücke zwischen der Vergangenheit und dem eigenen Ich der Gegenwart.Das Volk der AuferstandenenMichelet verbrachte den größten Teil seines Lebens in „angestrengter täglicher Arbeit, um Frankreich ein Denkmal zu errichten“, in dem er „Frankreichs Tote auferstehen lassen“ wollte. In seiner siebenbändigen Geschichte der Französischen Revolution (1847 bis 1853) vollendete er seine Vorstellung vom Fortschritt der Nation. Das Werk entstand in einer Zeit des revolutionären Aufbruchs in Europa, einer Gegenwart voller Hoffnungen und Versprechungen und zugleich voller Opfer und Enttäuschungen. Michelet machte nun die kollektiven Akteure – das Volk, die Nation – endgültig zu den Gestaltern der Geschichte. Selbst zum überzeugten Demokraten geworden, suchte er die Wurzeln der eigenen Identität im romantisch überhöhten französischen Volk: Geschichte ist Befreiungskampf, an dessen Spitze der schöpfungskräftige „peuple“ steht. Revolution und Demokratie machen Frankreich so zum Inbegriff des historischen Fortschritts, ein Fortschritt freilich, der nicht linear verläuft, wie bei Macaulay, sondern dialektisch im Sinne der steten Gefährdung und gelegentlichen Überwältigung der Freiheit.Jules Michelet (1798 bis 1874) sagte: „Die Geschichte, die wir törichterweise mit einem weiblichen Geschlecht versehen, ist in Wahrheit ein Mann, und zwar ein rauer und wilder Mann, ein wettergebräunter, staubiger Reisender.“IMAGO/opale.photoSo unterschiedlich Macaulay und Michelet auch waren, so verband sie doch ein entscheidendes Element. Beide vermochten es, der partikularen Geschichte ihrer Nation einen universalistischen Sinn einzuschreiben. Denn wenn die eigene Nation einen gesetzmäßig-zivilisatorischen Fortschritt hervorgebracht hat, dann müsste im Prinzip die Menschheit im Allgemeinen daran partizipieren können. So konstruierte Macaulay die britische Geschichte als Modellfall für die historisch-evolutionäre Harmonie von zivilisatorischem Fortschritt und konstitutioneller Freiheit. Für Michelet war die universale Freiheitskraft der revolutionären französischen Nation selbstverständlich. Frankreich sah er als „patrie universelle“ und Nationen als Universalien, eine Art Zwischenstation zwischen dem „wahren Leben des Einzelnen und dem wahren Leben der Menschheit“. Der solcherart gebildeten nationalen Gemeinschaft anzugehören, verleiht der Gegenwartsexistenz Bedeutung und enthält das Versprechen einer sinnfälligen Zukunft. Damit wurden Macaulay und Michelet in ihrem Land die berühmtesten und meistgelesenen Historiker des neunzehnten Jahrhunderts, ja zu „Propheten ihrer Völker“ (Hans Kohn).Der berühmteste Historiker in Deutschland im neunzehnten Jahrhundert war Heinrich von Treitschke (1834 bis 1896), und vieles verband ihn mit seinen beiden älteren Zeitgenossen in England und Frankreich. Die Vergangenheit so weit aufzuschlüsseln, dass eine Art historischer Gesetzmäßigkeit sichtbar wird, ist charakteristisch; damit der eigenen Nation geschichtliche Bedeutung zu verleihen und sie gleichsam zukunftsfähig zu machen, ist der gemeinsame Impuls, der Macaulay, Michelet und Treitschke verbindet. Aber: Welche nationale Geschichte fanden die deutschen Historiker im neunzehnten Jahrhundert vor? Sie war ja so ganz anders als in England und Frankreich. Weder verfügte Deutschland über eine lang etablierte Verfassung noch über eine große Revolution und schon gar nicht über einen Nationalstaat. Nach 1848 hielten die meisten Historiker die deutsche Geschichte für unerfüllt, defizitär und in dieser Form für nicht zukunftsfähig. Wo also sollten sie die Elemente eines allgemeinen nationalen Fortschritts finden, der ihre Gegenwart historisch stärkte und legitimierte?Leere an nationalem UniversalismusDas ist der Moment, in dem Preußens Stunde schlägt. Angetrieben von den sich seit 1864 erfüllenden Einheitshoffnungen, sucht man nun den Motor des deutschen Fortschritts im Wirken Preußens und seiner Könige. Damit aber reißt eine große Kluft auf zwischen der deutschen und der „westlichen“ Nationalhistoriographie. Denn dem preußischen Machtstaat einen universalen Sinn von Freiheit und Fortschritt einzuschreiben, ist aussichtslos. Viele deutsche Historiker haben daran gearbeitet, indem sie Macht und Kultur zu verbinden suchten und die universale Bedeutung des Protestantismus und der Weimarer Klassik in das borussische Geschichtsbild einfügten. Aber am Ende bleibt es doch bei dem Urteil des Theologen und Kolonialpolitikers Paul Rohrbach, der 1912 eine „große Leere an nationalem Universalismus“ in der deutschen Geschichte diagnostizierte. Das Kaiserreich blieb eine „Großmacht ohne Staatsidee“ (Helmuth Plessner).Dieses Defizit an einer universalisierbaren nationalen Fortschrittsgeschichte beförderte die Tendenz zur Exklusion. Georg Gottfried Gervinus (1805 bis 1871) etwa, Mitglied der Göttinger Sieben und Abgeordneter der Paulskirche, suchte ebenfalls die Gesetze des Fortschritts aus der Geschichte zu deduzieren, kam aber zu ganz anderen Ergebnissen. Die einzig adäquate Konsequenz aus dem Debakel von 1848 schien ihm der Übergang zur Demokratie zu sein. Im preußischen Militärstaat und in Bismarcks Reichsgründung erblickte er hingegen den Keim künftiger Katastrophen. Nach seinem Tode im März 1871 blieben die Nachrufe entsprechend verhalten; und Treitschke schmetterte, Gervinus sei zu einer „doktrinären Unfehlbarkeit“ gelangt, die „in einer Zeit weltverwandelnder Geschicke zuletzt notwendig durch eine tragische Demütigung gezüchtigt werden musste“.„Tragisch gedemütigt“ wurde allerdings weniger Gervinus als vielmehr das 1871 aus der Taufe gehobene preußisch-deutsche Kaiserreich. Die düstere Gegenwartsatmosphäre im Schatten des Vertrags von Versailles trug nicht dazu bei, die deutsche Geschichtswissenschaft methodisch voranzubringen. Ganz überwiegend verharrte sie in dem Käfig, den sie sich selbst durch die Fixierung auf den preußischen Machtstaat errichtet hatte. Kein Zufall daher, dass sich die Geschichtswissenschaft in Frankreich – unbelastet vom Zwang, historische Forschung in den Dienst nationalpolitischer Revision zu stellen – anders und innovativer entfalten konnte als in Deutschland. Pierre Renouvin (1893 bis 1974) etwa hatte als Historiker der Französischen Revolution begonnen, als die disruptive Erfahrung des Ersten Weltkriegs in sein Leben trat. Er ging an die Front und kam 1917 als Invalide zurück. Nun wollte er genau wissen: Was passierte 1914? Was waren die tieferen Ursachen des schrecklichen Krieges? So wurde die Geschichte der internationalen Beziehungen zu seinem Lebensthema. Dabei kam es seiner Geschichtsschreibung sehr zugute, dass sie sich in ständiger, kontrovers geführter Auseinandersetzung mit der Annales-Schule entfaltete.Die tiefen KräfteRenouvin identifizierte kollektiv-historische Wirkungskräfte und verknüpfte sie systematisch mit der politischen Geschichte der internationalen Beziehungen. Von hier aus entwickelte er das Konzept der „forces profondes“, das heißt jener überpersönlichen, „tiefen“ Kräfte und Mechanismen, die langfristigen Einfluss auf die internationalen Beziehungen ausüben. Dazu zählen geographische Grundgegebenheiten und die Bevölkerungsbewegung, ökonomische Motive, finanzpolitische Zwänge und Interessen sowie die kollektiven Mentalitäten und die von ihr beeinflusste öffentliche Meinung. Erst auf der Basis ihrer gründlichen Analyse kann dann auch das konkrete Handeln einzelner Personen, etwa des „Staatsmannes“, adäquat erforscht und beurteilt werden.Nach Hedwig Hintze (1884 bis 1942) ist der Dissertationspreis des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands benannt.Picture AllianceIn Deutschland dagegen führte die Diskussion vergleichbarer Entwicklungen zur Exklusion, vor allem dann, wenn es jemand wagte, das Kaiserreich zu kritisch zu sehen oder sogar abweichende Meinungen zur sogenannten „Kriegsschuldlüge“ zu entwickeln. Das gilt für den Rechtshistoriker Hermann Kantorowicz, der mit seinem Gutachten zur Kriegsschuldfrage vielen zum „Plagegeist“ wurde; das gilt für Veit Valentin, dessen Reputation der Freiburger Ordinarius Georg von Below schon 1917 zerstörte; das gilt für Arthur Rosenberg, den die Berliner Philosophische Fakultät exkommunizierte; und das gilt für Eckart Kehr, von dem Gerhard Ritter meinte, als einer der „für unsere Historie ganz gefährlichen ‚Edelbolschewisten‘“ solle er sich doch nicht in Königsberg, sondern „gleich in Russland“ habilitieren.Ähnliches widerfuhr Hedwig Hintze, geborener Guggenheimer. Sie war einer der bedeutendsten deutschen Spezialisten für die französische Geschichte, insbesondere der Revolutionszeit. Wer ihre Schriften heute liest, ist frappiert von der thematischen Vielfalt, der Frische und Modernität ihrer Herangehensweise. Bei den Berliner „Teegesprächen“ im Hause Hintze brillierte sie in der fachlichen Diskussion, was aber so manchen männlichen Gast eher abstieß, zumal sie sich an den eher „linken“ französischen Revolutionshistorikern Alphonse Aulard und Albert Mathiez orientierte. Hinzu kam, dass sie ohne Wenn und Aber auf dem Boden der Weimarer Demokratie stand, und vielleicht schlimmer noch: Sie verwarf die borussische Geschichtsschreibung und deren Legende von der deutschen Sendung der Hohenzollern.Die Ausbürgerungen hatten eine VorgeschichteAls sie 1928 ihren Antrag auf Habilitation einreichte, musste sich Hedwig Hintze daher große Mühe geben, denn sie stellte ihn aus einer brisanten Intersektionalität heraus: als Frau, als Jüdin und als Gattin des berühmten Historikers Otto Hintze. Letzterer kränkelte schon länger, daher solle sie sich doch – so manch ein Kommentar – eher der Pflege ihres Mannes widmen, als eine universitäre Laufbahn anzustreben. Dass Hedwig Hintze sich dann doch habilitieren konnte, verdankte sie allein ihrer unbestreitbaren Brillanz. Trotz aller Vorbehalte kam niemand umhin, ihre überragende wissenschaftliche Leistung anzuerkennen. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verlor Hedwig Hintze aber wie alle als jüdisch gebrandmarkten Historiker ihre Lehrbefugnis. Sie verließ Deutschland und emigrierte in die Niederlande. Inmitten der beginnenden Deportation der niederländischen Juden starb sie im Juli 1942, wahrscheinlich aufgrund einer Herzschwäche, vielleicht auch aus Verzweiflung über ihr Schicksal.Diese Beispiele zeigen, dass die Tendenz zur Exklusion aus dem Areopag der Geschichtswissenschaft in Deutschland besonders ausgeprägt war. Das gilt im Kern schon für das Kaiserreich und die Weimarer Republik, bevor das NS-Regime zum Verbrechen griff und seine akademischen „Feinde“ vertrieb. Viel zu vielen Historikerinnen und Historikern wurden in Deutschland Möglichkeiten, die sie zu anderen Zeiten gehabt hätten, verschlossen.Dies führt zu unserer eigenen Gegenwart. Eine Historikerin, die über den geschichtlichen Kontext ihrer Forschungen intensiv nachdachte, war die Amerikanerin Natalie Zemon Davis (1928 bis 2023). Wie Hedwig Hintze entstammte sie einer jüdischen Familie und hatte ebenso klare Sympathien für die politische Linke. Auch ihren Forschungsschwerpunkt – das frühneuzeitliche Frankreich – teilte sie mit Hintze. Doch wie tragisch unterscheiden sich Räume und Lebenszeiten, in denen Chancen gestaltet und Entscheidungen möglich werden. Hedwig Hintze starb vorzeitig und einsam im Exil; Nathalie Davis starb 2023 im Alter von fast 95 Jahren, hochdekoriert und am Ende einer brillanten akademischen Laufbahn.Vom Sandkasten zum LesesaalDavis war eine der Begründerinnen der neuen Kulturgeschichte. Aber man würde sich täuschen, vermutete man bei ihr eine linear verlaufende Karriere. Gemeinsam mit ihrem Mann Chandler Davis, einem bekannten, politisch engagierten Mathematiker, geriet sie in den Sog des McCarthyismus. Und während ihr Mann seine Stelle verlor, ein halbes Jahr ins Gefängnis musste und einen langen Existenzkampf gegen die amerikanische Justiz führte, zog Natalie Davis drei Kinder auf und verfasste ihre Dissertation. Sie gehörte damit zu jener Generation von Historikerinnen, die zwar Karriere machten, sich dafür aber gegen vielfältigste Widerstände durchsetzen mussten. So stieß sie auf Vorurteile, die in den Fünfzigerjahren noch weit verbreitet waren: antisemitische Ressentiments und Skepsis gegenüber berufstätigen Müttern. Dabei wurde sie, wie sie im Rückblick sagte, „sehr geschickt im unmittelbaren Wechsel vom Sandkasten zum Lesesaal“. Kinder zu haben, habe ihr als Historikerin sehr geholfen. „Es machte mich menschenfreundlicher, belehrte mich über Psychologie und gab abstrakten Wörtern wie ‚materielle Bedürfnisse‘ und ‚der Körper‘ fassbaren Inhalt.“In ihrem breiten Œuvre widmete sich Davis in erster Linie Menschen, die bis dahin unsichtbar und anonym geblieben sind. Sie suchte die „Agency“ von Bauern und Frauen, Lehrlingen und Tagelöhnern, religiösen Minderheiten und marginalisierten Gruppen. Davon handelt auch ihr berühmtestes Buch über die spektakuläre Betrugsgeschichte und die Rückkehr des Martin Guerre im Südfrankreich des sechzehnten Jahrhunderts. Unter dem Vergrößerungsglas der Prozessakten werden kulturelle Normen und dörfliche Gemeinschaft, Identität und Geschlecht exemplarisch sichtbar.Keinesfalls zufällig beschäftigte sich Davis daher eingehend mit der Geschichte der Frauen. Ihre eigene Erfahrung als Frau und Mutter in einem keineswegs besonders benevolenten universitären Umfeld trug dazu ebenso bei wie ihr Engagement für „einfache“, in der Geschichte kaum sichtbare Leute. Vor einer ideologischen Vereinfachung bewahrte sie stets ihre unbestechliche Professionalität als Wissenschaftlerin. Weder gibt es für sie eine allgemeine Theorie der Kultur- und Geschlechtergeschichte, noch reicht es aus, die Biographien einzelner Frauen aneinanderzureihen. Der Geschlechtergeschichte kommt vor allem eine epistemische Funktion zu: Sie soll dazu beitragen, zentrale Themen zu überdenken wie „Macht, Sozialstruktur, Eigentum, Symbole und Periodisierung der Geschichte“.Konsum und IndividualisierungDas Werk von Natalie Davis zeigt uns, dass der sogenannte Cultural turn ein Reflex unserer eigenen Zeiterfahrung ist. Der Aufschwung der Geschlechtergeschichte ist nicht ohne den kollektiven und weltweiten Aufbruch der Frauen auf ihrem weiten Weg zur Gleichberechtigung zu begreifen. Die breit gefächerte Geschichte der Medien und des Konsums reflektiert unsere eigene Erfahrungswelt, in der wir ja in beispielloser Weise mit der Überflutung durch materielle und audiovisuelle Reize konfrontiert sind. Die Geschichte bislang unsichtbarer Gruppen und Individuen, aber auch subjektiver Wahrnehmungen und symbolischer Kommunikationsformen hängt zusammen mit den Prozessen der Individualisierung und Entnormativierung, deren Kinder wir sind. Postkoloniale Ansätze und Subaltern Studies gewinnen ihre Bedeutung durch Globalisierung und gesteigerte Migration. Alle diese überwiegend neuen Themen sind beides: Spiegel unserer Zeit und immenser Fortschritt der Geschichtswissenschaft.Aber der Rückblick auf die Geschichte der Geschichtsschreibung kann auch den kritischen Blick für heutige Ambivalenzen schärfen. Denn der „Sehepunkt“ der Gegenwart trägt immer und unaufhebbar die Möglichkeit des Irrwegs zur selbstbezogenen Subjektivierung in sich. Ein Teil des Cultural turn hat solche ohnehin immer bestehenden Tendenzen verstärkt. Im Extremfall entsteht ein autopoietisches System, das sich aus seinen eigenen Elementen heraus immer wieder neu reproduziert. Für die Geschichte als Wissenschaft tut sich auf diese Art und Weise einmal mehr die altbekannte Falle auf, sich als Identitätsressource missbrauchen zu lassen – vor allem dann, wenn sie sich umstandslos an die Erinnerungskultur ketten lässt. Wird Geschichte aber zum Zulieferbetrieb für Identitätskonstruktionen, wirkt sie am Ende antiemanzipativ. Sie wird zum Kerker identitärer Selbstbezüglichkeit.Diesem Irrweg, der im Verhältnis von Geschichte und Gegenwart immer enthalten ist, gilt es, sich entgegenzustellen. Eine moderne Geschichtswissenschaft, die sich ihrer Zeit- und Standortgebundenheit bewusst ist, wird daher verschiedene Sehepunkte zusammenführen und damit zugleich die Exklusion anderer Perspektiven vermeiden. Pluralismus wird zur Methode, historische Erkenntnis multiperspektivisch, ergebnisoffen und emanzipativ. Dann wird man vom Aussichtsturm der Geschichte mehr erblicken als nur die eigene subjektive Gegenwart.Andreas Wirsching war von 2011 bis 2026 Direktor des Instituts für Zeitgeschichte. Der vorliegende Text ist die gekürzte Fassung der Droysen-Lecture, die er auf Einladung des Fördervereins des Instituts für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin am 27. Mai 2026 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hielt.