PfadnavigationHomePolitikDeutschland„Männlich, weiblich, divers“Wenn sich katholische Schulen für geschlechtliche Vielfalt öffnen – und Eltern rebellierenStand: 14:12 UhrLesedauer: 7 MinutenVarinia Arauco Vera Quelle: Bertold Fabricius/WELTIn Hamburg öffnen sich die katholischen Schulen unter dem Motto „Männlich, weiblich, divers“ für geschlechtliche Vielfalt. Gläubige Eltern warnen vor einer „identitätspolitischen Agenda“. Nun eskaliert ihr Konflikt mit dem Erzbistum.Es ist ein bemerkenswertes Dokument, das das Erzbistum Hamburg im Juni 2025 veröffentlicht hat. Unter dem Titel „Männlich, weiblich, divers“ wurde ein neues Rahmenkonzept für sexuelle Bildung an den katholischen Schulen in Hamburg vorgestellt, das ab dem Schuljahr 2026/27 an allen katholischen Schulen der Hansestadt gelten soll. Das Dokument bricht mit fast allem, was man landläufig mit katholischer Sexualmoral verbindet.Das Erzbistum Hamburg setze damit „für alle an Bildung und Erziehung Beteiligten das Zeichen, dass die katholische Kirche ihre Einstellung zur Sexualität ständig weiterentwickelt“, schreibt Generalvikar Pater Sascha-Philipp Geißler im Vorwort. „Wir treten ein für die Akzeptanz von Vielfalt hinsichtlich sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identität.“ Das Erzbistum wolle, dass katholische Schulen sichere Orte seien, an denen „Sexualität nicht tabuisiert, sondern in ihrer Vielschichtigkeit und Würde anerkannt“ werde, ergänzte Christopher Haep, Leiter der Abteilung Schule und Hochschule. Was das bedeutet, wird im Rahmenkonzept auf einem Schaubild verdeutlicht. „Wie wird Geschlechtervielfalt selbstverständlich thematisiert?“, heißt es dort etwa. Die Antwort: „Klassenrat aktivieren, fächerübergreifend agieren und Thema streuen.“Lesen Sie auchAuch der Umgang mit kritischen Eltern wird antizipiert. In Sprechblasen und Schaubildern wird Lehrkräften empfohlen, wie sie auf Elternsorgen vor „Frühsexualisierung“, „Werbung“ für Homo- oder Transgeschlechtlichkeit und der Ablehnung gegenüber einer „Sexualpädagogik der Vielfalt“ reagieren können. „Diesen falschen Annahmen liegen oftmals Ängste zugrunde. Deshalb ist es aus unserer Sicht wichtig, sie zu enttarnen und die Vorbehalte durch die Entgegnung mit Fakten aufzulösen“, heißt es in dem Konzept.Für Varinia Arauco Vera ist das mehr als harter Tobak. Die dreifache Mutter mit peruanischen Wurzeln hat ihre jüngeren Söhne bewusst auf eine katholische Schule geschickt, damit sie dort nach katholischen Wertevorstellungen unterrichtet werden. „Kinder in der Grundschule brauchen Orientierung. Sie sollen nicht mit Vorstellungen über sexuelle Identität, fließende Geschlechter oder verschiedene Sexualitätsmodelle überfordert werden“, sagt Arauco Vera. Ihr älterer Sohn sei auf einer weiterführenden staatlichen Schule so intensiv mit LGBTQ-Themen konfrontiert worden, dass sein Glaube beschädigt worden sei. „Es führte dazu, dass mein Sohn das infrage stellte, was ihm zu Hause und in der Kirche beigebracht worden war: dass Gott Mann und Frau nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat“, sagt Arauco Vera. Für sie und viele andere Eltern sei es daher ein Schock, dass jetzt auch die katholischen Schulen eine „identitätspolitische Agenda“ verfolgten.Lesen Sie auchMit Gleichgesinnten hat sie das „Elternnetzwerk Kinderschutz & Prävention“ gegründet, das sich für einen Rückzug und eine umfassende Überarbeitung des Rahmenkonzepts einsetzt und dem sich bereits rund 100 Familien angeschlossen haben. Lesen Sie auchAuch Peter H. gehört dazu. Der zweifache Vater, der seinen Klarnamen zum Schutz seiner Kinder nicht nennen will, erhebt schwere Vorwürfe gegen das Bistum. „Es gibt das grundgesetzlich geschützte Recht der Eltern, über solche Erziehungsfragen vorrangig zu entscheiden. Dieses Recht darf das Erzbistum nicht übergehen“, sagt H. Sexualkunde soll aus seiner Sicht über „Biologie, Körperfunktionen, Entwicklung und Fortpflanzung aufklären – altersgerecht und sachlich“. Über Homo- oder Transsexualität könne man zwar „informieren“. „Aber es darf nicht affirmativ, werbend oder programmatisch von Klasse eins bis zwölf vermittelt werden. Das ist der Unterschied.“Der Anwalt stößt sich vor allem daran, dass das Rahmenkonzept implizit auch die Einbeziehung externer Akteure möglich macht. In ihren schuleigenen Konzepten könnten Kollegien selbst festlegen, „in welchen Organisationsformen und Lernarrangements“ die Inhalte bearbeitet würden, heißt es dazu im Rahmenkonzept. Dazu könnte auch eine „Kooperation mit außerschulischen Stellen mit Expertise im Bereich Sexualwissenschaft“ gehören. „Im Schulgesetz steht, dass jede einseitige Beeinflussung zu vermeiden ist“, sagt H. „Genau dagegen verstößt das Konzept aus unserer Sicht, wenn LGBTIQ-Organisationen in die Schulen geholt werden, deren Vereinszweck gerade darin besteht, bestimmte politische oder gesellschaftliche Vorstellungen zu verbreiten.“Lesen Sie auchKritisch sieht die Initiative auch die Referenzen des Rahmenkonzepts. So stütze es sich auf die Ideen des Kieler Sexualwissenschaftlers Uwe Sielert. Er sei ein Vertreter der „Sexualpädagogik der Vielfalt“, der schon Kinder als sexuelle Wesen beschreibe. Tatsächlich hat Sielert in der Tradition des Sexualwissenschaftlers Helmut Kentler geforscht, sich allerdings von dessen pädokriminellen Positionen distanziert. „Gerade jüngere Kinder brauchen Orientierung, Stabilität und den Schutz ihrer natürlichen Schamgrenzen und Intimsphäre. Wir befürchten, dass sie mit Themen konfrontiert werden, die ihrem Alter nicht entsprechen und für die sie noch nicht bereit sind“, sagt Arauco. Ihre Bedenken hat die Initiative auch in zwei Treffen mit dem Hamburger Erzbischof Stefan Heße vorgetragen.Lesen Sie auchDas Erzbistum Hamburg tritt der Darstellung entgegen, es gebe starken Widerstand gegen das Papier. „Nach einem Jahr intensiver Auseinandersetzung können wir feststellen, dass das Rahmenkonzept in Schulen, Kollegien und in den Elternvertretungen auf einen breiten Konsens stößt“, sagte ein Sprecher WELT AM SONNTAG. „Ziel war es, einen verbindlichen Orientierungsrahmen für eine zeitgemäße, altersgerechte und diskriminierungssensible sexuelle Bildung an katholischen Schulen zu schaffen.“ Die konkrete Umsetzung erfolge nun an den einzelnen Schulen in Form institutioneller Konzepte. Dabei sei die Mitwirkung der Eltern durch das diözesane Schulgesetz „ausdrücklich abgesichert“. Bei einem gesellschaftlich sensiblen Thema wie sexueller Bildung sei Kritik zu erwarten und wichtiger Bestandteil des Dialogs, betont der Sprecher. „Wir nehmen Rückmeldungen von Eltern ernst und suchen konsequent den Dialog.“ Auf die Sexualpädagogik von Uwe Sielert werde man sich bei der Überarbeitung des Rahmenkonzepts künftig nicht mehr berufen. Zugleich zeige der Umsetzungsprozess eine breite Zustimmung zum Konzept. „Bei den insgesamt 15 Schulen gab es lediglich vereinzelte kritische Stimmen aus der Elternschaft.“„Den Dialog haben wir Eltern gesucht“ Arauco Vera widerspricht dieser Darstellung. Gerade bei vielen Einwanderern aus katholisch geprägten Ländern stoße das Konzept auf scharfe Kritik. „Viele trauen sich aber, nichts zu sagen, aus Angst, dass ihre Kinder dann Nachteile erfahren.“ Zudem seien die Eltern weder vom Erzbistum noch von den Schulen über das neue Rahmenkonzept informiert worden. „Den Dialog hat nicht das Erzbistum, sondern haben wir Eltern gesucht.“ Sie selbst kämpft inzwischen mit offenem Visier. Lesen Sie auchSeit Schulabteilungsleiter Christopher Haep sie in einer Rundmail an alle Elternräte als Fundamentalistin diskreditiert und mit „diffamierenden Etiketten belegt“ habe, habe sie nichts mehr zu verlieren, sagt Arauco Vera. Ihr Mitstreiter Peter H. fühlt sich inzwischen in seiner eigenen Kirche marginalisiert. „In dem Wunsch, niemanden zu diskriminieren, werden jetzt die eigenen Mitglieder diskriminiert, die sich auf die Bibel und den Katechismus berufen. Das ist Dekonstruktivismus in Reinkultur.“Das Erzbistum Hamburg betont hingegen, man sei auf einer Linie mit der im Oktober 2025 veröffentlichten Handreichung „Geschaffen, erlöst und geliebt. Sichtbarkeit und Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten in der Schule“ der Kommission für Erziehung und Schule der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). Das Papier bestätige und vertiefe die Grundausrichtung des Hamburger Konzepts und werde jetzt bei der zweiten Auflage des Rahmenkonzepts „systematisch eingearbeitet“. Lesen Sie auchDas auch als „Queer-Papier“ bekannt gewordene Dokument wird allerdings nicht von allen Bischöfen getragen. Der Passauer Bischof Stefan Oster, der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer und der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki distanzierten sich ausdrücklich davon. Die Kirche habe zwar in der Vergangenheit „oft genug darin versagt“, Menschen zu begleiten, „die außerhalb dessen leben, was wir als das ,Richtige‘ erkannt zu haben meinen“, so Oster. „Der Nachholbedarf in diesen Feldern kann aber nicht darin bestehen, dass wir auf unsere eigenen, sehr grundsätzlichen Positionen zum Menschenbild verzichten.“Arauco Vera und ihr Elternnetzwerk „Kinderschutz & Prävention“ haben ihre Bedenken inzwischen auch an höherer Stelle angebracht. In einem Brief an die Apostolische Nuntiatur – die diplomatische Vertretung des Vatikans in Deutschland – fordert die Initiative eine „weitgehende Revision des Rahmenkonzepts auf der Grundlage der Schöpfungs- und Glaubenslehre der Weltkirche“, den „Stopp der Frühsexualisierung“ und die „Verankerung des Leitbilds von Ehe und Familie gemäß der biblischen Aussage“ als positives Bildungsziel. „Der Nuntius hat uns in Berlin empfangen und versprochen, unser Anliegen in Rom vorzubringen“, sagt Arauco Vera. „Wir wünschen uns eine Kirche, in der Eltern, die ihren Kindern die katholische Lehre zu Ehe, Geschlechtlichkeit und Familie weitergeben wollen, nicht als Problem, sondern als Verbündete gesehen werden.“Sabine Menkens berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.
„Männlich, weiblich, divers“: Wenn sich katholische Schulen für geschlechtliche Vielfalt öffnen – und Eltern rebellieren - WELT
In Hamburg öffnen sich die katholischen Schulen unter dem Motto „Männlich, weiblich, divers“ für geschlechtliche Vielfalt. Gläubige Eltern warnen vor einer „identitätspolitischen Agenda“. Nun eskaliert ihr Konflikt mit dem Erzbistum.






