InteraktivIst die Nato bereit für den Roboterkrieg?Beim Nato-Gipfel in Ankara versuchen die Europäer, den Schaden durch den Abzug amerikanischer Truppen, Kampfjets und Schiffe aus dem Bündnis zu begrenzen. Doch die militärische Entwicklung ist schon viel weiter. Ein virtueller Gang durch die «kill zone» an der Front im Süden und im Osten der Ukraine.Guillaume Ptak und Markus Bernath (Text) und Anja Lemcke (Grafik)05.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenWenn die Landstrassen zu seltsamen Tunneln werden, aus endlosen Netzen, auf Eisenstangen viele Meter hoch von einer Seite zur anderen gespannt, dann ist die «kill zone» an der ukrainischen Front nicht mehr weit. Wenn die Autos plötzlich zu rasen beginnen, Soldaten in Pick-ups mit 120 Kilometern pro Stunde über Schlaglöcher und durch enge Kurven fliegen, ist der Rand des Todesstreifens erreicht. Dort, wo die Maschinen regieren und die Menschen sich verbergen müssen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ihor hält eine Pumpgun in den Händen, wenn er mit seinen Kameraden im Pick-up sitzt und zum Einsatz in die «kill zone» fährt. Wenn eine Drohne im Sturzflug auf ihr Auto zurast, feuert er los. Einmal waren es zwei russische Drohnen, die das Auto der ukrainischen Soldaten verfolgten. Die schützenden Netze über den Strassen lagen schon hinter ihnen. Die Tschuika, das Detektorgerät, das Drohnen meldet, schlug an. Es ist ein Gerät, das den Videokanal der gegnerischen Drohne anzapfen kann. Der Monitor der Tschuika, die so klein ist, dass man sie in der Hand halten kann, zeigte in jenem Moment also, was die russische Drohne sah und der Pilot, der sie lenkte – den Pick-up der ukrainischen Soldaten aus der Luft, die Landstrasse, auf der Ihor und seine Freunde entlangrasten. Das waren sie. In der «kill zone» kann man in Echtzeit auch dem eigenen nahenden Tod zuschauen.Ihor konnte die erste Drohne mit der Sprengladung abschiessen. Dann hatten sie Glück: Die zweite änderte plötzlich ihren Kurs und liess von den Soldaten ab. Vielleicht wurde ihre Batterie schwach, vielleicht fand der russische Pilot das Ziel zu schnell, oder es war nicht mehr interessant genug, um es weiter zu verfolgen.Kamikazedrohnen sind durch Piloten ferngesteuert oder suchen mit KI Ziele, auf die sie, mit einer Sprengladung munitioniert, stürzen.Ihor und seine Kameraden vom 423. Bataillon der ukrainischen Armee versehen ihren Dienst in einem geheimen Unterstand im Kampfgebiet um Huljajpole, ehemals eine Kleinstadt im Süden der Ukraine, in der Oblast Saporischja. Eine Woche bleiben sie dort verborgen mit ihren Monitoren und Drohnen, dann kommt die Ablösung, so wie jetzt. Der Pick-up fährt in die Scheune eines zerstörten Bauernhofs, vier Männer springen heraus, laden ihre Drohnen, ihre Munition, ihren Proviant aus, wechseln ein paar Worte mit der alten Mannschaft.Nur fünf Minuten dauert die Rotation. Sie dürfen von den Kameras der russischen Drohnen draussen nicht entdeckt werden. Geschwindigkeit ist eine Überlebensfrage. Der Pick-up fährt wieder los, die Soldaten klettern in ein Loch im Boden der Scheune. Dort ist ihr Kommandoposten, etwa 10 Kilometer entfernt von den ersten russischen Positionen. Metertief in einem Keller voller schwarzem Erdstaub und Rauch. Die Soldaten vor den Monitoren rauchen Kette.Drohnen haben einen grossen Teil des Krieges in der Ukraine übernommen. Panzer, Haubitzen, Soldaten in grösseren Gruppen sieht man kaum mehr an der Front. Für die unbemannten, zum Teil KI-gesteuerten Propellermaschinen sind sie ein viel zu leichtes Ziel: zu gross, zu langsam, meist nutzlos für Angriff und Verteidigung. Die 1000 Kilometer lange Front in der Ukraine ist zu einer grauen Zone verschwommen, 10 bis 30 Kilometer breit, je nach Geografie und militärischer Lage. Dort kämpfen Roboter gegen einzelne Soldaten und manchmal auch gegeneinander.Das hier ist der Krieg der Zukunft. Und er hat schon begonnen.Trumps GeringschätzungWeiss das auch die Nato? Die 32-Staaten-Allianz steht vor dem vielleicht schwierigsten Gipfel ihrer Geschichte. Am Dienstag und Mittwoch treffen sich die Staats- und Regierungschefs – ausgerechnet im Palast des autokratisch regierenden türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Als wäre das nicht schon problematisch genug, bestimmt der Konflikt mit dem amerikanischen Präsidenten das Bündnis.Die Europäer werden sich wieder einmal Donald Trumps Geringschätzung ihrer militärischen Fähigkeiten anhören müssen, seine Drohungen mit dem Abzug amerikanischer Truppen und Waffen aus der Nato. Dabei haben die USA selbst gerade eine strategische Niederlage in einem Krieg erlitten.Trotz ihrer Übermacht an Bombern, Raketen und Flugzeugträgern haben sie Iran nicht in die Knie zwingen können. Wieder waren es die Drohnen, die asymmetrische Kriegsführung. Die stärkste Militärmacht der Welt war falsch aufgestellt. Gegen die neue Realität des Krieges können die alten teuren Hightech-Waffen nur bedingt etwas ausrichten.Die Soldaten in ihrem Keller in der Nähe von Huljajpole tragen Stirnlampen mit rotem Licht. Eine weitere Vorsichtsmassnahme. Weisses Licht würde sie vielleicht verraten, sollte eine russische Drohne den Weg in die Scheune finden auf der Suche nach ukrainischen Kommandos. Das rote Licht wird von den kahlen Mauern zurückgeworfen, den Munitionskisten, den Gewehren, die an den Wänden lehnen, den schweren Perun-Drohnen, so benannt nach dem Donnergott der slawischen Mythologie, die aufgestapelt auf ihren Einsatz warten.Tod im UnterholzFeiner Staub haftet an den Stiefeln, der Kleidung, den Waffen und im Hals. Alle husten. Alle rauchen. Auf dem Bildschirm beobachtet die Kamera einer Drohne ein Unterholz zwischen zwei Feldern, ein paar Kilometer entfernt. Ein russischer Soldat bewegt sich vorsichtig vorwärts, das Gewehr über der Schulter. Um ihn herum rührt sich nichts. Die Landschaft wirkt leer. Genau das macht sie so gefährlich. Die «kill zone» ist transparent, ein weitgehend gläsernes, überwachtes Kampfgebiet. Wer sich zeigt, riskiert den Tod.«Sie versuchen, unsere Stellungen dort anzugreifen», sagt Ihor und zeigt mit dem Finger auf den Bildschirm. Nur Sekunden später taucht eine ukrainische Kamikazedrohne im Bild auf, gesteuert durch die Kamerabrille von Ihors Sitznachbar im Keller, sie fliegt auf den Mann zu und explodiert in Höhe seiner Beine. «Ja! Volltreffer!», ruft Ihor und klatscht in die Hände. Eine schwarze Wolke steigt auf und löst sich dann auf. Der russische Soldat bewegt sich noch immer. Eine andere Drohne beobachtet für die Männer im Keller diese fürchterliche Szene aus der Luft.Ihor flucht und zündet sich eine neue Zigarette an. Der verwundete Mann kriecht zu einem Schützengraben, wo ein zweiter russischer Soldat sichtbar wird. Fast augenblicklich taucht eine weitere Drohne der Ukrainer auf. Für die beiden Männer endet der Krieg im Erdloch eines namenlosen Unterholzes.20 bis 35 Minuten sei nun die Überlebensdauer eines russischen Angreifers in der «kill zone», so schrieb ein Z-Blogger, ein Putins Angriffskrieg unterstützender Militärkommentator, auf Telegram. Doch Ähnliches gilt für ukrainische Verteidiger in der «kill zone». Auch sie werden beobachtet und binnen Sekunden angegriffen, etwa von einer mit Sprengstoff bewaffneten Drohne, die im Gras reglos über Stunden wartet und startet, sobald ein russischer Pilot aus seinem Unterstand ukrainische Soldaten sieht. «Schduny» heissen solche Drohnen, abgeleitet vom russischen Wort für «warten». Beide Seiten nutzen sie, jede Kriegspartei zwingt der anderen die «kill zone» auf. Man kann dort sterben, allein weil man eine Strasse überquert, Munition zu langsam geliefert oder einen Motor zu nahe am Todesstreifen gestartet hat.Multirotor-Drohnen können am Boden lauern, auf ihren Einsatz warten und dann verschieden grosse Sprengsätze abwerfen.Die deutsche Bundeswehr übt derweil gemeinsam mit anderen europäischen Nato-Ländern für den Ernstfall in Litauen, für den Angriff der russischen Armee. Schneller Vorstoss von einem halben Dutzend Leopard-Panzern über eine Waldlichtung. Die Generäle schauen zu. Viel Motorenlärm, viel Metall, tonnenschwer. «Freedom Shield 26-1» heisst die Militärübung, die im Juni abgehalten wurde. Nächstes Jahr soll die deutsche Panzerbrigade 45 komplett aufgestellt sein. 5000 Männer und Frauen, Zivilangestellte inklusive. Sie sollen die erste Sperre sein, die Putins Armee davon abhält, die baltischen Republiken einfach zu überrennen. Aber was, wenn man all die Panzer gar nicht braucht? Oder zumindest nicht so, wie es die Generäle immer geplant, die Panzerkompanien immer geübt haben? Was, wenn die Nato ganz falsch investiert?Der Jackpot für DrohnenpilotenIm Ukraine-Krieg zwang die Entstehung der «kill zone» die Russen dazu, ihre Taktik anzupassen. Grosse Panzerkolonnen sind sehr selten geworden. «Anfang 2022 flössten gepanzerte Fahrzeuge, Kampfpanzer, all diese Sachen noch Angst ein», sagt Witali Hersak, der Kommandant des 423. Bataillons für unbemannte Systeme. «Heute ist das für uns der Jackpot. Sobald ein Fahrzeug auftaucht, schalten wir es blitzschnell aus.»Die Russen bewegen sich also anders fort: zu Fuss, in kleinen Gruppen von zwei bis vier Soldaten, mit dem Motorrad oder dem Quad – einem kleinen Kraftfahrzeug auf vier Rädern –, wobei sie den Schutz nutzen, den Bäume und Büsche bieten. Für die Ukrainer geht es nun darum, zu sehen, bevor sie selbst gesehen werden. Und den Russen das Durchqueren der «kill zone» unmöglich zu machen, das Einsickern der feindlichen Soldaten, die Stacheldraht und Gräben zu überwinden versuchen. Jeden Monat, jede Woche gibt es technische Neuerungen. Bodenroboter etwa, die Minen verlegen oder mit Sprengladungen in die Verstecke russischer Soldaten fahren.Früher wäre das ein lebensgefährliches Unternehmen für ukrainische Soldaten gewesen. Jetzt erledigen dies zum Teil die Maschinen. Die Ukraine kann so mit einem Mal ihre grösste Schwäche an der Front ausgleichen: die Unterlegenheit bei der Zahl der Soldaten gegenüber der russischen Armee.In ihrem Unterstand reparieren Ihor und seine Kameraden die Perun-Drohnen, ihr wichtigstes Einsatzmittel. Die Flugmaschinen versorgen andere Soldaten, die sich noch tiefer in der «kill zone» verborgen halten, mit Proviant und Munition. Oder sie werfen Sprengsätze ab. Das Kommando im Keller bastelt sie selbst, je nach dem Zweck, den die Bomben erfüllen sollen. Seine «Salatsauce» nennt Ihor die Sprengstoffmischungen.Düstere ZukunftMillionen von Drohnen produziert die Ukraine mittlerweile in Werkstätten und Fabrikhallen überall im Land. Kein Vergleich mit den Nato-Ländern, die bei der Kriegsführung mit Drohnen erst am Anfang stehen. Auch der Bau von Bodenrobotern hat in den vergangenen Wochen offenbar deutlich zugenommen. Es ist ein Zeichen dafür, wie sich Waffen und Maschinen in den «kill zones» laufend ändern. Und die malträtierte Natur versucht sich anzupassen. Aus den kilometerlangen Glasfaserkabeln, die jene Drohnen hinterlassen, die auf ihrem Flug die Kommunikationsleitung abspulen, bauen sich die Vögel nun Nester.FPV-Drohnen mit Glasfaserkabel spulen während ihres Fluges das Kabel ab und bleiben – ohne elektronisch gestört werden zu können – mit dem Piloten in Verbindung, bis sie ihr Ziel treffen.Der Todesstreifen an der ukrainischen Front steht keineswegs still. Er bewegt sich vor und zurück, wird breiter oder schmaler, schluckt hier und da ein zerstörtes Dorf oder gar eine Stadt. Er wird auch die Grenze der Nato-Länder zu Russland, wenn der Konflikt mit Putin eskaliert. Er ist die düstere Zukunft des Krieges.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel