Mit ihrem ersten Flusskraftwerk wollen die Stadtwerke Gießen klimaneutrale Energie für fast 4000 Wohnungen in der Stadt an der Lahn gewinnen. Zu diesem Zweck werden Wärmepumpen, Blockheizkraftwerke und eine elektrische Direktheizung in der „Powerlahn“ genannten Anlage genutzt. Drei große Wärmepumpen entziehen Energie, wenn Lahnwasser durch sie hindurchfließt, und geben sie an das Fernwärmenetz der Stadt ab. Ökostrom treibt wiederum die Wärmepumpen an, wie der städtische Versorger zur Inbetriebnahme am Donnerstag berichtete.Außer der Energiezentrale an der Lahn gehören zwei Blockheizkraftwerke und eine Anlage, die Strom in Wärme umwandelt („Power-to-heat“) und zwei herkömmliche mit Erdgas betriebene Turbinen ersetzt, zu der Innovation. Mit ihr werden die Stadtwerke den Ausstoß von Treibhausgasen senken und den Anteil der genutzten erneuerbaren Energien erhöhen. „Der Name Powerlahn ist also Programm“, sagte Stadtwerke-Vorstand Matthias Funk. Der Versorger hatte das Vorhaben vor etwa fünf Jahren in Angriff genommen.Flusskraftwerk als Baustein der Energiewende in Gießen„Das ist ein großer Tag nicht nur für die Stadtwerke und Gießen, sondern auch für Hessen“, sagte Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD). Der in der Stadt geborene Minister lobte die Anlage als ein Stück Pionierarbeit und als Versprechen für die Zukunft. Sie solle als Blaupause für andere Standorte in Deutschland dienen. Das Flusskraftwerk sei in kürzester Zeit geplant und verwirklicht worden. Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher (SPD) meinte, Powerlahn werde dereinst zum Vermächtnis der Stadt gehören.Die Wärmepumpen einerseits sowie die Blockheizkraftwerke und die elektrische Direktheizung andererseits liegen keineswegs nahe beieinander. Vielmehr trennen knapp zwei Kilometer die Energiezentrale an der Lahn von den am Südrand der Stadt angesiedelten beiden anderen Bestandteilen des Flusskraftwerks. Die drei Komponenten sind aber über eine gemeinsame Steuer- und Leittechnik sowie ein Wärmenetz verbunden. Als gesicherte Laufzeit der Wärmepumpen im Jahr sieht der Versorger die Monate April bis Oktober an. So ließen sich im Vergleich zu einem Heizkessel fast 8000 Tonnen Kohlendioxidausstoß im Jahr einsparen.Ingenieurskunst: Die Großwärmepumpen im Flusskraftwerk Powerlahn in GießenMarcus KaufholdDer Vorteil der Anlage liegt aus Sicht der Stadtwerke in ihrem Beitrag zum Klimaschutz und damit zur Energiewende im Ort. Die Power-to-heat-Einheit springe immer dann an, wenn an sonnigen und windigen Tagen extrem viel Ökostrom entstehe. Mit diesem Baustein entlaste der Versorger das Stromnetz. In der Folge müssten an Tagen mit viel Wind und Sonnenschein Solaranlagen und Windräder seltener vom Netz gehen. Der Versorger begegnet mit der Innovation der Kritik von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) am Ausbau der erneuerbaren Energien wegen überschüssigen Sonnen- und Windstroms.Das Flusskraftwerk verringere überdies die Abhängigkeit von Öl und Gas aus dem Ausland. „Die Stadtwerke zeigen hier einmal mehr, was heute schon möglich ist und wohin die Reise gehen muss“, lobte der Bürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende Alexander Wright den Bau der Anlage. „Powerlahn ist ein Leuchtturm-Projekt mit Strahlkraft weit über die Region hinaus und ein Vorbild für andere kommunale Energieversorger“, meinte der Grünen-Politiker. Gießen will bis 2035 klimaneutral werden, so die bisherige politische Leitlinie. Dazu leiste das Flusskraftwerk einen wichtigen Beitrag, hieß es weiter.Die Stadtwerke haben sich die Innovation rund 30 Millionen Euro kosten lassen. Die drei Großwärmepumpen an der Lahn liefern allein künftig etwa 29 Millionen Kilowattstunden Wärme jährlich. Mit etwa 50 Millionen Kilowattstunden rechnet der Versorger aus den beiden Blockheizkraftwerken. Zum Vergleich: Ein Vierpersonenhaushalt braucht je nach Lage und Qualität der Immobilie sowie dem Wärmebedürfnis der Bewohner zwischen 12.000 und 25.000 Kilowattstunden im Jahr. Die Blockheizkraftwerke werden überdies 47 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen, wie die Stadtwerke hervorheben: „Damit lässt sich der Bedarf von rund 21.000 Wohnungen decken.“Derzeit befeuert noch Erdgas die beiden Einheiten. Sie ließen sich aber auch mit Biomethan oder Wasserstoff betreiben. Die Stadtwerke wollen in Zukunft nach eigenem Bekunden vermehrt auf diese beiden Rohstoffe zurückgreifen, um die Anlage klimaneutral zu machen.