Hilfe, ich werde langsam bitter! Aber was, wenn das gar nicht so schlimm wäre?Bitterkeit riecht nach seelischem Stillstand und gekränktem Stolz. Dabei ist sie nicht nur ein Charakterfehler: Sie stärkt auch unserer Wahrnehmungsschärfe. Erkundung eines ungeliebten Gefühls.Annabelle Hirsch05.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenBitterkeit beginnt, wo die Schale reisst.Amy Woodward / Connected ArchivesEs ist schon eine Weile her, da unterhielt ich mich mit einer Freundin über das Leben, darüber, wie es sich gerade anfühlt, wie es gerade schmeckt, und stellte fest, dass sich in meine Geschmackspalette ein neuer Gusto eingeschlichen hatte. Eine mir bis dahin unbekannte Note. Während meine Freundin strahlend erklärte, sie fände die Existenz in letzter Zeit wirklich köstlich, süss und salzig, manchmal auch einfach scharf, und dabei wirkte, als sei sie hungrig, verzog ich ratlos das Gesicht. «Ich glaube, ich habe eine neue Geschmacksnote entdeckt: die Bitterkeit. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich ernsthaft nachtragend, voller Ressentiment.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein ekelhaftes Gefühl, befand ich: «Nahezu widerlich.» Meine Freundin, die oft findet, dass ich übertreibe, sah mich mit ihren sanften Augen an und meinte: «Wenn du das zum ersten Mal spürst, dann hast du bisher wohl unverschämt viel Glück gehabt. Die Bitterkeit ist ein sehr gängiges Gefühl. Jeder empfindet das manchmal. Das ist schon okay.»Ich habe länger nicht mehr an dieses Gespräch gedacht. Zwar war der leicht bittere Geschmack seitdem nie mehr ganz verschwunden, er kam und ging in Wellen, wie ein unangenehmer Geruch, der einem an manchen Tagen im Hausflur oder auf der Strasse entgegenweht. Nur beachtete ich ihn nicht weiter. Weil ich, auch wenn meine Freundin ihn für normal hielt, partout nicht einsehen wollte, warum ich ihn plötzlich schmecken musste, wo meine Geschmacksknospen mich doch bis dahin so erfolgreich davor bewahrt hatten. Auch weil ich mich schlicht dafür schämte. Bitterkeit und Ressentiment, also das Festhalten an Schmerz und Kränkung, standen für mich bisher immer für einen Geiz des Herzens, eine Lust an der Unfreiheit und am Opfersein, die ich nicht leiden konnte und die mir Angst machte. Ich wollte es nicht schmecken, ich wusste nicht, wohin damit, also tat ich so, als gäbe es das nicht. Bitter? Ich? Nein, niemals!Doch dann stiess ich vor ein paar Wochen auf einige Bücher zum Thema und begann mich zu fragen, ob ich die Sache mit der Bitterkeit vielleicht falsch angegangen war. Da sie nun einmal existierte, ergab es nicht mehr Sinn, sich für sie zu interessieren, statt sie wie diese schräge Verwandte zu behandeln, die wir alle haben, die aber nie jemand einlädt, aus Angst, sie könne peinlich auf das feine Tischtuch sabbern?Das erste dieser Bücher, jenes, das mir überhaupt erst klarmachte, welche Gefahr ich lief, war «Lob des Risikos» von der französischen Psychoanalytikerin Anne Dufourmantelle. Dufourmantelle, die 2017 ums Leben kam, als sie in einen See sprang, um ein ertrinkendes Kind zu retten, plädiert darin auf sehr mitreissende Weise für den Mut. Die Fähigkeit, sich allen emotionalen Beulen und Ernüchterungen zum Trotz immer und immer wieder mit der Neugier eines Kindes ins Leben zu werfen.Warum die Auster verschrumpeltWährend ich das Buch las, eingeigelt unter meiner Decke, dachte ich auf jeder Seite, ja, liebe Anne, du hast so recht – ein Hoch auf den Mut! Ein Hoch auf das Risiko! – merkte zugleich aber auch, dass mir etwas von diesem Elan abhandengekommen war.Dieser Muskel, der macht, dass man wieder aufsteht, wenn man fällt, dass man sich den Staub von der Brust wischt und weiterläuft, auch wenn es weh tut, auch wenn man humpelt – dieser Muskel war irgendwie gerissen. Das sei ein Problem, meint Dufourmantelle. Wer nicht aufstehe, stecken bleibe, riskiere die Bitterkeit, werde klein und ängstlich, geizig, irgendwie eng, sagt sie, und auf einmal hatte ich das Bild einer Auster vor Augen: Knackt man die Auster auf, liegt sie, die einiges verkraftet, noch immer entspannt in ihrer Muschel. Spritzt man ihr aber einen Schuss Essig auf den Körper, ziehen sich ihre Ränder schlagartig zusammen. Sie verkleinert sich, ist nicht mehr die offene, weiche Version ihrer selbst, sondern wirkt ängstlich und verschrumpelt.Nun werden Sie natürlich zu Recht anmerken, dass Essig genau genommen mehr sauer als bitter ist, das Bild ergibt meiner Meinung nach trotzdem Sinn. Wer zu lange in der Bitterkeit badet, verschrumpelt geistig und emotional. Oder, wie es die französische Philosophin Cynthia Fleury in ihrem sehr erhellenden Buch «Hier liegt Bitterkeit begraben. Über Ressentiments und ihre Heilung» schreibt: Wer nicht verzeihen und nicht vergessen kann, sperrt sich selbst ein, schlägt alle Türen und Fenster zu und sitzt irgendwann allein in einem Raum, in den weder Licht noch Luft gelangt.Das Leben im Ressentiment ist eines, das sich schützen will, in Wahrheit aber selbst erstickt. Interessant dabei sei, so Fleury, dass die Bitterkeit aus unterschiedlichen Quellen in den Körper fliessen kann. Sie kann die Folge eines traumatischen Erlebnisses sein, eines Schmerzes, der nicht verdaut wurde und nun in einer Ecke des Körpers schimmelt wie eine vergessene Frucht. Sie kann aber ebenso gut als Reaktion auf ein nicht eingetroffenes Ereignis erscheinen: die Beförderung, die man zu verdienen glaubte, die aber nie kam, der Ruhm, der einem angeblich zustand, der aber ausblieb, die Versprechen, die nicht gehalten wurden.Gerade unsere Gegenwart, unsere Demokratien, die Chancengleichheit versprechen, aber nicht zwingend halten, Social Media, die uns permanent vor Augen führen, wie viel glücklicher, erfolgreicher, schöner, beliebter, einfach besser dran alle anderen sind, bieten ein wunderbares Terrain für Bitterkeit und Ressentiment. Das Tückische, so Fleury, sei, dass die Person, die in diesem vergifteten Raum hocke, meist alle Auswege verweigere. Reisst man eine Tür auf und sagt: «Komm doch raus zu uns, in die Freiheit, hier ist es schön, hier ist es warm, das Leben ist süss, manchmal auch bitter, klar, aber es lohnt sich», wird die «Person des Ressentiments» sich mit dem Rücken zur Tür stellen, die Wand anstarren und sagen: «Du lügst doch. Ich sehe es doch, hier ist nur eine Wand. Es gibt keine Tür, es gibt kein Fenster, es gibt keinen Ausweg.»Wenn Bitterkeit interessant machtWas macht man also? Um nicht in die Fänge des Ressentiments zu geraten, müsse man in Bewegung bleiben, schreibt Fleury, die Fixierung auf das Leid oder das nicht eingetroffene Glück vermeiden, der Welt gegenüber offen bleiben, staunen, begehren und akzeptieren, dass manches nicht wieder gutgemacht werden könne. Vor allem aber müsse man lernen, an der Bitterkeit Geschmack zu finden: «Weil wir diesen Geschmack nicht fürchten, weil wir ihn zu schätzen wissen, erhöht er die Dichte der Welt.»So ähnlich beschreibt es auch der Historiker Massimo Montanari in seinem bisher leider nur auf Italienisch und Französisch erschienenen Band «Amaro. Un gusto italiano». Montanari erklärt darin etwas, das man zwar sicher wusste, so aber nie im eigenen Kopf ausformuliert hat: Italien liebt das Bittere.Während die meisten gastronomischen Traditionen Europas das Bittere vermeiden (immerhin gilt es in der Natur als relativ sicheres Indiz für ein Gift) oder zumindest versuchen, es zu übertünchen (denken Sie nur an die karamellisierten Kartoffeln zum Grünkohl), zeichnet sich die italienische Küche durch eine Leidenschaft für das «amaro» aus. Sei es der «caffè» am Morgen, der Campari am späten Nachmittag, die diversen «amari» zum Verdauen am Abend, die Haut der Zitrone, der «radicchio», die «cicoria», die dunkle Schokolade, die Oliven, das Öl: Am Bitteren kommt man in Italien kaum vorbei, es wird geliebt und gefeiert, mindestens ebenso wie das ebenfalls sehr präsente Süsse.Als ich das las, drängte sich mir eine Frage auf: Wenn man dem Klischee zustimmt, nach dem das Leben in Italien etwas süsser sei, könnte es sein, dass die Fähigkeit, den bitteren Gusto zu geniessen, die Voraussetzung für diese Dolce Vita ist? Ich verabrede mich mit Montanari zum Video-Anruf. Fraglos, meint er, nachdem er erst einmal über diese sehr nordeuropäische Frage lacht. Der Umgang mit den unangenehmen Aspekten des Lebens sei wahrscheinlich etwas anders. Während man im Norden eher versuchen würde, dem Schmerz aus dem Weg zu gehen oder Schwächen zu leugnen (Bitter? Ich? Nein!), gehe man in seiner Heimat mehr rein: «Denken Sie an die Klageweiber an Beerdigungen. Das laute Weinen, die Prozession ist eine Art, das, was unangenehm und schmerzhaft ist, zu zelebrieren und so in eine Form von Genuss zu verwandeln.» Das verhindere die Verhärtung und somit auch die Bitterkeit.Vor allem aber wisse man in Italien, dass eine Prise Bitteres fast jedes Gericht interessanter mache. Deshalb sage man auch, dass das Bittere ein Geschmack für Erwachsene sei, für jene, die Nuancen und Komplexität ertragen und geniessen können. Das wirklich gute, das wirklich gelebte Leben ist so gesehen nicht einfach «dolce». Es ist «dolce amaro», bittersüss. ■Annabelle Hirsch hat in «Der Ekel» von Jean-Paul Sartre eine sehr gute Beschreibung einer sich anbahnenden Bitterkeit gefunden. Sartre schreibt über seine Figur Lucie, sie habe eine geizige Art zu leiden, sei weder in der Lage, sich ihrem Leid ganz hinzugeben, noch, sich davon zu lösen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Wie Bitterkeit unsere Wahrnehmung schärfen kann – eine Erkundung
Bitterkeit riecht nach seelischem Stillstand und gekränktem Stolz. Dabei ist sie nicht nur ein Charakterfehler: Sie stärkt auch unserer Wahrnehmungsschärfe. Erkundung eines ungeliebten Gefühls.







