Die Geschichte der Midlife-Crisis ist womöglich eine Geschichte voller Missverständnisse. Jahrzehntelang galt sie als nahezu naturgesetzliche Erscheinung des männlichen Lebens und wurde zwar belächelt, aber kaum hinterfragt. Es war eben so: Männer und Frauen sahen Anfang der 50er irgendwann rot, die einen, weil sie Hitzewallungen bekamen, die anderen aber, weil sie den Drehzahlmesser ihres neuen Sportwagens in den Rotbereich trieben, um damit möglichst schnell ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Der Begriff dieser Lebensmitteunverträglichkeit ist eigentlich recht jung, er entstand in den 1960er-Jahren, als der Psychoanalytiker Elliott Jaques eine Phase definierte, in der Menschen, und sogar Männer, erstmals ernsthaft ihre eigene Endlichkeit wahrnehmen und deshalb schlecht draufkommen. Später untermauerten Forscher wie der Ökonom David Blanchflower dieses protokollarische Unglück durch das Auswerten von Zufriedenheitsdaten aus vielen Ländern. Er konstatierte dabei die berühmt gewordene, u-förmig verlaufende Glückskurve, deren Enden in Jugend und im Alter relativ hoch stehen, die aber ungefähr ab Mitte 40 für ein paar Jahre total durchhängt. Die Gründe für das Tief sind bekannt: Das Familienleben und der Job zehren in dieser Altersklasse an den Nerven, Jugendlichkeit lässt sich beim besten Willen nicht mehr simulieren, die schmerzhaften Abschiede werden mehr und die schönen Premieren weniger. Das und noch ein paar individuelle Eintrübungen also führten zur sprichwörtlichen Midlife-Crisis, die Männer der Boomer-Generation und noch Ältere mit Konsum bekämpften: Porsche oder Motorrad vor die Tür, die Rolex an den Arm, die Finca auf Mallorca, und dann mit Vollgas und roter Hose ins Pacha! Ein neuer Lebensstil sollte die Strauchelnden mit Geld und Gewalt aus dem Jammertal reißen. Rechtfertigung: Mann lebt nur einmal. Das hatte oft eine dödelige Dramatik und sah für Beobachter aus wie eine zweite Pubertät.Heute ist das ein bisschen anders, die Klischees haben sich verändert und die Statussymbole auch. Konsumistische Anzeichen für eine moderne Lebenskrise sind heute der Erwerb einer sehr teuren Espressomaschine oder ein hochgerüstetes Gravelbike im Flur. Zumindest gilt das, wenn man den hämischen Witzen der Gen Z im Netz glaubt, die ihre Vorgängergeneration derzeit genüsslich beim Gang vor die Hunde beobachtet. Auch Small Talk über Sauerteigkulturen, ein Hochleistungs-Pizzaofen und ein gerade begonnenes Marathontraining gehören demnach zu den zeitgemäßen Symptomen dafür, dass sich jemand an den eigenen Haaren aus dem Sumpf der Lebensmitte reißen möchte. Ferner: Ein nachgeschobenes Panikbaby (wohlgemerkt mit der gleichen Frau wie die anderen Kinder) mit Ende 40 oder aber, wenn das nicht mehr klappt, wenigstens ein kindskopfgroßes Tattoo mit Anfang 50.Die neuen Sehnsuchtsobjekte müssen Konsum gleichzeitig zu einem Projekt machenDer Sportwagen auf dem Parkplatz ist jedenfalls nicht mehr unbedingt das Schmerzmittel der Wahl. Warum? Sicher nicht, weil Männer mit der Zahlenreihe 911 nichts mehr anfangen können, sondern eher, weil der Wagen zu offensichtlich wurde, sozusagen ein Opfer seiner eigenen Klischeehaftigkeit. Das Auto als Überbringer einer Erfolgsbotschaft funktioniert heute insgesamt nur noch bedingt, sei es nun ein Porsche oder eine G-Klasse. Es sagt einfach nicht mehr viel über den tatsächlichen Status eines Mannes aus, wenn schon überall die Jüngelchen mit den gewaltigsten AMG-Motoren vorfahren. Man denkt angesichts einer großen Karre jedenfalls nicht mehr vorrangig: Der hat es geschafft. Sondern eher: Der hat das geleast.Szene-Flori im Glück: Seine erste Profi-Maschine! All mauritius images/mauritius images/Panther MediaModerne Mittelschichten in westlichen Ländern bevorzugen subtilere Formen der Selbstdarstellung. Männliche Statussymbole sollen heute nicht vorrangig die Botschaft „Kohle“ oder „Karriere“ ausstrahlen, sondern vor allem die Botschaft: „Kompetenz“. Deshalb also erlebt seit einigen Jahren eine merkwürdige Kategorie von Objekten einen Midlife-Boom: Dinge, die Expertenwissen verlangen oder eine persönliche Passion spiegeln. Denn die Distinktionsgleichung der mittleren Jahre geht jetzt so: Zeit plus Aufopferung ist gleich Statusgewinn. Die Scharen neuer Rennradler, die heute an jedem Wochentag und zu jeder Tageszeit in Vollmontur durch München jagen, unterstreichen erst nachrangig ihre drahtige Fitness, vorrangig ist es die Tagesfreizeit, mit der sie auftrumpfen. Seht her, sagen sie, ich arbeite nicht mehr für andere, ich arbeite an mir! Auch wenn das bei genauerem Hinsicht gar nicht stimmt, weil sie die alte Ego-Competition nur aus dem Büro auf die Straße tragen, ist diese Botschaft gesellschaftlich deutlich akzeptierter als ein röhrender Achtzylinder.Die klassische Variante der Midlife-Crisis-Bewältigung war eindeutig destruktiv. Sie richtete sich gegen das bestehende Leben und hinterließ eine Schneise der Verwüstung in Familien, in der eigenen Gesundheit und auf den Bankkonten. Der Sportwagen, die Affäre, die Lederjacke und der radikale Neuanfang waren Versuche, der eigenen Biografie zu entkommen und die Lebensuhr zurückzudrehen. Die heutige Variante wirkt im Vergleich dazu eher kuratorisch. Man verlässt sein Leben nicht, man optimiert es und begibt sich auf Sinnsuche, weg vom Schreibtisch und rein in den Sattel oder eben in den Sauerteig, wenn man eher Genusstyp ist. Statt auf Jugendlichkeit setzt man lieber auf Longevity, das klingt vernünftiger. Klar ist Papa dann am Wochenende auch weg, dauernd unterwegs Richtung Sterzing mit seiner neuen Geliebten, der Strava-App. Aber die Chancen stehen immerhin gut, dass er auch wieder zurückkommt. Das ist vielleicht die deutlichste Veränderung: Die neue Krisenbewältigung ist etwas nachhaltiger. Und die neuen Sehnsuchtsobjekte mittelalter Männer müssen Konsum gleichzeitig zu einem Projekt machen. Wer einen Sportwagen kaufte, besaß nur ein neues Ding. Wer eine Siebträgermaschine kauft, erwirbt zugleich eine neue Identität – als Kaffeespezialist.Früher musste es ein Wagen in British Racing Green sein. Heute reicht vielleicht ein Hi-Tech- Pizzaofen in Highland Green, wie der neue Ooni Koda 2. Ooni/OoniDem sogenannten männlichen „Gear Acquisition Syndrome (G.A.S.)“ kommt also weiterhin eine wichtige Rolle zu. Sowohl zum Neo-Radsport wie auch zu den paraprofessionellen Küchengeräten und den eher klassischen Nerd-Hobbys wie HiFi-Kultur oder Fotografie gehören ja fortwährende Ausgaben für Gerätschaften, die man bis dahin in seinem Leben nicht vermisst hat. Was Frauen schaffen – der Lebenskrise erst mal einfach nur mit Bordmitteln, mit achtsamer Selbstbeobachtung oder einer Therapie auf Krankenkasse zu begegnen, das geht bei Männern irgendwie nicht. Sie brauchen erst mal massive Investitionskosten, vielleicht, um sich selbst zu überzeugen, dass sie die Veränderung ernst nehmen. Daran also hat sich von der Generation Porsche zur Generation Gravelbike nicht viel geändert, und auch wenn die Einsätze vielleicht ein wenig gesunken sind – Marken, technische Details und viel aufpreispflichtige Zusatzausstattung in der Garage gehören immer noch fest zur Traumabewältigung.Natürlich trägt man den Pizzaofen und die Espressomaschinen nicht mit sich unter dem Arm, deswegen funktionieren sie nicht im eigentlichen Sinn als Statussymbole, dafür aber als diskrete Connaisseursabzeichen. Was früher das Häuschen am Lago war, dessen Existenz man effektvoll im Gespräch einflocht, ist jetzt eben die beiläufige Erwähnung der GS3 daheim, die als Code unter Eingeweihten funktioniert. Das Fachsimpeln über Röstgrade, Temperatur oder Mehlsorten vereint Vorsprung durch Technik mit persönlichem Wissen. Die Vätergeneration hat in der Midlife-Crisis das Genießen des Lebens ja nur oberflächlich – eben mit Blondine im Cabrio – demonstriert. Ihre Söhne hingegen genießen fachlich fundiert und in der Hoffnung, dass dieses Genusswissen und der souveräne Umgang mit Pizzaofen und Smoker auch irgendwie identitätsstiftend sein könnten.Mehrheitsfähige Idee: Einfach ganz tapfer und vollausgerüstet durch die Krise strampeln. LIIMIT via imago-images.de/IMAGO/DepositphotosAber nicht nur die Statussymbole haben eine neue Qualität, die Krise selbst hat sich auch verändert. Die oben angesprochene U-Kurve der Zufriedenheit bekommt in den letzten Jahren eine andere Form, und Ökonom Blanchflower spricht inzwischen sogar von einer weltweiten Krise des Wohlbefindens unter jungen Menschen – die Unzufriedenheit in den Industrieländern beginnt jetzt bereits in den Zwanzigern. Diese Quarter-Life-Crisis hat der Midlife-Crisis also ein wenig den Rang abgelaufen, und vielleicht ist das die eigentliche Pointe der Geschichte. Die Lebenskrise war mal das Privileg des mittleren Alters, und ihre klassische Konsumlogik beruhte darauf, dass die Alten sich dann noch einmal Jugendlichkeit erkaufen wollten. Wenn die Jugend aber gar nicht mehr so unbedingt mit Glück assoziiert wird, kann man sich die Inszenierung sparen und gleich gemeinsam auf Sinnsuche machen. Deshalb also treffen sich heute Männer mit 31 und Männer mit 52 Jahren nebeneinander auf ihren Carbonrahmen oder am Boulderfelsen und sind sich einig bei der Frage, ob eine gute Tasse Kaffee eine Kunst ist. Vermutlich hören sie auch die gleichen Podcasts. Männer jeden Alters, die alle irgendwie auf der Suche nach dem guten Leben sind und dabei nicht vorrangig an PS, sondern an Pizza und Präzisionswaagen für ihre Bohnen denken? Klingt zumindest sozialverträglicher als die alte Variante.