Zu den vielen Qualitäten von Harry Kane gehört, dass er die Menschen um ihn herum immer noch überraschen kann. Wie sehr, zeigt ein Moment aus dem Spiel gegen die Demokratische Republik Kongo, das Kane mit 2:1 gewann. Ja, richtig. Harry Kane 2, Demokratische Republik Kongo 1. Letztlich kam der Sieg der Engländer abermals einer One-Man-Show ihres Kapitäns gleich. Aber zurück zum Überraschungsmoment. Da steht der junge Anthony Gordon also im Hintergrund und fasst sich ungläubig mit den Händen an den Kopf. Man hört ihn dabei förmlich „Oh my God“ rufen, vorn im Bild jubelt ein entfesselter Harry Kane.Die Szene ereignete sich kurz nachdem der Angreifer das Spiel gedreht und zum 2:1 getroffen hatte. Gordon klärte später auf: „In dem Moment, als er den Ball getroffen hatte, wusste ich, dass er reingeht.“ Warum dann der überraschte Gesichtsausdruck? „Es ist die Konstanz, mit der er mich immer wieder überrascht. Ich meine, auf dem Level kann jeder den Ball ins Tor schießen, aber bei ihm ist es die Konstanz. Jedes Training, jedes Spiel ist er phänomenal. Er spielt auf einem so, so hohen Niveau“, sagte Gordon, der nach der WM zum FC Barcelona wechseln wird.Die Bewunderung des jungen Mannes für seinen Kapitän war spürbar, dabei hatte er selbst wesentlich dazu beigetragen, dass England das frühe Aus im Sechzehntelfinale gerade noch so abwenden konnte. Gordon war es, der beide Tore von Kane vorbereitete. Auch das ein Rekord. Zwei Vorlagen waren noch keinem Einwechselspieler in der K.-o.-Runde einer WM gelungen. Aber das rückte an diesem Tag in den Hintergrund. Die Bühne gehörte einzig Harry Kane.In dem Moment, als England ihn am meisten brauchteDie Art und Weise, wie er die Tore erzielte, und der Zeitpunkt ließen nur ein Prädikat zu: absolute Weltklasse. Der erste Treffer war ein überlegt gesetzter, platzierter Kopfball. Der zweite ein Ausbund an Entschlossenheit. Mit ein, zwei kurzen Schritten schüttelte er seine Verfolger ab und jagte den Ball ins Tor. Im amerikanischen Fernsehen drückte Experte Thierry Henry seine Bewunderung aus. „Das war eine richtig schwere Bewegung. Er umläuft den Ball und trifft ihn mit höchstem Tempo perfekt. Die meisten Spieler wären dabei hingefallen, erst recht zu diesem Zeitpunkt, gegen Ende des Spiels“, sagte Henry. Kane schoss beide Tore in der Schlussviertelstunde, just in dem Moment, als England ihn am meisten brauchte.Gegen den erfrischend mutigen Außenseiter aus der Demokratischen Republik Kongo stand England lange Zeit vor dem Aus. Die Afrikaner waren nach einem Konter früh durch Brian Cipenga in Führung gegangen. Danach startete England Angriff um Angriff, musste sich aber stets im Duell mit Kongos Torhüter Lionel Mpasi geschlagen geben. Als die englischen Zuschauer begannen, nervös an den Fingernägeln zu kauen, und immer wieder bange Blicke auf die Uhr warfen, erlöste sie Kane. „Es war ein Auf und Ab. Ich bin stolz auf die Jungs. Wir haben vor dem Spiel darüber gesprochen, wie schwer es werden würde gegen dieses wirklich gute Team. Sie sind gut beim Kontern, und das haben sie uns spüren lassen“, sagte Kane.Alles, was Harry Kane an diesem Tag in Atlanta tat und sagte, zeugte von Demut und Größe. Er hätte sich aufgrund seiner außergewöhnlichen Leistung auch überschwänglich loben können, aber das ist seine Sache nicht. Unter den Topstars dieses Sports ist er einer der am wenigsten eitlen. Keine einstudierten Jubelposen, keine ausgefallenen Klamotten, kein Bling-Bling. Dafür oft viel Lob für die Mitspieler.Dabei musste er gegen die Demokratische Republik Kongo zum wiederholten Male wie ein Vater seine Kinder aus der Patsche holen. Immer wieder betonte er, „dass die Jungs es eigentlich richtig gut gemacht haben“. Vor allem in der Schlussphase. „Wir haben da 25 Minuten richtig gutes Zeug gespielt und die Bälle immer wieder in die richtigen Zonen gebracht“, sagte Kane.Höchstes Niveau? Das lässt sich von Bellingham nicht sagenTatsächlich zeigte England anders als die deutsche Mannschaft während dieser schwierigen Phase unter höchstem Druck, wie man variantenreich gegen einen tief stehenden Gegner attackiert. Vor allem der eingewechselte Anthony Gordon brachte richtig Schwung in die Bemühungen. Letztlich zeigte der Auftritt aber auch, welche Abhängigkeit bei den Engländern von Harry Kane besteht. Der Stürmer ist mit seinen bisher fünf Toren die Lebensversicherung der Mannschaft und der einzige Spieler im Kader, der aktuell auf seinem höchsten Niveau spielt.Von Jude Bellingham, dem zweiten Topspieler, lässt sich das nicht sagen. So ist Kane auf allen Ebenen mehr denn je gefordert. Als Anführer, Mentor und Torschütze. Unterstützung wird dringend benötigt, zumal im Achtelfinale der erste echte Härtetest auf England wartet. Die Mannschaft muss nach Mexiko-Stadt reisen, wo sie im legendären Aztekenstadion auf Gastgeber Mexiko trifft, vor über 80.000 enthusiastischen Mexikanern.Sie warten: Mexiko und das AztekenstadionReutersWelche Wucht und Lautstärke dieses Stadion entfachen kann, zeigte sich beim Spiel der Mexikaner gegen Ecuador (2:0). Getragen von einer gewaltigen Stimmung überrannte Mexiko den Gegner. Bisher hat Mexiko jedes Spiel bei dieser WM gewinnen können. „Wenn du Weltmeister werden willst, musst du auch gute Gegner aus dem Weg räumen“, sagt Harry Kane. So einfach ist das. Als Kapitän windet er sich nicht um diese Zielstellung, es würde ihm auch niemand abnehmen.England hat bei den vergangenen beiden Europameisterschaften jeweils das Finale erreicht, bei der letzten WM schied man sehr unglücklich gegen Frankreich aus. Harry Kane verschoss dabei einen Elfmeter. Die Auflage in Nordamerika dient ihm als Wiedergutmachung, Kane will es allen und sich selbst beweisen. Zumal es sehr wahrscheinlich sein letzter Versuch werden dürfte, Weltmeister zu werden. Kurz nach dem Turnier wird er 33 Jahre alt.Der Trainerwechsel von Gareth Southgate zu Thomas Tuchel diente einzig dem Ziel, es nun endlich zu schaffen. „Ich weiß, dass das Land schon sehr lange wartet. Wir versuchen, alles möglich zu machen“, sagt Harry Kane. Vor exakt sechzig Jahren hat England zum ersten und einzigen Mal die Weltmeisterschaft gewonnen. Viele von der damaligen Mannschaft sind bereits tot. England sehnt sich nach neuen Helden. Harry Kane hätte sicher nichts dagegen, wenn sich von jetzt an außer ihm noch andere Bewerber in den Vordergrund spielen würden.
Fußball-WM 2026: Harry Kanes Mission mit England
Keine ausgefallenen Klamotten, kein Bling-Bling, keine einstudierten Posen – und die Erinnerung an einen bitteren Fehlschuss: Harry Kane begreift die Weltmeisterschaft als Mission. Jetzt wartet Mexiko.












