PfadnavigationHomeSportFußballWMHarry KaneDer König der LöwenVon Florian HauptStand: 16:04 UhrLesedauer: 7 MinutenDie englische Nationalmannschaft zieht dank Harry Kane ins Achtelfinale ein. Die DR Kongo verteidigt ihren frühen Führungstreffer lange, doch in der Schlussphase rettet Harry Kane die Engländer. Sehen Sie die Highlights der Partie hier im Video.Harry Kane trifft wie am Fließband. Doch gegen Gastgeber Mexiko stehen England und der von der Schippe gesprungene Thomas Tuchel vor ihrer bislang größten Aufgabe bei dieser Weltmeisterschaft.Exakt 2240 Meter. So hoch liegt der mythische Fußballtempel von Mexiko-Stadt, der wegen Sponsoren, des Fußball-Weltverbandes Fifa und sonstigen Unbills nicht mehr Aztekenstadion heißen darf. Auf 2240 Meter also muss England in der Nacht von Sonntag auf Montag europäischer Zeit gegen Gastgeber Mexiko sein WM-Achtelfinale bestreiten. Im so sportversessenen wie sportneurotischen Königreich ein gewichtiges Thema. Wissenschaftler und Experten klären auf, dass es in solchen Gefilden letztlich ist wie beim Radrennen auf der Bergetappe: Es geht quasi um einen anderen Sport.Flanken fliegen weiter, weil der Luftwiderstand geringer ist; Muskeln und Gehirn erhalten weniger Sauerstoff, dadurch kommt schneller Müdigkeit auf; das Herz rast schon früh im Match, das Gefühl von Atemlosigkeit setzt ein; Sprints fallen schwerer. Conclusio: Der englischen Spielweise kommt das alles gar nicht entgegen.Hoffnung auf medizinische Abhilfe gibt es keine, denn England hat das bisherige Turnier in den Niederungen der USA gespielt. Nach seinem Kenntnisstand sei es körperlich unmöglich, sich so schnell der Höhenlage anzupassen, sagte Trainer Thomas Tuchel. „Das ist einfach ein Riesenvorteil, den Mexiko hat.“ Die Lateinamerikaner haben bisher alle ihre Spiele im eigenen Land ausgetragen, drei davon in der Hauptstadt, und bei ihren vier Siegen nicht mal ein Tor kassiert.60 „years of hurt“ mithin? Geht Englands Durststrecke seit dem letzten Titel 1966, die in dem Gassenhauer „Football’s coming home“ von der Heim-EM 1996 noch auf 30 Jahre terminierbar war und inzwischen doppelt so lange anhält, am Sonntag unvermeidlich weiter? Die Fußballgeschichte scheint wahrlich nicht für die „Three Lions“ zu sprechen: Bei ihrem bislang letzten Gastspiel im (Ex-)Aztekenstadion gab es 1986 eine Hand Gottes, ein Jahrhunderttor und ein Viertelfinalaus mit 1:2 gegen Diego Maradona.Tuchel ist „all in“ gegangenAngesichts der immer hohen Erwartungen kann leicht vergessen werden, wie bescheiden die WM-Geschichte des Mutterlandes des Fußballs in Wirklichkeit ist. Nur zwei weitere Male außer 1966 stand man auch nur im Halbfinale, 1990 und 2018. Der Sieg in der Runde der letzten 32 gegen die DR Kongo war wiederum erst der neunte überhaupt in einem WM-K.-o.-Spiel. Und er fiel schwer genug.Lesen Sie auchDie Rücktrittsforderungen an Tuchel waren in den Redaktionsstuben der Insel quasi schon durchformuliert, als zwei späte Tore von Kapitän Harry Kane den afrikanischen Außenseiter doch noch besiegten. Der deutsche Trainer ist „all in“ gegangen, als er bei der Teamnominierung gestandene Abwehrhaudegen wie Harry Maguire oder Luke Shaw und renommierte Kreativspieler wie Phil Foden oder Cole Palmer überging. Form, Belastungsstand und die vermutete Teamfähigkeit stellte Tuchel gegebenenfalls über individuelle Klasse. Das ist prinzipientreu und innovativ, macht ihn aber auch angreifbar.Besonders bei der Auswahl der Außenverteidiger werden ihm sogar handwerkliche Fehler vorgeworfen. Die Medien beschreiben diese Zone nur noch mit Worten wie „Krise“ oder „Desaster“, nachdem sich auf rechts der seit Jahren verletzungsanfällige Reece James durchaus vorhersehbar verletzt hat, es aber keinen positionserfahrenen Stellvertreter im Aufgebot gibt. Tuchel muss sich nun mit gelernten Innen- oder Linksverteidigern durchhangeln, die schon auf ihren angestammten Planstellen genug Probleme offenbaren. „Wenn England den Ball verliert, ist die Abwehr sehr anfällig“, analysiert Ex-Star Wayne Rooney: „Ich habe große Bedenken.“Wegen seiner defensiven Verwundbarkeit und seiner fehlenden Kontinuität wirkt die Tuchel-Mannschaft noch nicht wie der Titelkandidat, der sie gern wäre. Mit zwei Finalteilnahmen bei den vergangenen beiden Europameisterschaften erlebte England unter Vorgänger Gareth Southgate die stabilste Epoche seiner Geschichte. Der Fußball war teils jedoch schwer erträglich, zurückblieb der Eindruck, dass das Team auch wegen seiner Hasenfüßigkeit am letzten Schritt scheiterte. Der selbstbewusste Tuchel soll diesen mit einem dominanteren Ansatz gehen; spätestens wenn England in zwei Jahren die EM ausrichtet. Dann wird „Football’s coming home“ sicher wieder breit intoniert werden.„Wonderwall“ passt sehr gut zu diesem EnglandAuch in Amerikas Stadien gehört es zum Repertoire der mitgereisten Fans, steht aber nicht an Nummer eins. Nach Ende der Partien singen Spieler und Kurve vielmehr zusammen „Wonderwall“. Die Oasis-Hymne über die Hoffnung auf Erlösung von Konfusion und Selbstzweifeln könnte metaphorisch kaum besser auf Englands Fußballseele passen; nicht zuletzt, weil die Option der Rettung im Konjunktiv gehalten ist.Auf der mentalen Ebene hat der designierte Komplexvertreiber Tuchel mit dem Sieg über Kongo einen Etappenerfolg verbucht. Es war eines dieser typisch unbequemen Matches, von denen bei erfolgreichen Teams später gesagt wird, dass man sie mindestens einmal im Turnier überstehen muss. Und es implizierte sogar ein historisch wertvolles Detail, denn zum ersten Mal seit 1966 konnte England ein WM-Spiel nach 0:1-Rückstand noch gewinnen. Damals ging es um das Finale gegen Deutschland. „Vielleicht haben wir jetzt die ideale Ausgangslage, um wirklich daran zu glauben, dass wir bereit dafür sind“, hofft Tuchel auf den zweiten WM-Pokal.Als sportliches Argument hat das Land in Kane einen so herausragenden Spieler wie in dieser Kombination von Talent und Verlässlichkeit wohl seit Bobby Charlton nicht mehr. 72 Tore hat der Bayern-Star in dieser Saison für Klub und Land erzielt, darunter fünf der acht englischen WM-Treffer. „Er ist ganz, ganz oben im Fußball“, feierte ihn Mitspieler Anthony Gordon, nachdem er Kane beide Tore gegen Kongo aufgelegt hatte. „Er spielt eine Saison, wie sie nur Lionel Messi je besser gespielt hat, der beste Fußballer aller Zeiten. Das verrät sein Level.“ Messi gelangen in der Saison 2011/2012 mal 82 Tore.In den Elogen für Kane konnte fast untergehen, dass auch Tuchel entscheidende Beiträge zur Aufholjagd geleistet hatte. Seine Einwechslungen wie die von Gordon saßen, die Verschiebung von Stratege Declan Rice in der Schlussphase auf die Rechtsverteidigerposition überzeugte die Kritiker dermaßen, dass sie das jetzt als Dauerlösung fordern. Und seine besten Phasen hatte England in beiden Spielhälften so offensichtlich nach den „cooling breaks“, dass Fifa-Präsident Gianni Infantino sogleich die Chance zu einem neuen Argument für seine TV-Reklame-Unterbrechungen ergriff. Diese Pausen seien eine große Hilfe für die Trainer.Tuchel tat dem Fußballboss allerdings nicht den Gefallen, der Absolution für eine Maßnahme, die in der Szene einhellig abgelehnt wird. „Ich mache das meiste daraus“, so Tuchel. „Mögen tue ich sie nicht.“ Er genieße den Fußball mehr, wenn der „frei fließt“ und die Spieler selbst „den Weg zum Momentum finden müssen“.„Gegen Mexiko in Mexiko, größer geht wohl nicht“So wie es mal war, als das Aztekenstadion noch Aztekenstadion hieß. Bei einer WM der American-Football-Arenen freuen sich die Engländer auf ein Rendezvous mit echter Fußballatmosphäre. „Gegen Mexiko in Mexiko, größer geht es bei einer WM wohl nicht“, sagt Kane. Gordon erwartet ein „Spiel und eine Stimmung wie nur einmal im Leben“. Es werde spannend zu sehen sein, „wer man in solchen Momenten sein kann“.Zur Drohkulisse gehörte in der vergangenen Woche bei Mexikos Sechzehntelfinale auch der Klassiker schlafstörenden Fanlärms vor dem Teamhotel von Gegner Ecuador. In den sozialen Medien und unter manchen Journalisten zirkulierten außerdem Gerüchte, mehrere Spieler der Südamerikaner und ihre Familien seien von mexikanischen Drogenkartellen bedroht worden. Wohl nur eine makabre Erfindung: Aus ecuadorianischen Verbandskreisen wurde die Nachricht nicht bestätigt.Lesen Sie auchMexiko in Mexiko: Harry Kane war noch nicht geboren, als das Gastgeberland mit den Viertelfinaleinzügen bei den Heim-Weltmeisterschaften 1970 und 1986 die größten Erfolge seiner Fußballgeschichte feierte. Das Ausscheiden ereignete sich dann jeweils fernab der Hauptstadt, 1986 in Monterrey nach 120 torlosen Minuten im Elfmeterschießen gegen ein Deutschland, das solche Partien damals noch so unvermeidlich gewann. In der Kapitale ist Mexiko bei WM-Turnieren bis heute unbesiegt.Damit sich das ändert, braucht es jeden Engländer, findet Tuchel, „besonders die Kinder“. Die Eltern der Nation forderte er daher auf, ihren Sprösslingen für den Schulmontag eine Entschuldigung zu schreiben und sie zum Anpfiff um ein Uhr nachts britischer Zeit vor die Glotze zu setzen. Noch-Regierungschef Keir Starmer ist nicht einverstanden, während die Erziehungsministerin ein „Disco-Nickerchen“ am frühen Abend wie vor einer langen Ausgehnacht empfiehlt. Auch ein hübsches Debattenthema. So muss man nicht nur über Traumata, Höhenluft und Rechtsverteidiger reden.