Innovation entsteht oft aus Not und nicht aus Sattheit. Neue technische Entwicklungen in grundsätzlich satten Gesellschaften sind kein Widerspruch dazu. Der Mensch strebt nach Fortschritt. Und auch satte Gesellschaften wie unsere kennen Nöte. Zum einen bedrängt sie der alles überwölbende Klimawandel, zum anderen die zu ausgeprägte Abhängigkeit von Energieimporten. Letzteres haben die Folgen des Ukrainekriegs und des Irankriegs nachdrücklich verdeutlicht. Sie setzen Unternehmen und Privathaushalte unter Druck. Da braucht es Lösungen. Idealerweise kommen auf der Suche nach Wegen aus der Not gute Ideen auf und werden politisch unterstützt und verwirklicht. So wie bei Planung und Bau des neuen Flusskraftwerks in Gießen.Dieses Kraftwerk besteht zum einen aus drei Großwärmepumpen. Die Anlage zapft Flusswasser aus der neben dem Betriebsgelände vorbeifließenden Lahn direkt ab und saugt sie ein. Die Wärmepumpen ziehen so viel Energie wie möglich aus dem Wasser, anschließend fließt es in den Fluss zurück. Auf diese Weise gewinnen die örtlichen Stadtwerke die gewünschte Wärme und speisen sie in ihr Verteilnetz ein. Fast 4000 Haushalte und Betriebe profitieren davon. Das Wasser in der Lahn muss zu diesem Zweck nur fünf Grad warm sein. Angesichts dessen sehen die Stadtwerke die Nutzung der Großwärmepumpen von April bis Oktober als gesichert an. Daher der blumige Name „Powerlahn“.Zwei Blockheizkraftwerke und eine wie die Wärmepumpen mit Ökostrom betriebene elektrische Direktheizung („Power-to-heat“) bilden die anderen Bestandteile der Innovation. Die Wärmepumpen und die Direktheizung sollen nebenbei das Stromnetz entlasten, wenn an sonnigen und windigen Tagen besonders viel Ökostrom auf den Markt drängt. Dabei liefern sie selbst erneuerbare Energien. Zur Wahrheit gehört auch: Derzeit müssen die Stadtwerke die Blockheizkraftwerke, die Strom für 21.000 Haushalte erzeugen, noch mit Erdgas befeuern. Schritt für Schritt wollen sie diese Anlage aber auf Biomethan oder Wasserstoff umstellen. Beides steht jedoch noch nicht in ausreichender Menge zur Verfügung, und der Versorger ist auf Zulieferer angewiesen.Dessen ungeachtet leisten die Stadtwerke einen wertvollen und nachahmenswerten Beitrag für die Energiewende von unten. Der hessische Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) sprach zur Inbetriebnahme von einem Stück Pionierarbeit. Auch von einer Blaupause für andere Kommunen war die Rede. Beides ist nicht zu hoch gegriffen.
Flusskraftwerk in Gießen: eine Blaupause für Energiewende von unten
Die Energiewende muss auch in den Städten und Gemeinden verwirklicht werden. Mit ihrem neuen Flusskraftwerk haben die Stadtwerke Gießen eine nachahmenswerte Vorlage für andere Kommunen geliefert.








