Das Alter hinderte ihn damals nicht daran, sich für den finalen Kampf noch einmal hochzutrainieren und oben ohne zu zeigen, mit einem Körper, der nach wie vor in Marmor gemeißelt wirkte, mit allen Falten und Adern, die das Alter nun mal hineinzeichnet. Am 6. Juli nun wird Stallone 80 Jahre alt, den Money Shot seiner frühen Filme, also die Aufnahme mit nacktem Oberkörper, spart er sich mittlerweile. Dabei wirkt er zumindest vom Hals abwärts so, als sei er weiterhin in bemerkenswerter Verfassung, fitter als mancher 30-Jährige. So alt war Sylvester Enzio Stallone, als er Rocky 1976 zum ersten Mal spielte. Ein fast schon gescheiterter Schauspieler, der ebenso wie sein boxender Held noch eine letzte Chance bekommt. IMAGO/FSN-K/IMAGO/Capital PicturesDas Foto aus dieser Zeit zeigt ihn mit dieser Unsicherheit im Blick, die nicht nur Rocky so liebenswert machte, sondern die auch Stallone selbst gespürt haben muss. Außer ein paar Nebenrollen war ihm bis ins Jahr 1976 nichts geglückt, ein mit der Geburtszange beschädigter Nerv im Gesicht schränkte seine Mimik ein, kaum jemand glaubte, dass er es als Schauspieler schaffen würde. Trotzdem weigerte sich Stallone, das „Rocky“-Drehbuch, das er sich selbst auf den Leib geschrieben hatte, zu verkaufen, wenn er nicht die Hauptfigur spielen durfte. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte.Es gehört zur Heldenreise des Sylvester Stallone, sich öffentlich über sein Leben zu wundernDer große Geschichtenerzähler Stallone wird bis heute nicht müde, von dieser Anfangszeit zu erzählen und sich dabei über sich selbst lustig zu machen. Als sein Filmpartner Carl Weathers starb, der Rockys Nemesis Apollo Creed spielte, erinnerte Stallone daran, wie Weathers sich nach den Probeaufnahmen beschwerte, dass er viel besser performen könnte, wenn man ihm einen Profischauspieler gegenüberstellen würde – und nicht den damals unbekannten Stallone.Es gehört zur Heldenreise des Sylvester Stallone, sich öffentlich über sein Leben zu wundern, über Rocky und Rambo, die ihn zu einem globalen Superstar machten, was ihn streckenweise durchdrehen ließ. Er kaufte sich weiße, bodenlange Pelze, fuhr Sportwagen und heiratete das dänische Model Brigitte Nielsen, die sich damals gerade als weibliche Action-Darstellerin versuchte. Um sie zu umgarnen, schrieb er ihr sogar eine Rolle in den vierten „Rocky“-Teil hinein. Die Ehe hielt keine zwei Jahre.Stallone erzählt überaus unterhaltsam von den Irrwegen und Misserfolgen, die sein Leben ebenso geprägt haben wie die Erfolge. Dabei ist die ewige Konkurrenz mit Arnold Schwarzenegger, dem anderen großen Körperdarsteller der 1980er-Jahre, immer wieder eine Quelle für Anekdoten. So hatte Schwarzenegger vor Stallone eine Affäre mit Brigitte Nielsen, als die beiden in Italien den Fantasy-B-Movie „Red Sonja“ drehten, was ihre Attraktivität für Stallone wohl enorm steigerte.„Hass ist schon der richtige Ausdruck“, sagte Stallone über seine Konkurrenz mit Arnold SchwarzeneggerDie Konkurrenz gipfelte Anfang der Neunzigerjahre darin, dass Schwarzenegger seinen härtesten Konkurrenten so lange glauben ließ, dass er selbst die Hauptrolle in dem Film „Stop! Oder meine Mami schießt!“ spielen würde – bis Stallone schließlich zusagte. Es wurde einer seiner größten Flops, kommerziell und künstlerisch. „Hass ist schon der richtige Ausdruck“, sagte Stallone über diese Rivalität noch im vorvergangenen Jahr beim US-Talkmaster Jimmy Fallon, auch wenn die alten Actionhelden mittlerweile lange versöhnt sind.Über die Jahre wurde es für die echten Fans zur Prüfung, ihm filmisch zu folgen, von 1976 bis heute, über sechs „Rocky“- und fünf „Rambo“-Teile. Auf die gelungene Wiederbelebung der Rocky-Saga im sechsten Teil und in „Creed“ folgten wieder erschütternd schlechte Fortsetzungen. Ebenso steuerte die „Expendables“-Serie, ein Ex-Actionhelden-Ensemblefilm mit Dolph Lundgren, Bruce Willis – und Arnold Schwarzenegger – nach einem lustigen ersten Teil zügig in den Stumpfsinn.Trotzdem gelang es Stallone stets, sich immer wieder neu zu erfinden, zuletzt als „Tulsa King“. In der Crime-Comedy-Serie spielt der sichtliche gealterte Stallone seit 2022 einen Mafia-Gangster namens Dwight Manfredi, der aus der Zeit gefallen ist. Wie immer bei Stallone legt sich die echte Person über den Seriencharakter, wenn Manfredi nach 25 Jahren im Knast auf eine Welt losgelassen wird, in der alle achtsam und rücksichtsvoll sein sollen. Darüber hatte sich Stallone schon 1993 in seinem damals mindestens zweiten Comeback als „Demolition Man“ lustig gemacht.„Glaubst du, irgendjemandem ist es nicht scheißegal, was dein Hauptfach ist?“, fragt Stallone/Manfredi in der Serie seinen jungen Fahrer. „Der Sinn eines Hochschulabschlusses besteht darin, einem potenziellen Arbeitgeber zu zeigen, dass du vier Jahre hintereinander irgendwo aufgetaucht bist und eine Reihe von Aufgaben einigermaßen gut und pünktlich erledigt hast.“ Das fasst wohl auch den Geisteszustand von Stallone ganz gut zusammen, der oberhalb des Halses eben doch 80 Jahre alt wird und mit dem Heute ringt, wie viele ältere Menschen. Die Zeit bleibt unbesiegt.So wurde von den Dreharbeiten zur zweiten Staffel von „Tulsa King“ berichtet, dass Stallone einige Hintergrunddarsteller beleidigt habe und die Produktionsfirma Paramount deswegen eine Untersuchung einleiten musste. Wie unter anderem das US-Unterhaltungsmagazin Variety schrieb, bezeichnete Stallone einige der Statisten als „hässlich“ oder als „dicken Mann mit Gehstock“ und wünschte sich „hübsche, junge Mädchen“ in der Szene. Um die Aufregung einordnen zu können, sollte man wissen, dass die Szene laut Drehbuch in einem „hippen, jungen Nachtclub“ spielt. Man kann Stallone also schon verstehen, unnötig grob formuliert ist es trotzdem.Dieses Fremdeln mit allem, was als „woke“ gilt, gerade in Hollywood, mag auch der Hintergrund dafür sein, dass Sylvester Stallone sich gemeinsam mit den ebenfalls reif und reaktionär gewordenen Kollegen Mel Gibson, 70, und Jon Voight, 87, vom US-Präsidenten als Sonderbotschafter hat einspannen lassen, um die US-Filmindustrie „wieder größer, besser und stärker zu machen, als sie jemals war“, wie Donald Trump bei der Ernennung auf seinem sozialen Netzwerk schrieb. Geschehen ist seitdem wenig, denn die Produktionen wandern vor allem aus Kostengründen ins Ausland ab, nicht weil Hollywood zu liberal geworden ist. IMAGO/Kay Blake/IMAGO/ZUMA Press WireDas Leiden an der Jetztzeit sieht man Sylvester Stallone mittlerweile auch im Gesicht an. Während seine schiefe Lippe und das Nuscheln aufgrund des Geburtszangen-Unfalls zu seinem Markenzeichen wurde, hat der gealterte Star sich mittlerweile wohl doch einige Schönheitsoperationen angetan, auch wenn er das abstreitet. Seine extrarunden Filler-Bäckchen lassen darauf schließen, dass er zumindest die Wangenknochen mit Hyaluronsäure aufbauen lässt, was abgesunkene Gesichtspartien zwar anhebt, die Behandelten aber wie alte Säuglinge aussehen lässt, wenn man es übertreibt.Nun ja. Es geht im Leben nicht nur darum zu gewinnen, „es geht darum, wie viel man einstecken kann und ob man trotzdem weitermacht“ – so hat Sylvester Stallone es sich als Rocky selbst in den Mund geschrieben. Das Alter ist nicht zu allen Menschen gleich freundlich. Sein ewiger Konkurrent Arnold Schwarzenegger ist inzwischen zum weisen Botschafter von grüner Energie und Fitness im Alter geworden. Doch man sollte den großen Geschichtenerzähler Stallone auch mit 80 Jahren nicht abschreiben, es kann durchaus sein, dass er sich noch mal neu erfindet. Wie erwidert er als gealterter Rocky Balboa in seinem letzten Kampf, als ein junger Boxer ihm sagt, er habe bereits verloren? „Es ist nicht vorbei, bis es vorbei ist.“Weitere Teile aus unserer Serie können Sie hier nachlesen.