PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungSchulenDas Problem mit dem Islam-UnterrichtVeröffentlicht am 25.04.2026Lesedauer: 6 MinutenQuelle: Frank Rumpenhorst/dpa/picture allianceIst Gott nicht so wichtig? Deutschlands größte Ausbildungsstätte für Islamlehrer möchte den islamischen Religionsunterricht umgestalten. Es soll mehr um Homosexualität, Gendergerechtigkeit und Minderheiten gehen.Es gibt Erinnerungen, die ganze Schülergenerationen verbinden. Eine davon ist die an den evangelischen Religionsunterricht – und seine bescheidene Substanz. Die spiegelte sich in den Unterrichtsthemen. Mal ging es um Neonazis (als Material dienten nicht selten „Stern“-Fotoreportagen), mal um Nachrüstung, die fünf Säulen des Islam, Anthroposophie, Buddha, sexuelle Minderheiten, Reiki, gesunde Ernährung, Antisemitismus oder Waldsterben. Nur um eins ging es im Fach christliche Religion fast nie: um christliche Religion. Nicht, dass dieses Erlebnis belastend gewesen wäre. Nein, viele Schüler dürften „Reli“ irgendwie angenehm gefunden haben – aber auch substanzfrei, bedeutungsarm, verzichtbar. In den vergangenen Wochen stellte sich erneut die Frage, ob da nicht ein Schulfach missbraucht wird. Diesmal ging es um islamischen Religionsunterricht (IRU). Der wird mittlerweile in allen elf westdeutschen Ländern gelehrt. Und droht sich nun an dem verheerend-beliebigen Vorbild des evangelischen Unterrichts zu orientieren. Dafür wirbt offenbar das Zentrum für islamische Theologie der Uni Münster. Es ist Deutschlands größte Ausbildungsstätte für islamische Religionslehrer und entsendet diese in die ganze Republik. Von der Politik in Bund und Land wird es wegen seiner ausgeprägten Reformfreude unterstützt. Und diese Woche wurde es zur ersten islamisch-theologischen Fakultät in der Europäischen Union erweitert. In Fragen islamischer Religionspädagogik ist es deutschlandweit also eine Autorität. Lesen Sie auchIn den vergangenen Wochen präsentierte dieses Zentrum eine Studie samt Konferenz und Abschlussbericht zur Frage, wie der islamische Religionsunterricht weiterentwickelt werden solle. Und zwar so: Im Unterricht müsse die „systematische Integration geschlechtersensibler Perspektiven, Thematisierung von Gendergerechtigkeit und kritische Dekonstruktion hegemonialer Männlichkeitskonstruktionen“ forciert werden. „Antisemitismusprävention“ gehöre ebenso weiter gestärkt wie der akzeptierende Umgang mit Homosexualität. Aber auch „Digitalisierung und Social Media“ seien „für die schulische Praxis hochrelevant“. Aus Sicht der Fachleitungen müsse man „diese Themen strukturell im Lehrplan verankern“. Wichtig sei auch, „Vielfalt konstruktiv zu thematisieren“, um den Glauben oder Unglauben der anderen noch mehr wertzuschätzen. Auch müsse die „Professionalisierung der Lehrkräfte stärker an aktuellen gesellschaftlichen und politischen Anforderungen ausgerichtet werden“. Barmherzigkeit, Respekt, goldene Regel – reicht nichtAntisemitismus, Minderheiten und Vielfalt sind bedeutsame Themen – aber längst steht bereits in den Curricula der Bundesländer, dass der IRU den Wert von Pluralität, Toleranz, Respekt vor Andersgläubigen, Solidarität mit Ausgegrenzten, Barmherzigkeit, Nachsichtigkeit und die goldene Regel vermitteln muss. Mehr geht eigentlich nicht.Doch das reicht den IRU-Gestaltern nicht. Auch islamischer Religionsunterricht soll nun als gesellschaftspolitischer Dienstleister herhalten. Warum darf es im Religionsunterricht, der seine Existenzberechtigung doch vom Glauben an Gott bezieht, nicht einfach um den Glauben an Gott gehen? Da möchte man fast flehentlich an die Verantwortlichen appellieren: Tun Sie nicht auch noch dem islamischen Unterricht Gewalt an.Ein Beispiel: Wenn nun wirklich Akzeptanz für Homosexualität, fürs Geschlechterwechseln oder für den Lebensentwurf von Trans-Menschen stärker eingefordert werden sollte, müsste dies extrem fein ausbalanciert werden – andernfalls würde dieses politmissionarische Projekt mit Wucht nach hinten losgehen. Denn: Von einer Handvoll superliberaler Reformmuslime abgesehen, besteht seit 1447 Jahren in der weltweiten muslimischen Gelehrtentradition weit überwiegende Einigkeit, dass Homosexualität Sünde ist (wie das auch der Katechismus der katholischen Kirche, die orthodoxen Kirchen und die weltweite evangelikale Allianz bekräftigen). Lesen Sie auch„Dass muslimische Lehrkräfte Homosexualität als Normalität behandeln sollen, gibt der Islam nicht her“, so fasst das Zekeriya Altuğ, DITIB-Abteilungsleiter „für Gesellschaft und Zusammenarbeit“, gegenüber WELT zusammen. Natürlich sei ein toleranter Umgang mit Minderheiten im Islam die Grundlage, so Altuğ. Deshalb könne und solle „der IRU Schüler zum friedfertigen und gewaltfreien Umgang auch mit Menschen anhalten, die nach islamischem Glauben als Sünder betrachtet werden“ – mehr aber auch nicht. Ein Islam aus dem Geist grün-roter Sexualmoral?Was alle am IRU beteiligten Religionsgemeinschaften dagegen ablehnen, ist die Neuerfindung einer Weltreligion aus dem Geist grün-roter Sexualmoral. Da kann man nur zustimmen. Erstens, weil dies die Realität verfälschen würde. Zweitens, weil das auch den muslimischen Schülern nicht verborgen bliebe. Es existieren einfach zu viele Koranverse und Prophetenworte, die Homosexualität klar missbilligen – während kein einziger Vers die gleichgeschlechtliche Liebe anerkennt.Und wer legt eigentlich fest, was gefährliche „hegemoniale Männlichkeitsvorstellungen“ sind? Oder „geschlechtsstereotype Narrative“? In hiesigen Moscheen wird öfters der Koranvers 4:34 in deutscher Übersetzung zitiert mit den Worten „Die Männer stehen für die Frauen ein“. In vielen Moscheen wird dies als Aufforderung an Männer verstanden, sich ein bisschen stärker um ihre Frauen zu kümmern als umgekehrt. Da schwingt also ein Hauch von Ungleichbehandlung mit. Das mag man ritterlich-nobel oder arg altmodisch finden. Aber „hegemonial“?Ist es denn Aufgabe des Staates, Fürsorglichkeitsideale von Religionsgemeinschaften zu bekämpfen? Wie wenig Weite, wie wenig echte Liberalität würde sich darin ausdrücken! Der eigentliche Clou ist ein anderer: Wer die Übertragung dieses Verses als „männlich-hegemonial“ attackiert, bekämpft in Wirklichkeit eine frauenfreundliche Koranauslegung. Vers 34 der vierten Sure lässt sich nämlich auch viel unemanzipierter übersetzen mit den Worten „Die Männer stehen den Frauen vor“ (nicht: „für sie ein“). Sprich: An dem undifferenzierten Kampfauftrag, „Geschlechtsstereotype“ zu eliminieren, kann man sich kräftig verheben.Lesen Sie auchVollends absurd wirkt es, wenn im islamischen Religionsunterricht nun verstärkt der Umgang mit sozialen Medien und Digitalisierung vermittelt werden soll. Medienkompetenz in dem Fach, das sich dem göttlichen Schöpfergeheimnis und seinem Willen widmen soll? Damit würde das Fach zu einer schulpolitischen Reste-Rampe degenerieren. Warum dann nicht auch Lese-und-Schreib-Kompetenz im Religionsunterricht trainieren? Oder Mathe?Wer kann Widerstand leisten?Hoffen wir, dass die Forderung nach Medienkompetenz allein darauf zielte, Informationen zum Islam aus sozialen Medien kritisch einzuordnen (was grundsätzlich ratsam ist). Aber selbst dann bleibt die Frage: Warum darf es nicht erst einmal um die Hauptsache gehen, bevor sich ein Schulfach mit seinen wenigen Wochenstunden auf tausend mehr oder weniger wichtigen Nebenschauplätzen verliert?Die Hauptsache zur Hauptsache machen – das wäre offenbar auch im Sinne der Eltern. Laut einer im Abschlussbericht zitierten Umfrage wünschen diese sich vom IRU „vor allem fundierte Wissensvermittlung über den Islam, die über rein oberflächliche Darstellungen hinausgeht“ und die Weitergabe „religiöser Werte“. Aber wer setzt das durch? Die muslimischen Verbände würden der Gefahr eines substanzbefreiten IRU zweifellos beherzt widerstehen – wenn man sie ließe. Doch ihre rechtliche Position ist in fast allen Bundesländern schwach. Am IRU dürfen sie dank provisorischer Beiräte und krummer Rechtskonstrukte bundesweit meist nur bis auf Widerruf mitwirken. Sollte ihr Engagement der jeweiligen Landesregierung missfallen, könnten sie umgehend von der Unterrichtsgestaltung ausgeschlossen werden. „Eine wunderbare Grundlage“ für den GlaubenDa fragt man sich, ob es nicht sinnvoller wäre, ihre „rechtliche Position zu stärken und sie mit christlichen und jüdischen Religionsgemeinschaften endlich gleich zu behandeln“, wie sich das DITIB-Experte Altuğ wünscht. Fakt ist jedenfalls, dass es in den islamischen Verbänden noch substanzielle Vorstellungen davon gibt, was Religionsunterricht lehren sollte. So schreibt Herausgeber Hakan Aydin im „Handbuch für islamische Religionspädagogik“: Wenn Gender-Debatten im Religionsunterricht aufgegriffen würden, müsse auch der Wert von Ehe und Familie betont und der Schaden thematisiert werden, der durch Ehebruch und Untreue entstehe. Und der Religionspädagoge Abdulhalim Inam schreibt ebenfalls dort: „Eine wunderbare Grundlage, um Kindern einen gesunden Glauben an Gott zu vermitteln“, bestehe darin, dass sie Gott liebten und sich von Gott geliebt fühlten. Um dieses Fundament der Religionspädagogik müsse es vor allem anderen gehen.Davon könnten sich die Kirchen inspirieren lassen. Denn die sind vielerorts noch heute ihrem 80er-Jahre-Kurs treu. In Niedersachsen wurde jüngst geklagt, Lehrpläne im christlichen Religionsunterricht widmeten sich nur noch am Rande dem christlichen Gott – marginalisiert von Unterrichtsthemen wie Meditationspraxis im Buddhismus, Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen oder „sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität als Entwicklungsaufgabe“. Also alles wie damals.
Religionsunterricht: Vielfalt & Gender statt Gott & Glaube? - WELT
Ist Gott nicht so wichtig? Deutschlands größte Ausbildungsstätte für Islamlehrer möchte den islamischen Religionsunterricht umgestalten. Es soll mehr um Homosexualität, Gendergerechtigkeit und Minderheiten gehen.







