Yin und Yang – die Doppelspitze mit Evenepoel und Lipowitz ist für dieses Team an der Tour de France entweder Dilemma oder LuxusDer Belgier 2024, der Deutsche 2025 – beide sind sie an der Frankreich-Rundfahrt schon auf das Podest gefahren. Nun plant das Team Red Bull-Bora-Hansgrohe mit den Co-Captains Evenepoel und Lipowitz den Angriff auf den Gesamtsieg. Kann das gutgehen?06.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenRemco Evenepoel (links) und Florian Lipowitz an der Fahrerpräsentation in Barcelonas Zentrum.Tomas Sisk / ImagoFragen wie diese bringen Remco Evenepoel in Rage. Evenepoel, der zweifache Olympiasieger, sitzt kurz vor dem Start zur Tour de France im Recinte Modernista de Sant Pau in Barcelona. In diesem ehemaligen Spital mit maurischen Mosaiken an der Decke gibt er Medienschaffenden Auskunft über seine Ziele bei der wichtigsten Rundfahrt des Jahres.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Neben dem 26-jährigen Belgier sitzt sein Teamkollege Florian Lipowitz. Jemand fragt Evenepoel, was er vom 25-jährigen Deutschen lernen könne. Evenepoel fasst das offenbar als Majestätsbeleidigung auf und antwortet: «Nichts. Ich bin zufrieden, wie ich bin. Ich frage Sie ja auch nicht, was Sie von einem Ihrer Journalistenkollegen lernen können.» Der Ton ist gesetzt, bleibt frostig.Auf dem Podium sitzen zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Da ist einerseits der genervte Evenepoel, mit Hang zur Arroganz, ein meinungsstarker, lauter Radprofi, ein Superstar im Peloton. Daneben Lipowitz, freundlich, scheu; er erweckt den Anschein, als fühle er sich im Rampenlicht nicht sonderlich wohl. Einer der Trainer ihres Teams nennt Evenepoel und Lipowitz «Yin und Yang».In der chinesischen Philosophie steht dieser Begriff für zwei Pole, die sich aber nicht bekämpfen, sondern ergänzen. Umgemünzt auf den Radsport, heisst das: Beide sollen sie an dieser Tour um den Gesamtsieg kämpfen und sich dabei unterstützen. Das hat ihr Team Red Bull-Bora-Hansgrohe so beschlossen. Je nach Interpretation ist das ein Luxus, «Yin und Yang» – oder ein Dilemma.Als Lipowitz’ Stern aufgeht, buhlt das Team schon um EvenepoelEvenepoel stand vor zwei Jahren in Paris auf dem Tour-Podest, war Dritter hinter Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard. Er nährte die Hoffnung seiner radsportverrückten Landsleute, dass erstmals seit 1976 wieder ein Belgier die Tour de France gewinnen könnte. Evenepoel ist ein Multitalent, ein Tausendsassa auf zwei Rädern: Weltmeister im Strassenrennen, dreifacher Weltmeister im Zeitfahren, Doppelolympiasieger in Paris. 2022 bewies er mit dem Gesamtsieg an der Vuelta, dass er auch über die Ausdauer für dreiwöchige Rundfahrten verfügt.Im vergangenen Jahr wollte Evenepoel, damals noch im Trikot von Quick-Step, im Kampf um den Gesamtsieg mitmischen. Er scheiterte krachend, gab die Rundfahrt sogar auf. Anders erging es Lipowitz, einem ehemaligen Biathleten, dessen Stern an ebendieser Tour aufging. Der Deutsche wurde 2025 wie zuvor Evenepoel Gesamtdritter. Doch zu dieser Zeit buhlte das Team Red Bull-Bora-Hansgrohe schon um die Dienste des belgischen Superstars. Dem Vernehmen nach kassiert Evenepoel bei der deutschen Mannschaft ein Grundgehalt zwischen 5 und 6 Millionen Euro pro Jahr.Doppelspitzen gelten als Wagnis, als taktischer Plan, der zwischenmenschliche Probleme in eine Mannschaft bringen kann. Vor allem dann, wenn die Taktik wie bei Red Bull-Bora-Hansgrohe schon vor der Rundfahrt definiert wurde. Die Equipe hat damit im vergangenen Jahr durchzogene Erfahrungen gemacht, damals war nebst Lipowitz der Slowene Primoz Roglic als Co-Captain vorgesehen. Roglics Unterstützung für seinen Teamkollegen hielt sich allerdings in Grenzen.An der Katalonien-Rundfahrt geht der Plan aufDieses Jahr soll alles besser werden: «Wir wissen schon länger, dass wir zusammen fahren werden. Wir sind auf die Situation vorbereitet», sagt Evenepoel. Auch Ralph Denk, der Gründer und Teamchef, sieht in der Doppelspitze kein Problem. Er sagt, er sei überzeugt, dass diese Herangehensweise funktioniere. «Nach wie vor ist Evenepoel der Frontmann und Lipowitz der ‹Wingman›.» Im Rennen seien die beiden gleichberechtigt. Der Tag werde kommen, an dem die «Strasse entscheidet». Lipowitz gilt in den hohen Bergen als stärker, an classiqueähnlichen Etappen und im Zeitfahren liegen die Vorteile bei Evenepoel.An der Katalonien-Rundfahrt Ende März startete die Equipe erstmals mit beiden Captains zu einem Etappenrennen. Und bald einmal entschied die Strasse. Nachdem Evenepoel gestürzt war, unterstützte er Lipowitz in den verbleibenden Etappen; der Deutsche beendete die Rundfahrt auf Rang drei. «Wir haben neue Seiten von Evenepoel gesehen, in diesem Fall als Edelhelfer von Lipowitz», sagt der Teamchef Denk.Auf die Situation an der Tour de France haben sie sich mit gemeinsamen Trainingslagern vorbereitet. Und sind sich danach an Wettkämpfen aus dem Weg gegangen. Lipowitz startete zur Tour de Romandie und war einer der wenigen, die dem Tour-Favoriten Pogacar an den Anstiegen zu folgen vermochten. Danach triumphierte er souverän an der Slowenien-Rundfahrt. Evenepoel hingegen hat seit Ende April kein Rennen mehr bestritten. Er unterzog sich einem Höhentrainingslager mit stundenlangen harten Ausfahrten und einer strikten Gewichtskontrolle.Das erste Ziel am Tour-Start in Barcelona hat Red Bull-Bora-Hansgrohe verpasst. Der Zeitfahrspezialist Evenepoel sollte im Teamzeitfahren zum Auftakt ins Leadertrikot fahren. Der erste Träger des Maillot jaune heisst aber Jonas Vingegaard. Der Däne verteidigte die Spitzenposition am Sonntag. Evenepoel liegt nach zwei Etappen im Gesamtklassement auf Rang drei, Lipowitz ist Achter. Die Entscheidung auf der Strasse steht noch aus.Passend zum Artikel