Das lange Kleid stört, und Rose rafft es mit knapper Geste zusammen. Eben hatte sie noch behauptet, nicht tanzen zu können, jedenfalls nicht so. Jetzt tanzt sie mit Jack (Leonardo DiCaprio) irischen Folk. Die reiche, wohlerzogene, eingesperrte Rose (Kate Winslet) wird den Saum ihres Kleides während ihres Aufenthaltes auf der Titanic noch mehrfach raffen, immer dann, wenn die Dinge hochdramatisch werden. „Ich bin größer als du“, sagt das Leben zu ihrem Kleid. Und das Kleid, nicht dumm, antwortet: „Okay, ich mache mit.“Was, wenn diese kleine Unterhaltung gerade wieder zu hören wäre? Nicht Wort für Wort und auch nicht mit dieser leidenschaftlichen Wucht, aber vielleicht als Wunsch nach Veränderung.Auf der Stoffoberfläche herrscht Bewegung. Blusen, Shirts und Kleider mit gerafften Passagen in Taillenhöhe, Wasserfall-Dekolletés, Drapings kreuz und quer über die Garderobe verteilt. Von Bally beispielsweise gibt es in dieser Saison einen schwarzen Rock, der ein Mini wäre, wenn der asymmetrische Saum nicht zu einer seitwärts drapierten Schleppe auslaufen würde. Das Model trägt ihn zu schwarz glänzenden Halbschuhen und einem violetten Bikinioberteil. Wo will sie damit bloß hin?

Die Frage mutet wahrscheinlich albern an. Ist es nicht offensichtlich? Wir haben es mit einem dieser körperbetonten Streetlooks für Gen Z zu tun. Mit der Lust auf optische Überlegenheit und einem Styling, das glaubt, alles kontrollieren zu können. Okay. Was aber, wenn es sich anders verhält? Was, wenn da vorne das Meer wartet?Ein kurzer Beinkick, und die Schuhe fliegen durch die Luft. Der Rock ist ja schon hochgerafft, wusch, die erste Welle kommt.Das Tolle an Drapierungen ist, dass sie szenisch anmuten und sofort anfangen, die Phantasie zu beschäftigen. Als hätte das Leben selbst nach dem Kleid gegriffen und es gezwickt. Drapierungen sind wie ein Auftakt. Jede Minute könnte etwas Überraschendes, nicht Programmierbares geschehen. Die Liebe. Der Sommer. Tippen Sie „Drapierungen“ und „Fashion“ ein, Sie werden die entsprechenden Schlagzeilen der Modewelt finden.In schwierigen Zeiten kommt die Mode mit der GöttinDas heißt, Sie finden die Zusage, dass Sie mit jeder Art von Stofffalte, Raffung, Drapierung oder seitlichem Twist momentan goldrichtig liegen. Die skulpturalen Effekte können ganz deutlich sein oder als kleine Ostseewellen anschwappen. Auch plisseeähnliche Falten und Drapierungen im Geist von Madame Grès sind willkommen, damit allerdings geht es nicht zum Strand, sondern in den Olymp.Schwierige Zeiten rufen gern nach der Göttin. 2003, im Jahr, als der Irakkrieg begann, zeigte das Costume Institute des Metropolitan Museum of Art in New York unter dem Titel „Goddess“ eine Ausstellung, die den eskapistischen Wunsch nach Glamour dokumentierte. Nach der Erschütterung von 9/11 hatte die Mode zunächst mit strenger Selbstzurücknahme reagiert. Nun waren Kleider wie Tom Fords Bandagenwerk aus Chiffon für Yves Saint Laurent en vogue. Kleider, welche die griechische Göttin Artemis sicherlich gern auf der Jagd getragen hätte. Ebenfalls virtuos: ein tänzerisch leichtes Chiffonkleid von Hussein Chalayan (2002). Oder ein vom antiken Chiton, dem Gewand der alten Griechen, inspiriertes Sommerkleid aus dem Haus Dolce & Gabbana (2003). Alles Schwere soll abfallen, jedes Klein-Klein verbannt sein. Die instabile Realität verwandelt sich in traumwandlerische Sicherheit. Es ist die Spezialität der Drapierungen und Raffungen und skulpturalen Effekte: Sie suspendieren die Zeit, versetzen den Look in eine seltsam zeitlose Bewegung.„Wie froh bin ich, daß ich weg bin!“ Der berühmte, erste Satz aus Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ könnte passen. Gründe genug gibt es, um von der Wirklichkeit Reißaus zu nehmen. Übrigens ist die Göttin der Stunde nicht Artemis, sondern Aphrodite. Die ewig Schöne und Begehrenswerte. Auf der Met Gala erschien sie in Gestalt der Schauspielerin und Drehbuchautorin Ayo Edebiri in einem sagenhaften Kleid von Chanel. Zwei kleine Vogelfigurinen hielten ihr drapiertes Dekolleté auf den Schultern zusammen. Ein Detail, das deutlich auf die Göttin verweist. Denn Tauben gehören zu ihrem Gefolge. Romantisch. Ist das das richtige Wort?Man kann sich ein wenig vor den Klischees fürchten, die jedes Mal mitgeliefert werden, wenn es um Mode geht, die romantisch anmuten soll. Jemand will einfach nur geheiratet werden, will das perfekte Foto für Instagram produzieren, will in ein Bild passen, das die Gesellschaft Glück nennt. Es ist genauso wie mit jener Gen-Z-Erklärung. Sie greift immer zu kurz.Nein, Kleider sind keine beliebig beherrschbaren Objekte, die genau das tun, was man ihnen sagt. Kleider sind Katzen, und selbst das einfachste T-Shirt behält sich manchmal vor, nicht mitzumachen. Tops mit seitlichem Twist sind noch eigensinniger und drapierte Kleider fast schon Wildkatzen. Die Mode bietet damit Risiko statt Romantik. Aber auch einen Tanz, den man einfach mal tanzen könnte.